365 Days To Blow Your Mind

– Interview mit Orga-Chefin Katharina Westbrock –

Für die Gäste ist das Filmfest eine feine Sache: Wunderbare Filme, interessante Gäste, internationale Atmosphäre, alles direkt vor der Haustür. Aber was ist eigentlich nötig, damit es überhaupt zustande kommt? OffBlogger Thorsten Bruns hat sich mit Organisationsleiterin Katharina Westbrock über die Arbeit hinter den Kulissen des Filmfestes unterhalten.

Katharina Westbrock (vordere Reihe, Zweite von rechts) mit einem Teil des Teams beim OLB-Preview (Foto: Markus Hibbeler)

Frage: Katharina, du gehörst zum Kernteam. Was können wir uns darunter vorstellen? Wie viele seid ihr? Und wer ist dabei?

Katharina Westbrock: Von Torsten Neumann abgesehen gibt es zwei ganzjährige Angestellte. Das sind Thomas Vorwerk und ich. Auch Steffen Pilney war für ein paar Stunden in der Woche dauerhaft dabei. Wir sind aber nicht das ganze Jahr Vollzeit  im Filmfestbüro, sondern erst ab Juni. Direkt vor und während des Festivals sieht das etwas anders aus. Dann arbeiten etwa fünfzig Leute für uns: Gästebetreuer, Personal an den Abendkassen, die Kinobetreuer und so weiter. Einige sind schon seit vielen Jahren dabei und können auch entsprechend viel Verantwortung übernehmen.

Es kommen aber jedes Jahr auch wieder neue dazu, die Feuer und Flamme für das Festival sind.

Vor allem Studenten, aber auch Berufstätige, deren Job das möglich macht oder die sogar Urlaub dafür nehmen.

Offiziell hat das Filmfest am 16. September begonnen. Ihr legt aber natürlich viel früher los. Wie läuft das Jahr für euch ab?

kwKatharina: Torsten ist natürlich viel auf Festivals und in der Branche unterwegs. Er sichtet Filme, beobachtet Trends, stellt Kontakte her. Wir schauen, wie wir ihn dabei unterstützen können. Wichtig ist es auch, möglichst viele Abläufe zu entzerren, damit wir rund ums Festival etwas weniger Stress haben. Das klappt allerdings nur begrenzt, weil viele Sachen natürlich erst kurzfristig kommen und Details immer erst sehr spät feststehen. Aber wir bemühen uns, bestimmte Dinge vorher zu erledigen. Ein Beispiel dafür ist die Kulturetage – da war relativ früh klar, dass sie wegen der Umbauten nicht zur Verfügung steht und dass wir mit dem Festivalcenter und der Presselounge umziehen müssen. Wir haben mit Rosenbohm schnell eine tolle Lösung gefunden, aber in den Details ist da eben doch einiges abzusprechen und zu organisieren.

Ist eure Ausgabe denn dann eher organisatorisch geprägt – und Torsten kümmert sich um den Film?

Katharina: So klar kann man das nicht trennen. Wir unterstützen Torsten auch bei den Filmen. Interessant ist dabei, dass unser Blickwinkel ein anderer ist als seiner. Wir kennen uns besser aus in den Bereichen Serie oder Jung-Stars. Wir erweitern gegenseitig unsere Blickwinkel.

Ihr habt in diesem Jahr über tausend Filme aus achtzig Ländern bekommen. Wie muss man sich das vorstellen? Kommen die alle kurz vor der Deadline oder eher ganzjährig? Und wer schaut die alle?

Katharina: Das ist ein ganzjähriger Prozess. Es fängt eigentlich schon im November an, dann kommen die ersten Einreichungen. Zur Early Bird Deadline gibt es dann sehr viele Einreichungen und danach geht es auch noch eine Weile weiter. Wir versuchen natürlich, so früh wie möglich so viel wie möglich zu sichten. Aber irgendwann ist es tatsächlich so, dass Filmegucken Arbeit ist. Das ist bei der Menge kaum zu vermeiden.

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Wie viele Menschen sind denn daran beteiligt? Selbst wenn man rund um die Uhr guckt, sind tausend Filme noch extrem viel.

Katharina: Wir Internen gucken natürlich am meisten, keine Frage. Wir haben aber auch Externe, die uns unterstützen. Die kann ich kaum alle aufzählen. Tom Bewilogua zum Beispiel. Oder Buddy Giovinazzo, der sich bestens auskennt. Und RP Kahl natürlich, der ist Spezialist für deutschen Film. Und es gibt noch viele weitere, die uns mit ihrer Kompetenz unterstützen und mit denen wir diese Massen bewältigen können. Wir sind froh, dass wir die Sichtungen mittlerweile ebenfalls elektronisch machen können – über Vimeo-Links, über Film Freeway und Withoutabox. Wenn ich zum Beispiel an 2013 zurückdenke, als wir noch ein riesengroßes Regal voller DVDs hatten und an den logistischen Aufwand dahinter – dann bin ich wirklich froh, dass diese Zeiten vorbei sind.

Stammen die Filme, die es letztlich ins Programm schaffen, denn größtenteils aus den Bewerbungen? Oder versucht man auch aktiv, bestimmte Filme nach Oldenburg zu holen, die man hier gerne zeigen möchte?

Katharina: Es kommt durchaus mal vor, dass man sich richtig Mühe geben muss. Wir stellen aber immer wieder fest, wenn wir gute Filme sehen und danach in unsere Liste gucken: „Aha! Der wurde auch bei uns eingereicht!“ Darüber freuen wir uns jedes Mal. Aber natürlich schaut man sich auch um und versucht, bestimmte Sachen zu kriegen. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Das ist auch eine Frage von Filmförderungen und von Verträgen. Aber wir bemühen uns – und manchmal kämpfen wir auch. Bisher hat das fast immer geklappt!

Was ist mit möglichen Gästen? Spielen die zu diesem Zeitpunkt schon eine Rolle?

Katharina: Nein, zu diesem Zeitpunkt nicht. Natürlich ist es toll, wenn man bekannte Gesichter dabei hat, die dann auch noch stark spielen; wie zum Beispiel bei „I Smile Back“. Aber trotzdem interessiert das im ersten Moment gar nicht. Man versucht erstmal, den Film zu bekommen. Erst danach geht es irgendwann darum, die Gäste einzuladen. Und das klappt auch gut.

In der Independent-Reihe zum Beispiel haben wir zu jedem Film den Regisseur da.

Das ist uns sehr wichtig. Ich weiß nicht, ob es für alle nachvollziehbar ist, dass man sich vor allem um den Regisseur bemüht und sich freut, wenn der kommt. Viele Menschen denken wohl eher an die Schauspieler. Aber uns geht ja in erster Linie um den Film als Kunstwerk. Und das hat der Regisseur zu verantworten.

Wenn ihr als „Oldenburg“ auftretet – gibt es da auch mal Stirnrunzeln? Oder weiß jeder sofort Bescheid?

Katharina: Ich hab das Gefühl, dass es bei den meisten schon ein Begriff ist. Das hat sich durchgesetzt in den letzten Jahren. Wir haben jetzt so viele Kontakte und haben schon so viele große Sachen gemacht, dass Oldenburg einen guten Namen hat. Hier und da gibt’s zwar mal Nachfragen, aber vor allem im Bereich der Schauspielagenturen. Bei den Verleihen und bei den Vertrieben ist das selten der Fall, dass jemand Oldenburg nicht kennt.

Irgendwann ist die Vorbereitungsphase aber vorbei und das Filmfest beginnt. Was bedeutet das für euch? All work, no sleep?

Katharina: Man wohnt schon mehr oder weniger im Büro. Manche Aufgaben ziehen sich und dann haben wir einfach lange Arbeitstage. Und wir hauen uns auch hier und da die Nächte um die Ohren, wenn es nötig ist. Es gibt die schöne Tradition, dass wir am Samstag vor dem Festival um acht Uhr abends Schluss machen, damit alle nochmal einen ruhigen Abend haben und vorschlafen können. Aber danach ist Durchpowern angesagt.

Man wundert sich manchmal, was ein Körper so alles aushalten kann, wenn man will und wenn man muss.

Eine körperliche Grenze gibt es sicherlich – und die erreichen wir während des Filmfestes alle. Es ist aber schön, dass man das alles auch genießen kann. Und dass es Spaß macht. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass wir einen tollen Team Spirit haben.

Und was ist für euch als Ergebnis besonders wichtig? Worüber freut ihr euch?

Katharina: Am schönsten ist es für uns, wenn die Gäste am Sonntagabend auf uns zukommen und sagen: „Wir hatten eine fantastische Zeit.“ Natürlich freut man sich auch über gute Presse und gute Screenings. Besonders wichtig sind uns aber die lächelnden Gesichter am Ende eines Festivals, bei dem man die Liebe zum Film spüren konnte, das eine wunderbare Dramaturgie hatte – von edel bis runtergerockt – und das einfach cool war. Und wenn ein Gast später sagt: „Dahin will ich zurück, weil das eine schöne Erfahrung war“, dann haben wir vermutlich einiges richtig gemacht. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Whitney Abel, die gesagt hat: „Ein Film mit mir läuft in Oldenburg? Da will ich unbedingt dabei sein.“ Auch Joanna Cassidy ist ein schönes Beispiel, die sich via Twitter sehr darüber freut, dass wir sie hierher einladen und ehren.

Der schönste Lohn: Zufriedene Gäste, die gerne wiederkommen.

Der schönste Lohn: Zufriedene Gäste, die gerne wiederkommen.

Insgesamt können wir wirklich zufrieden sein. Aber wir können sicher überall noch eine Schippe drauflegen und noch etwas mehr – und alles noch etwas besser – machen. Das wäre mein Wunsch für die nächsten Jahre – da noch an einigen Schrauben zu drehen und den nächsten Schritt zu machen.

Nach Geld wollte ich dich eigentlich gar nicht fragen. Aber weil du es gerade andeutest: Spürt man das, dass das Budget momentan nicht unbegrenzt ist?

Katharina: Ja, klar, das spürt man durchaus. Das fängt schon damit an, dass man nicht jedem US-Star einen Economy-Flug anbieten kann. Da gibt es eine ganz andere Flugkultur, da kommt Economy kurz vorm Karriereende (lacht). Ganz wichtig ist aber das Personal. Das müssten wir an der einen oder anderen Stelle aufstocken – wenn wir denn könnten. Da gibt es ein Dilemma: Zum einen will man hier große Stars sehen – zum anderen will man das Budget begrenzen. Das passt natürlich nicht zusammen.

Der German Independent Award wird natürlich auch schmerzlich vermisst.

Katharina: Auf jeden Fall. Es kommt auch vor, dass einige deutsche Filme eher zu anderen Festivals gehen, weil es da etwas zu gewinnen gibt. Hier kann man natürlich auch viel erreichen. Aber es gibt eben nicht diesen einen Preis, der eine erhebliche Außenwirkung hat. Und das ist auf jeden Fall spürbar. Und es ist unfassbar schade, weil wir deutsches Independent-Kino damit wirklich auf einen Sockel stellen konnten. So ein Herzstück einzusparen, tut richtig weh. Aber ich will jetzt nicht jammern.

Irgendwann ist das Festival auch wieder vorbei. Nach einer so verdichteten Zeit – wie fühlt es sich an, wenn auf einmal wieder Alltag einkehrt?

Katharina: Überspitzt ausgedrückt fühlt man sich plötzlich wahnsinnig nutzlos. (lacht) Natürlich gibt es noch hundert Dinge zu tun. Aber man hat das Adrenalin abgebaut, das einen in den Wochen zuvor wach gehalten und stark gehalten hat. Mir graut es ehrlich gesagt vor dem Festival schon immer vor der Zeit nach dem Festival: Wenn der große Knall vorbei ist und man plötzlich in einem kleinen Loch sitzt, aus dem man erstmal wieder raus muss. Da helfen nur ein paar Tage Wellness oder ein Wochenende durchschlafen. Und irgendwann geht es dann schon wieder weiter … mit den Vorbereitungen zum 23. Internationalen Filmfest.

Das Gespräch führte Thorsten Bruns.
Fotos: Markus Hibbeler/OLB, Filmfest Oldenburg, Jörg Hemmen

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