Alles andere als eindimensional

– Retrospektive Philippe Mora –

Adolf Hitler hätte dieser Film sicher gefallen. Schon allein, weil er selbst in großen Teilen die Hauptrolle spielt. Wie kommt das Internationale Filmfest Oldenburg also dazu, ausgerechnet einen Mann mit einer Retrospektive zu ehren, der genau diesen Film gedreht hat?

Filmplakat_SwastikaWeil „Swastika“ – so der Name des Streifens – ebenso wenig eindimensional daher kommt wie sein Schöpfer Philippe Mora. Er wurde 1973 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und verursachte einen so großen Aufruhr, dass die Vorführung abgebrochen werden musste und in Deutschland lange verboten war. Mora zeigte den geschockten Zuschauern eine bunt eingefärbte Version des Kaffee trinkenden, plaudernden Hitler und schien das schwarz-weiße Bild vom dämonischen Führer infrage zu stellen. „Sie sagten, es sei ‚anti-deutsch‘ und ‚gefährlich‘, bla-bla-bla“, beschreibt Philippe Mora die Reaktion (1). Ist die Auszeichnung seines Gesamtwerkes beim diesjährigen „German Sundance“ also gerechtfertigt, wie das Oldenburger Festival gern genannt wird?

Ja. Wer die Person Philippe Mora verstehen will, tut gut daran, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen: Als Sohn einer Künstlerin und eines Kunsthändlers wurde dem 1949 in Paris Geborenen der Hang zu den künstlerischen Dingen in die Wiege gelegt. Der jüdische Vater stammte aus Leipzig, schloss sich früh dem kommunistischen Untergrund an, floh 1930 nach Paris und war Résistance-Kämpfer im Zweiten Weltkrieg. Aus Angst vor einem erneuten Krieg emigrierte die Familie später nach Melbourne.

Philippe mora_Popeyes_Expulsion_1970

Mora als junger Künstler in London vor
einem seiner Werke (circa 1970)

Hier, im Zentrum der australischen Künstler-Szene der 1950er Jahre, eröffneten die Eltern Kunstcafés, ließen Maler dort ausstellen und gehörten bald zu den bekanntesten Künstlerfamilien Australiens. Diese kreative Umgebung färbte ab auf den jungen Mora. Bereits mit 15 Jahren drehte er seinen ersten Film: „Black Alley“, eine Parodie auf die „West Side Story“, gefilmt in der Flinder’s Lane hinter dem Studio seiner Mutter. Mit 17 Jahren zog Mora nach London, um dort seinen künstlerischen Ideen weiteren Raum zu geben. Der Rahmen war optimal – Mora fand im Pheasantry, damals Künstlerhaus mit Appartements und Studios, ein Zuhause und war Zimmergenosse von Eric Clapton. In seiner Londoner Zeit entstand auch Swastika.

Die Bandbreite an Erfahrungen, die er in seinem Leben machte, setzt Philippe Mora künstlerisch genauso vielfältig um. Er bedient ein Spektrum, das vom Dokumentarfilm („Brother, Can You Spare a Dime?“) über den Öko-Thriller („Die Brut des Adlers“) bis zum Science-Fiction-Genre reicht: „In Communion“ (1989) spielt Oscar-Preisträger Christopher Walken den Schriftsteller Whitley Strieber, auf dessen gleichnamigen Roman dieser Film beruht. Im Familienurlaub kommt er mit Außerirdischen in Kontakt und kämpft gegen den Unglauben seiner Familie und die eigene, innere Hilflosigkeit an.

Philippe Mora_Mad Dog Morgan

Philippe Mora beim Dreh von „Mad Dog Morgan“, der 1976 erschienen ist.

Moras große Wandelbarkeit findet weltweit Anklang. „Mad Dog Morgan“ (1976) mit Dennis Hopper, einer der außergewöhnlichsten Filme über Gesetzlose, war der erste australische Film, der in den USA landesweit verliehen wurde. Auch hier zeigt sich Moras ständiger Blick auf das Geschehen seiner Zeit. Der Film schildert die letzten zwölf Lebensjahre des gesetzlosen Daniel Morgan. Die enorme Brutalität des Films erklärt er so: „Vietnam war zu der Zeit noch ganz präsent in unseren Köpfen. Wir waren einfach gewohnt, diese unglaubliche Gewalt des Krieges auf den Bildschirmen in unseren Wohnzimmern zu sehen […]. Wir müssen bedenken, dass eine Menge Australier in Vietnam gekämpft haben.“ (2; übersetzt von Mareike Schulz). Bezeichnend für „Mad Dog Morgan“ ist, dass der Film an authentischen Orten gedreht wurde, an denen auch der echte Morgan gewirkt hat. Genauso ist Morgans Höhle im Film der tatsächliche Unterschlupf des Gesetzlosen.

Der Blick in die Vergangenheit gelingt Mora auch komisch-satirisch. In „The Return of Captain Invincible“ (1983) verkommt der ehemals die Nazis im Zweiten Weltkrieg bekämpfende Superheld zum Alkoholiker, der seinen Ruhestand in den Weiten Australiens verlebt, nachdem die Navy ihn entlassen hat. Begründung: Er sei ohne Flugerlaubnis geflogen und hätte sich nur mit Unterwäsche bekleidet in der Öffentlichkeit gezeigt. Zudem wird er verdächtigt, Kommunist zu sein, trägt er doch ein rotes Cape. Dennoch wird er nach 30 Jahren des Rentnerdaseins berufen, seinen alten Rivalen Mr. Midnight zu bekämpfen und das Vaterland sowie den Rest der Welt zu retten.

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Kunst ist sein Mittel, die Themen der Zeit aufzuarbeiten:
Regisseur Philippe Mora.

Auch mit der eigenen Vergangenheit setzt sich Mora künstlerisch auseinander. In „German Sons“ (2011) arbeitet er zusammen mit seinem Freund Harald Grosskopf die Geschichte ihrer Väter auf – Georges Mora als deutscher Jude und Résistance-Kämpfer auf der einen, Gerhard Grosskopf als Mitglied der NSDAP und Wehrmachtssoldat auf der anderen Seite. Gemessen an diesen Erfahrungen erscheint „Swastika“ nicht mehr wie die Verharmlosung eines Monsters, sondern wie ein bestechend kluges Werk, das dem mündigen Zuschauer gnadenlos vor Augen führt, wie leicht auch er sich vielleicht von einem brutalen Regime hätte vereinnahmen lassen.

Moras Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geht auch 2013 weiter: In „The Sound of Spying“ zeigt er uns in einem experimentellen 3D-Musical ein Porträt über die Spione des Kalten Krieges, das ähnlich wie „Swastika“ auf authentischem Material basiert, in diesem Fall auf Dokumenten des FBI und Akten der US-Regierung. Mit dieser Retrospektive feiert das Filmfest einen Mann, der sich mit seinem ganzen Sein der Kunst hingibt und den Zuschauer mit allen Stilmitteln auf jeder möglichen Ebene der Wahrnehmung anspricht.

Text: Mareike Schulz
Fotos: Filmfest Oldenburg

(1), (2): Zitate vom Blog The Hollywood Interview


Die Screenings zur Retrospektive Philippe Mora

Do., 11.9., 21.30 Uhr, Kulturetage: „Swastika“
Fr., 12.9., 19 Uhr, Cine k: „Mad Dog Morgan“
Fr., 12.9., 23.45 Uhr, Cine k: „The Beast Within“
Sa., 13.9., 19 Uhr, Casablanca: „The Sound of Spying“
Sa., 13.9., 21.30 Uhr, Cine k: „The Return of Captain Invincible“
Sa., 13.9., 23.45 Uhr, Cine k: „Communion“
So., 14.9., 16.30 Uhr, theater hof/19: „German Sons“

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