Angst essen Seele auf

– Filmkritik zu „Sibylle“ von Michael Krummenacher –

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Verzweiflung und Angst sind Geschwister im Geiste. Sie ziehen sich immer weiter runter und versperren den Blick für Auswege aus krisenhaften Situationen. Im Kino wurde das schon oft deutlich – selten allerdings so beklemmend und eindringlich wie in Michael Krummenachers „Sibylle“ (D, 2015).

Ehrlich gesagt: Die Reihe Midnight Xpress hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Hier verstecken sich seit Jahren kleine, mitunter exotische Perlen des Festivalprogramms. Hier finden sich Produktionen, die allesamt eine Entdeckung wert sind – auch zu bereits vorgerückter Stunde. Michael Krummenachers Geschichte einer Frau, deren Leben nach einem traumatischen Erlebnis komplett aus den Fugen gerät, ist dafür ein weiteres beeindruckendes Beispiel.

Sibylle – großartig dargestellt von der aus Cloppenburg stammenden Anne Ratte-Polle – gerät in die Abwärtsspirale, als sie im Italien-Urlaub eines Morgens Zeugin eines Selbstmords wird. Wer ist die Frau, die sich da von der Klippe stürzt? Womöglich sie selbst? In der Folge beginnen die Architektin und ihre Familie, sich mehr und mehr voneinander zu entfernen. Auch der Beruf bietet ihr keinen Halt mehr. Im Gegenteil: Ihr Mann, mit dem sie ein gemeinsames Büro betreibt, profiliert sich zunehmend auf ihre Kosten. Es gibt kein Entrinnen, die Bedrohungen lauern überall. Sibylle merkt, dass sie hinter das Geheimnis der anderen Frau kommen muss, um wieder zu sich selbst zu finden und ihr Leben zu ordnen.

Was ist wahr, was unwahr?

Woher kommen die Stimmen und Geräusche – kommen sie überhaupt irgendwoher oder sind sie nur im Kopf? Gekonnt versteht es der 30-jährige Regisseur Michael Krummenacher in seinem Abschlussfilm für die HFF München die Ebenen zwischen Realität und Fiktion zu verschieben. Was der Schweizer als Familiendrama beginnen lässt, schleicht bald als Horror um die Ecke und entwickelt sich Szene für Szene zu einem extrem spannenden Thriller. Krummenacher quält den Betrachter. Und das nicht nur einmal. Der Nervenkitzel wird zum Dauerzustand.

Nein, dieser Film ist kein Popcorn-Kino. Nichts für den gemütlichen Kuschelabend im schicken roten Sessel. Er bietet wenig Vergnügen, kaum Witz, dafür Psycho at it’s best. Sibylles Wanderungen zwischen Schein und Sein gehen tief ins Mark. Sie irritieren und verstören – und geben dem Film damit genau das, was ihn einzigartig macht. Ein unerwarteter Höhepunkt des Festivals!

Text: Claus Spitzer-Ewersmann
Bilder: Filmfest Oldenburg


Screenings von „Sibylle“:
Fr., 18.9., 23.45 Uhr, Exerzierhalle
S0., 20.9., 21.30 Uhr, theater hof/19

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