Außer Kontrolle

– „Are We Not Cats“ zeigt was passieren kann, wenn das Leben seinen Halt verliert –

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Was verbirgt sich hinter Trichotillomanie? (1)

Dieser Film erzählt die Geschichte von Eliezer und Anya, die beide an Trichotillomanie leiden: Betroffene reißen sich die Haare aus, manche essen sie danach. Der Film zeigt weder den Weg in die Krankheit hinein noch aus ihr heraus. Im Fokus stehen die Begleiterscheinungen, die Ausprägungen, die Aussichtslosigkeit und der Zwang. Deswegen beleuchtet Stefanie Möllers, 22, Ursachen und Ausprägungen der Krankheit: In diesem Jahr hat sie ihren Abschluss in Psychologie an der Rijksuniversiteit Groningen gemacht. Gleichzeitig geht Offbloggerin Mareike Schulz auf die Inhalte des Filmes ein, bei denen sie nicht vor Entsetzen die Augen schließen musste.

Eliezer hat seinen Job verloren, seine Eltern schmeißen ihn aus dem Apartment, seine Freundin macht Schluss mit ihm. Ohne Halt durch Freundschaften schläft er mal hier, mal dort und schlägt sich als Truckfahrer so durch, allerdings mit mäßigem Erfolg.

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(2) Stefanie Möllers erklärt, was Trichotillomanie bedeutet.

Trichotillomanie bezeichnet eine psychische Störung, bei der die Impulskontrolle der Betroffenen stark eingeschränkt ist. Das offensichtlichste Symptom ist das Ausreißen unterschiedlicher Körperhaare, oftmals Kopfbehaarung, aber auch Augenbrauen, Wimpern, Nasenhaare, Haare an Armen und Beinen sowie Schambehaarung sind betroffen. Viele Betroffene erleben ein gesteigertes Stress- oder Spannungsgefühl bevor sie ihre Haare ausreißen sowie Erleichterung oder Genugtuung danach, dies ist allerdings nicht für jeden zutreffend.

„The pain is what keeps you awake.“ (Cafébetreiber zu Eliezer)

Die Ursachen für Trichotillomanie sind nicht eindeutig zu identifizieren. Zu den möglichen Auslösern gehören Angststörungen oder Depressionen, welche aus einem traumatischen Erlebnis resultieren können. Seit 1987 ist Trichotillomanie durch das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – Klassifizierung aller Geisteskrankheiten) als psychische Störung anerkannt, vorher galt sie als schlechte Angewohnheit. Sie wird dem Spektrum der Zwangsstörungen zugeordnet. Die Betroffenen schämen sich für ihr Verhalten, versuchen soziale Konfrontation zu meiden und zeigen ein schwaches Selbstbewusstsein. Dies kann zu sozialer Isolation führen.

„What is the last memory you have of not being totally alone?“ (Anya zu Eliezer)

Die Ausprägung der Krankheit ist schwierig einzuschätzen, da sie aufgrund drohender sozialer Komplikationen oft verschwiegen oder der Haarausfall durch Organkrankheiten wie Krebs erklärt wird. Eine weitere Unterart der Trichotillomanie ist die sogenannte Trichophagie, bei der Betroffene die Haare nach dem Ausreißen verschlucken, was zu dramatischen Beeinträchtigungen der Verdauungsfunktion führen kann.

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Anya und Eliezer – was treibt sie um? (3)

Eliezer fängt damit an, sich die Barthaare auszureißen. Einzeln, er wirkt fast gelangweilt dabei, als bräuchte er einfach eine Beschäftigung während des Autofahrens.  Das sieht der Zuschauer in Nahaufnahme, keine Musik, nur das Kratzen von Eliezers Händen in seinem Bart und ein knisterndes Geräusch, wenn das Haar schließlich ausreißt. Anya hingegen scheint unaufhaltsam von der Krankheit eingenommen. Ihr Kopf ist fast völlig kahl, selbst im Schlaf isst sie ihre Haare.

Die Wohnung von Anya ist bunt, aber dreckig, sie scheint sich ihre eigene Welt zu erschaffen um sich vor der Realität draußen zu verstecken. Eliezer kann sich nur schwer konzentrieren, ist unzuverlässig. In dem Gefühl, nirgends richtig hinzugehören versucht er Anschluss bei Fremden zu finden. Anya und Eliezer werden körperlich stetig schwächer, sie spucken Blut, bei Anya nimmt die Krankheit lebensbedrohliche Züge an.

Die Behandlung gestaltet sich bei Trichotillomanie oftmals schwierig, da die Störung komplex und meistens chronisch verläuft. Insgesamt wird eine Reduktion des Stresses in der Umgebung empfohlen, so wie eine Kombination aus kognitiver oder medikamentöser Therapie.

Dieser Film ist nichts für zarte Seelen. Es wäre auch falsch, ihn als sehenswert zu bezeichnen, zumindest wenn man dies mit ästhetisch gleichsetzt. Er ist schockierend, laut, chaotisch, bunt und zeigt das Hässliche. Aber das ist wichtig, es ist eine Form von Realität und deswegen ist „Are We Not Cats“ reizvoll, wenn auch entsetzlich.

Text: Mareike Schulz 
Fotos: (1), (3) Filmfest Oldenburg, (2) privat

Screenings von „Are We Not Cats“:
Do., 15.09., 21.30, Cine k/Studio
Fr., 16.09., 23.45, Cine k/Studio

1 Kommentar

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