Authentizität at its finest

 „Familiye“ eröffnet das Oldenburger Filmfestival 

„Oldenburg, ihr seid die derbsten, Alter!“ – so beendete ein stolzer und begeisterter Moritz Bleibtreu die Vorstellung des Independent Doku-Dramas „Familiye“ in der kleinen EWE-Arena am Mittwochabend. Der Film zeigt schonungslos, wie nah die rohe Gewalt der Straße und grenzenlose Liebe und Hingabe für die Familie beieinander liegen können. 

„Ich wollte eigentlich nie produzieren.“

So leitete Moritz Bleibtreu seine Rede als Co-Produzent von „Familiye“ ein. Dann aber sei ihm dieses urbane und poetische Stück Kino vor die Füße gefallen, das es verdient habe, auf die Leinwand zu kommen. „Ich habe nix gemacht“, betont Bleibtreu und verweist auf den Rapper Xatar, der die Regisseure des Films und Bleibtreu zusammengebracht habe, als der Film schon so gut wie fertig produziert war.

„Familiye“ von Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya scheut sich nicht davor, die großen aktuellen sozialen Themen anzusprechen: Kriminalität, Inklusion, Spielsucht, Migration, Drogenmissbrauch. Der Film erzählt die Geschichte von Danyal, der für jemand anderen im Gefängnis saß und nun entlassen wird. Die Belohnung, die er für diesen Dienst erhalten hat, ist von seinem kleinen Bruder Miko, der mit Spielschulden kämpft, verzockt worden, der zweite kleine Bruder Muhammed hat das Down-Syndrom und soll in ein Heim gesteckt werden.

Danyal und Miko kümmern sich so gut sie können um ihren Bruder Muhammed.

Was nach hartem Tobak klingt, ist auch genau das: Schonungslos fängt die Kamera ein, wie die Behörden an der Gewalt im Kiez verzweifeln und ihn am liebsten sich selbst überlassen würden. Wie Menschen verwahrlosen, Drogen und Spielsucht zahlreiche Schicksale bestimmen und verrohen lassen. Das Publikum merkt, dass dieser Film „mit Liebe, Herz und Schmerz“ gemacht worden ist, wie Moritz Bleibtreu es ausdrückt. Und genau das zeigt sich auch besonders in den Szenen, in denen es um die Familie geht, um den tiefen Zusammenhalt, den nichts erschüttern kann und dessen Erhalt das oberste Ziel von Danyal ist.

Der Film spielt in Spandau, hier sind auch Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya aufgewachsen, die beiden kennen sich seit 15 Jahren und sind nicht nur leidenschaftliche Filmemacher: Sarikaya ist Sozialarbeiter, Kirtan arbeitet im Sicherheitsdienst. Den beiden kann man also nicht vorwerfen, sie würden sich mit den Themen ihres Films nicht auskennen.

„Sie sehen hier Kino, das aus der Notwendigkeit geboren ist. Zwei Leute hatten das Bedürfnis, etwas zu erzählen. Es geht im wahrsten Sinn darum, die Not zu wenden.“ Moritz Bleibtreu

Ihr erster gemeinsamer Film, „Verzzokkt“, entstand 2012, behandelte fast die gleiche Thematik und wurde ausschließlich mit Laiendarstellern aus Spandau gedreht. Das Budget von über 50.000 Euro haben Sarikaya und Kirtan eigenhändig aufgebracht. Trotz enormer politischer und medialer Aufmerksamkeit schaffte „Verzzokkt“ nicht den Sprung in die Kinos.

Danyal (Kubilay Sarikaya) versucht alles, um die Familie zusammenzuhalten.

„Familiye kann als Fortsetzung des Erstlingswerks der beiden verstanden werden. Auch jetzt kommen die meisten Darsteller aus Spandau. Violetta Schurawlow (spielt Sila) aber kennt man aus „Honig im Kopf“, Arnel Taci (Miko) war Teil der „Türkisch für Anfänger“-Besetzung,  die Regisseure arbeiteten nun mit einem größeren finanziellen Volumen. Darsteller in „Familiye“ und Stimme des Soundtracks ist darüber hinaus Rapper Xatar.

Sarikaya und Kirtan äußerten sich nach dem Film ebenfalls auf der Bühne und zeigten sich  vor allem aufgeregt und dankbar. Kirtan sprach von einer Ehre, mit „Familiye“ das Filmfest eröffnen zu dürfen, Sarikaya betonte, dass „ohne die Stärke und dem Zusammenhalt im Kiez“ dieser Film niemals entstanden wäre.

„Man muss nicht auf eine Filmhochschule gegangen sein, um Leid und eine Geschichte auf die Leinwand zu bringen.“

Mit diesen Worten schloss Sarikaya und hat vollkommen Recht: „Familiye“ ist ein tolles Stück Independent-Kino, das den Zuschauer herausfordert und trotzdem von sich einnimmt. Ein toller Wegweiser für die nächsten vier Tage auf der road less traveled.

Text: Mareike Schulz 
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screening von „Familiye“:
Fr., 15.9., 16.30 Uhr, Exerzierhalle

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