„Bäm, das ist das Kino, das wir unbedingt machen müssen!“

– Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann (Teil 2) –

Ob Filme aus Asien oder Schmerzhumor mit den New Kids – Torsten Neumann über die Vereinbarkeit von Independent Film und Komödien und wann er Filme zeigt, obwohl er sie nicht mag. Und natürlich konnten wir uns einen Kommentar zum Trailer nicht verkneifen …

Frage: Torsten, laut Programmheft stammen viele Filme aus Indonesien, Thailand und Korea. Sind asiatische Filme generell im Kommen?

Torsten Neumann: Kann sein, dass das wieder so ein Zufall ist. Wir hatten ja in den letzten Jahren schon immer exotische Länder dabei. „Marlina The Murderer in Four Acts“ lief in Cannes. Die Regisseurin ist in der Region schon ein Star. Und der thailändische Film ist ein Erstlingsfilm und echt super. Oder auch: „Junk Head“, der Stop Motion Film, sehr spannendes Kino! Was der Macher für Kreaturen erschaffen hat, ist echt irre. Eventuell ist da wirklich ein bisschen was im Kommen momentan.

Wann zeigst du einen Film, obwohl du ihn nicht magst? Und nach welchen Kriterien zeigst du ihn dann trotzdem?

Neumann: Wenn wir davon ausgehen, dass wir 50 Filme im Programm haben, wird das erstmal irre schwer, dass ich 50 Mal sage „Das ist mein Lieblingsfilm überhaupt.“ Es gibt auch wenige Filme, die ich einlade, ohne sie zu sehen. Zum Beispiel den Takeshi Kitano-Film, den wir jetzt zeigen. Da hätte ich mir keine Minute angucken müssen, weil das natürlich mega ist, dass wir den überhaupt haben. „Outrage Coda“ ist Abschlussfilm in Venedig und ich geh seit zwanzig Jahren auf die Knie für Takeshi Kitano. Und dann könnte das ja theoretisch passieren, dass so ein Film Schrott ist, wenn ich den nicht gesehen hätte. In dem Fall glaube ich aber, dass das keiner sagt.

Und dann gibt’s auch Filme, wo ich mich zurücknehme und weiß, auch wenn das nicht mein Ding ist, wird der hier ein Publikum finden und einigen Leuten gut gefallen.

Das kann ein Film sein, der für das, was er erzählen will, gut ist, ich persönlich das aber total stulle finde. Aber er ist trotzdem nicht blöd gemacht.

Geht das Ganze auch andersrum – du entscheidest dich, einen Film nicht zu zeigen, obwohl du ihn gut findest?

Neumann: Natürlich kann man nicht alles zeigen und muss die Auswahl so zusammenstellen, dass sich nicht alles gleicht. Bei den letzten Programmplätzen kann es passieren, dass es vielleicht vier Filme gibt, die ich ganz schön gut fand, aber von denen ich nur noch zwei nehmen kann.

Uns ist aufgefallen, dass der Anteil an Komödien relativ gering ist. Ist das ein Widerspruch: Independent Film und Humor?

Neumann: Letztes Jahr gab eine super Indie-Komödie, „Hey Bunny“. Ich fand den wirklich ganz bezaubernd! Der war super erzählt, hatte gute Pointen, ein gutes Timing. An diesem Beispiel zeigt sich ganz gut der Zustand der Filmwelt, und insbesondere der unabhängigen Filmwelt: Mit so einem Werk bekommst du kein Bein auf den Boden.

Es gibt die Festivals, die nur Kunst machen, die denken: „Komödie? Nee, wir müssen die großen, schweren Themen der Welt behandeln!“

Wenn du es im Indie-Bereich auf die großen Festivals schaffen willst, musst du mit etwas anderem ankommen. Wir wiederum haben viele Komödien.

Welche zum Beispiel?

Neumann: „Ron Goossens, Low-Budget Stuntman“, echter Schmerzhumor. Das ist der Geheimtipp des Jahres – bei uns im Festivalbüro flippen alle schon aus. Die New Kids sind Superstars und zwei von ihnen kommen nach Oldenburg. Ansonsten: „Spit’n’Split“ ist so abgefahren, auch eine Komödie, aber eine harte. Das war der erste Film, bei dem ich dachte: „Bäm, das ist das Kino, das wir unbedingt machen müssen!“ Und fürs breitere Publikum „The Big Sick.“

Merkt ihr denn an den Besucherzahlen, wenn ein Film Deutschland- oder sogar Weltpremiere feiert?

Neumann: Ich glaube, das macht echt was aus, eine Premiere übt schon einen bestimmten Reiz aufs Publikum aus.

Das fühlt sich anders an, wenn man weiß: „Ich bin einer der ersten, der darauf reagiert und ein direktes, fühlbares Feedback an den Filmemacher vermittelt.“

Wir haben dieses Mal auch ziemlich viele Weltpremieren. Man darf das aber nicht zu sehr herausstellen – wenn nur Premieren gespielt würden, dann kann ja ein Film kein Festivalleben entwickeln. Ich glaub schon, dass man das merkt.

Was anderes: Unserer Meinung nach hätte der Trailer vorbei sein können, nachdem Arno Frisch den Reisenden durchgewunken hat. Auch, weil nicht alle die Bedeutung des Marvins für das Filmfest einschätzen können.

Neumann: Wenn wir den Trailer richtig erzählt hätten, dann hätten wir vor einem Kino anhalten müssen. Den Gedanken hatten wir auch, so ist es ja nicht. Aber es gibt kein Kino, vor dem man das Vorfahren richtig inszenieren kann. Daraufhin haben wir gedacht: Vielleicht geht’s auch gar nicht mehr darum, dass wir so klassisch wie eine Marketing-Agentur vor einem Kino anhalten, an dem „Filmfest Oldenburg“ steht. Wir wollten eine Haltung erzählen, auch irritieren. Leute fanden den Trailer toll, eben weil wir uns so verlieren. Weil wir gar nicht so auf den Punkt das erzählen.

Und es ist natürlich eine Liebeserklärung an das Marvins. Mit dem Magic Moment als Endpunkt.

Habe ich auch nur einmal versucht.

Ernsthaft?

Neumann: Wir haben die Szene über zwanzig Mal gedreht, weil immer irgendwas schiefgegangen ist – ein Auto kam vorbei, irgendwer ist in die Kneipe reingegangen. Arno und ich hatten uns drinnen schon Wein auf die Theke gestellt und ich hatte eine halbangerauchte Zigarette, die ich hinters Ohr gesteckt habe, weil es viel zu lange gedauert hat, sie aus der Packung zu holen. Und dann haben wir irgendwann Blödsinn gemacht. Und der erste Versuch war das. Hab sie aber auch falsch rum gefangen (lacht). Aber im Grunde bestätigt es genau das, was wir erzählt haben: dass Trailer, Festival und Filme keine vorprogrammierte Richtung nehmen.

 

Das Gespräch führten: Phyllis Frieling und Mareike Lange. Hier geht’s zum ersten Teil. Es gibt auch noch einen dritten!
Fotos: Mediavanti

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