Bei „Luton” wird das Kino beengend

– Michalis Konstantatos erzählt aus der Tiefe der Gesellschaft –

Er ist gewiss nicht dazu gedacht, dass sich der Zuschauer in seine „Comfort Zone“ zurückziehen kann. Der Film „Luton“ des griechischen Regisseurs Michalis Konstantatos tut vielmehr alles dafür, dass sich der Kinobesucher möglichst nicht mit den Charakteren identifiziert, sie transparent und sympathisch findet. Wer Durchhaltevermögen beweist, erfährt warum.

Die Kamera begleitet drei Charaktere in ihrem Alltag, alle gefangen in ihrer depressiven Resignation. Sie ist dicht dran, sehr dicht sogar. Suggeriert einerseits eine intime Nähe und lässt den Zuschauer andererseits außen vor. Denn die Gespräche lassen sich oft nicht mithören, die persönlichen Hintergründe bleiben unaufgeklärt, die Charaktere bekommen noch nicht einmal einen Namen. Als „disconnected“ bezeichnet der Regisseur den Effekt nach dem Screening.

In erschöpfend langen Szenen muss der Zuschauer ungefiltert aushalten, wie unerträglich Menschen sein können.

luton_stillDie wüste, übergeile Knutscherei des Teenie-Pärchens. Wie sich eine Mitvierzigerin in der Kabine eines Kaufhauses selbstbefriedigt, in Unterwäsche, die ihr noch nicht gehört. Wie ein Mann seine Ehefrau zum Geburtstagssex auf dem Esstisch nimmt und sie eine Sekunde später anfängt, die Gläser abzuräumen. Wie sie essen, wie sie trinken, wie sie schwitzen. Wenn sie pedantisch sind, auf dem Klo sitzen oder Sex haben.

Da kann das Kino schon beengend werden. Viele Zuschauer verlassen den Saal.

So möchte man nicht, dass das eigene Leben aussieht.

Tut es aber, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Jeder dürfte einen Teil seines Ichs in einem der Charaktere wiederfinden.

Gerade in dem Moment, in dem man vermeintlich Film und Charaktere verstanden hat und überlegt, selbst zu gehen, nimmt der Film eine unerwartete Wende.

Die Charaktere, so stellt sich heraus, verbindet etwas, das in seiner Grausamkeit nicht zu fassen ist.

Das Tempo von Bildern, Handlung, Szenen steigert sich. Eine Gewaltorgie, komprimiert in fünf Minuten.

Aufrüttelnd, tief beunruhigend und erschreckend – „Luton“ ist so konfrontativ, dass er den Zuschauer dazu verleitet, das zu tun, was nun gar nicht zu Film und Kino passt: die Augen schließen zu wollen. Lässt man den Gedanken allerdings zu, so wird klar, dass Michalis Konstantatos aus der Tiefe der Gesellschaft erzählt: Die Geschichte findet jeden Tag statt – vielleicht nicht in ihrer Heftigkeit, aber doch in ähnlicher Weise. Zumindest, wenn wir die Augen davor nicht verschließen.

Text: Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screening von „Luton“ abgeschlossen

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