Bleischwer.

– Eine ungewohnt verletzliche Kommissarin in einem ungewöhnlichen Tatort. –

Ein bitterer Entführungsfall und eine in sich zerrissene Familie: In ihrem 25. Tatort muss sich Kommissarin Charlotte Lindholm nicht nur auf die Suche nach der Wahrheit begeben, sondern auch mit ganz anderen Problemen zurechtkommen.

Seit vielen Jahren bin ich bekennender Tatort-Fan und mache es mir sonntagabends nur allzu gerne mit einer Tasse Tee auf dem Sofa bequem, um Deutschlands erfolgreichste Krimireihe zu verfolgen. Zu meinen absoluten Lieblingsermittlern gehört Maria Furtwängler, die als LKA-Niedersachsen-Fahnderin Charlotte Lindholm schon so manchem Bösewicht das Handwerk gelegt hat.

In diesem Film muss sie nicht nur ein heftiges Ereignis in ihrem Privatleben verarbeiten, sondern schlittert zeitgleich in einen neuen Fall. Der Bankfilialleiter Frank Holdt (unglaublich gut: Aljoscha Stadelmann) ist fassunglos, als seine Frau Julia entführt wird. Die Entführer fordern 300.000 € und natürlich „keine Polizei“. Holdt bittet die vermögenden Schwiegereltern (Ernst Stötzner und Hedi Kriegeskotte) um Hilfe. Im Gegensatz zu ihrem Schwiegersohn wollen die Eltern der Entführten so schnell wie möglich die Polizei hinzuziehen. Während Holdt loszieht, um auf eigene Faust das Lösegeld zu übergeben, rufen seine Schwiegereltern das LKA an.

Die Handlung nimmt allmählich, aber holprig an Fahrt auf und die Stimmung im Hause Holdt wird immer beklemmender, je länger die Suche nach Julia dauert. In der Kommunikation der Familienmitglieder gibt es nur noch Schwarz-Weiß.

Zwischen ohrenbetäubendem Schweigen und lautem Streit finden sich Szenen der erstickten Verzweiflung, begleitet von einem hervorragend eingesetzten Ton.

Man hört mit, man fühlt mit, man leidet mit.

Bei vielen Szenen im Film hatte ich das Gefühl,  die Ohnmacht der Protagonisten fast schon greifen zu können. Der taube Geschmack im Mund, als klar wird: Julia wurde entführt. Die bleierne Müdigkeit, die in Charlottes Knochen steckt, weil Schlaf in heißen Ermittlungsphasen Mangelware ist. Das und viel mehr vermitteln die Schauspieler so eindringlich, dass es schmerzt.

Dieser Fall ist anders als alle anderen. Langsam sieht man der sonst so starken Charlotte  dabei zu, wie sie sich immer tiefer in den Fall Holdt vergräbt und zunehmend den Halt verliert.

Und gerade weil es so ungewohnt ist, Lindholm auf dieser Ebene taumeln zu sehen, gerade deswegen ist es so authentisch.

Selten hat mich ein Tatort so sehr in den Bann gezogen, selten habe ich so bleischwer einen Kinosaal verlassen. Selten hat mich ein Ende so überrascht, so eiskalt erwischt. „Das ist Polizeiarbeit, wie sie wirklich manchmal vorkommt“, so beschrieb ihn eine andere Zuschauerin.

„Der Fall Holdt“ ist ein ungewöhnlicher Tatort. Kein Film, der zufrieden macht. Dafür aber so herrausragend gespielt, dass man ihn nicht mehr vergisst.

Text: Liv Stephan
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screening von „Der Fall Holdt“:
Sa., 16.9., 16.30 Uhr, JVA

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