Cartoons: eine Reflexion der Gesellschaft

– Screening der Dokumentation „Cartoonists“ mit dem Zeichner Tom Breitenfeldt –

Zu welchen Überlegungen regt ein Film über Karikaturen einen Menschen an, der sich mit dem Metier auskennt? Wir haben den Zeichner und Illustrator Tom Breitenfeldt gebeten, gemeinsam mit uns die Dokumentation „Cartoonists – Foot Soldiers of Democracy“ (Originaltitel: „Caricaturistes – Fantassins de la démocratie“, Frankreich 2014) anzusehen. 16 Jahre lang veröffentlichte er seine Zeichnungen in der Frankfurter Rundschau, heute arbeitet er für Verlage wie Brockhaus und Harenberg. Seine Gedanken zu den bemerkenswertesten Zitaten aus dem Film hat Mareike Lange eingefangen.

Karikaturen hinterlassen einen tiefen Eindruck: Mit teils nur wenigen Strichen werden komplexe Zusammenhänge aus allen Bereichen der Gesellschaft wie Politik, Wirtschaft und Religion auf eine Kernaussage hin reduziert – augenzwinkernd bis anklagend. Welchen Themen sie sich widmen, welche Reaktionen sie mit ihren Zeichnungen auslösen und mit welchen Widerständen sie zu kämpfen haben, wollte die Regisseurin Stéphanie Valloatto herausfinden. Dazu hat sie Karikaturisten in zwölf Ländern aufgesucht, bei der täglichen Arbeit, der Auseinandersetzung mit Themen und Missständen ihres Landes und dem Austausch mit Künstler-Kollegen begleitet. Das Ergebnis ist eine Dokumentation, die den Protagonisten gleichermaßen mit Neugier und – teils wenig differenziertem – Respekt begegnet und ihnen Raum für ihre Persönlichkeit und Sichtweisen gibt.

„Nicht ich habe das Zeichnen gewählt. Es hat mich ausgesucht.“

– Nadia Khiari, Tunesien, Erfinderin der Comic-Figur Willis from Tunis

Tom Breitenfeldt: „Auch ich habe immer schon gezeichnet – die Ränder sämtlicher Blöcke und Schulhefte waren voll mit Kritzeleien. Ich würde mich als natur-stoned bezeichnen und komme unter großem Zeitdruck auf die besten Ideen. Eine Kunsthochschule oder Universität habe ich nie besucht. Aber für das Fach des Karikaturisten sollte man nicht nur das Handwerk des Zeichnens beherrschen, sondern Beobachtungsgabe und Sensibilität mitbringen. Sensibilität in dem Sinne, dass man Ungerechtigkeiten und Missstände wahrnimmt.“

„Unsere wahre Muttersprache ist nicht Arabisch, Französisch oder Englisch, sondern das Bild.“

– Plantu, Frankreich

Tom Breitenfeldt: „Zeichnungen können Sprachbarrieren überwinden. Darum waren (und sind) Cartoons in den USA so beliebt. Sie benötigen keine sprachliche Erklärung, sodass alle Einwanderer unabhängig von ihren Sprach- und Lesekenntnissen die Aussage verstehen konnten (und können).“

„Wir sind keine Politiker, die Konflikte lösen können.“

– Michel Kichka, Israel

Tom Breitenfeldt: „Diese Meinung teile ich absolut: Cartoons sind nicht als Lösungsvorschläge gedacht, sondern zeigen die Wahrnehmung des Zeichners.“

„Eine Karikatur, die niemanden verletzt, gibt es nicht.“

– Michel Kichka, Israel

Tom Breitenfeldt: „Je instabiler das karikierte System, desto mehr Kraft kann eine Karikatur entwickeln. Die Künstler in der Dokumentation haben ihre innere Erregung in etwas Offensives umgewandelt. Diese Kraft kann auch verletzen, soll sogar verletzen: Die Kraft der politischen Karikatur war immer da und wird immer da sein.“

Der französische Karikaturist Plantu gesteht schmunzelnd: Es sei ein wenig selbsteingenommen, aber er habe das Gefühl, den einzig wahren Sarkozy gezeigt zu haben.

– Plantu, Frankreich

Tom Breitenfeldt: „Es gehört auch Selbstbewusstsein dazu, eine grafische Aussage öffentlich zu machen. Eine Zeichnung hat für mich nicht nur eine Wirkung nach außen, sondern auch nach innen. Es ist eine Form der Selbstbefreiung – man zeichnet sich selbst frei. Diese Art der inneren Reinigung – das ist für mich Kunst. So erklärt sich in meinen Augen auch die Befriedigung bei den Karikaturisten, wenn es eine Zeichnung in die Öffentlichkeit geschafft und eine Resonanz erzeugt hat.“

„Drawing is the correct answer to the forbidden.“

Der russische Karikaturist Mikhail Zlatkovsky   nimmt den Kreml "as image of hell" wahr.

Der russische Karikaturist Mikhail Zlatkovsky
nimmt den Kreml „as image of hell“ wahr.

Tom Breitenfeldt: „Ich bin beeindruckt von den Wegen der Karikaturisten, mit Kreativität Verbote zu umgehen: Hugo Chavez durfte nicht mehr dargestellt werden. Also zeichnete die Karikaturistin Rayma Suprani Venezuela eine bis zur Hälfte geschälte Banane mit Krone. Ich ziehe den Hut vor dem Mut, den viele der im Film auftretenden Karikaturisten zeigen. Sie zeichnen und veröffentlichen ihre Bilder, obwohl sie boykottiert und bedroht werden. Der syrische Karikaturist Ali Ferzat ist beispielsweise brutal zusammengeschlagen worden; um ihn am Zeichnen zu hindern, wurde ihm die Hand gebrochen.“

„A cartoon should above all provoce a reaction.“

– Damien Glez, Elfenbeinküste, Gründer des Satire-Magazins Gbich

Tom Breitenfeldt: „Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Zeichnung von mir abgelehnt wurde und ich sie ändern musste. Ich sollte die symbolische Rolle des Hasen in der Religion behandeln. Daraufhin hatte ich einen Hasen am Kreuz gemalt, zu dessen Füßen ein Sack mit bunten Eiern. Die Darstellung war in den Augen des Auftraggebers zu provokativ. Das soll aber nicht heißen, dass ich meine Arbeit als Zeichner mit den politischen Arbeiten der couragierten Künstlerinnen und Künstler aus dem Film gleichsetze. Allerdings zeigt das Beispiel, dass man anecken kann, selbst wenn man seine Arbeit eher als spaßige Unterhaltung begreift.”“

„Political correctness is our biggest enemy today.“

Nadia Khiari ist die Erfinderin des satirischen Katzen-Comics "Willis from Tunis".

Nadia Khiari ist die Erfinderin des satirischen
Katzen-Comics „Willis from Tunis“.

Tom Breitenfeldt: „Diese Aussage hat mich am meisten beeindruckt. Für mich ist das eine ganz neue Erkenntnis: Das Publikum selbst wird zum Zensor, nicht die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft oder Kirche. Da stellt sich die Frage, ob eine Karikatur noch Kraft hat, wenn die gesamte Gesellschaft von Angst durchdrungen ist. In den USA hat einmal eine Vierjährige für Aufruhr gesorgt, weil sie einen Regenbogen gemalt hat. Die Eltern hatten sich über das Symbol der Homosexuellen-Szene beschwert, woraufhin der Kindergarten die Auswahl Farben bei den Stiften reduziert hat. Insbesondere in der westlichen Welt wird gerne mit erhobenem Zeigefinger auf Länder wie China, Russland oder die Türkei gezeigt, die vehement die Meinungsfreiheit einschränken. Wenn wir genauer hinsehen, merken wir aber: So demokratisch, wie es propagiert wird, ist unsere Gesellschaft selbst gar nicht. In Deutschland haben viele Verlage Angst, dass Unternehmen keine Anzeige mehr schalten, wenn sie in einer Karikatur thematisiert werden.“

Text: Mareike Lange
Fotos: offblogger.de, Filmfest Oldenburg

Die Fanpage zum Film zeigt eine Auswahl an Karikaturen und gibt Informationen zu den Karikaturisten: https://www.facebook.com/caricaturistes


Die Screenings zu „Cartoonists: Foot Soldiers of Democracy“

Fr., 12.9., 19 Uhr, Kulturetage
So., 14.9., 16.30 Uhr, Casablanca

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