„Da kommt eine neue Welle an Filmemachern auf uns zu“

– Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann (Teil 2) –

Amanda Plummer, Christophe Honoré und Nicolas Cage – dieses Jahr dreht sich viel um die Ehrengäste des Filmfest Oldenburg. Wonach sucht Festivalleiter Torsten Neumann seine Gäste aus? Wie lockt er sie ins kleine Oldenburg? Und warum zeigt er so viele Debütfilme?

Frage: In diesem Jahr habt ihr drei Ehrengäste – warum hast du gerade diese drei eingeladen? Warum zum Beispiel Amanda Plummer?

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Eine „spannende Schauspielerin“: Amanda Plummer

Neumann: Sie ist eine ziemlich spannende Schauspielerin, und wir hatten von ihr diverse Filme schon im Programm. Sie ist schwer in irgendeine Kategorie zu packen. Alle kennen sie eben als Honey Bunny in „Pulp Fiction“. Wenn man Schauspieler ehrt, birgt das ja immer das Risiko, dass sie ein Werk zeigen, was purer Zufall ist, und gar nicht selbst gewählt. Also der Regisseur macht Filme, weil er die machen will, im besten Fall. Manche Schauspieler machen das eine, weil es sie interessiert, und das andere eben nicht. Aber es gibt auch welche, die machen Filme, weil sie eben davon leben. Das dürfen wir nicht vergessen. Sie haben dann eine Filmografie, die vielleicht toll aussieht, aber da können sie gar nichts für.

Bei Amanda Plummer haben wir das Gefühl, dass sie immer das gemacht hat, was ihr etwas bedeutet. Dass sie sich nicht auf irgendeinen fremdgesteuerten Weg begeben hat.

Das finde ich bei Schauspielern immer spannend. Davon gibt es nicht so viele. Und dieses Gefühl habe ich bei ihren Werken. Sie ist jemand, den man super vorstellen kann, weil sie auch selber für etwas steht. Wir hatten in den letzten Jahren immer solche Leute bei uns: Seymour Cassel, Matthew Modine, Stacy Keach, Deborah Kara Unger – das sind Leute, bei denen man eher das Gefühl hat, sie haben einen eigenen Kopf und haben sich irgendwo hinbewegt, wo sie auch hinwollten. Und das hatte ich bei Amanda Plummer auf jeden Fall auch.

Wie schafft ihr es, solche Schauspieler und Regisseure nach Oldenburg zu locken?

Neumann: Wir sind ein Festival, das überhaupt keine Industrie-Verknüpfung hat. Wir sind nicht auf der Landkarte von irgendwelchen Studios, die viel Geld haben und ihre Filme per Vertrag mit den Schauspielern promoten und sagen „Du musst da hin und Promotion machen“. Wir sind genau das Gegenteil: Wer uns kennengelernt hat weiß, hier Leute zusammenkommen, die das, was sie machen lieben.

Hier ist niemand, der nur kommt, weil es das Business ist – und das spürt man.

Das spricht sich irgendwann rum. Und dann kann man Leute ansprechen und muss nicht mehr selber für sich Werbung machen. Sie haben schon davon gehört, oder es gibt jemanden, der sagt „Das ist wirklich richtig cool, da solltest du mal hingehen. Die lieben Kino und die Menschen, die dahinter stehen.“ Das ist der Bonus, den wir haben. Es gibt ein Netzwerk, das über die Jahre wirklich gepflegt wurde und sich weiter vergrößert hat.

Und das ist unser Gegenstück zu Berlin, Venedig, Cannes.

Die haben in ihrem Vertrag stehen „Drei Tage dort, Promotion für den Europastart“ oder so etwas.

Wie läuft diese Anfrage dann ab? Zum Beispiel bei Nicolas Cage: Wie hat das angefangen?

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Wollte unbedingt zum Filmfest: Nicolas Cage

Neumann: Auch Nicolas Cage hat ein paar Menschen getroffen, die ihm von uns erzählt haben und er hat dann tatsächlich mal gesagt, das würde ihn interessieren. Er hat uns dann sozusagen aufgefordert, an sein Management heranzutreten und zu gucken, ob das mit den Terminen geht.

Ich hätte sonst nie im Leben auch nur daran gedacht, Nicolas Cage anzugehen.

Vor allem wenn du Schauspieler in einer gewissen Größenordnung anfragst, dann sind die von einem Team von Leuten beschützt – und das ist auch richtig so –, dass sie manche Dinge gar nicht selber erfahren, sehr oft sogar. Da würdest du die Agentur ansprechen, und die schmeißen das sofort in den Mülleimer. Das interessiert die überhaupt nicht. So gab’s einen Zugang, der mindestens die Option hatte, dass eine Rückkopplung mit ihm selber stattgefunden hat. Irgendwann haben die auch gesagt, er ist wirklich interessiert, und wir müssen nur gucken, ob es irgendwie in den Schedule passt. Dann haben sie uns an seinen Publicisten weitergereicht. Da kam nochmal die Bestätigung, dass er interessiert ist.

Danach haben sie sich wieder wochenlang nicht gemeldet. Da hab ich schon gedacht „Okay, ist also doch nur Gequatsche.“

Als uns die Zeit weggelaufen ist, hab ich noch einmal nachgesetzt und gesagt „So, jetzt müssen wir was von Ihnen hören. Auch wenn es nicht klappt, würde ich mich freuen, wenn Sie wenigstens absagen würden.“ Was man eigentlich nicht mehr erwartet. Dann kam auch wieder nichts, und wir hatten das Thema schon abgehakt. Doch kurz bevor wir das Programmheft in Druck geben mussten, traf die Rückmeldung ein: „Alles klar, er ist confirmed, er kommt.“ Natürlich wurde wieder gepokert: Wie kann er herfliegen, First Class, wie viele Leute können ihn begleiten? Und das hat gar nichts mit dem Menschen zu tun. Nicolas Cage würde das gar nicht so einfordern, glaube ich. Aber das ist eben Standard. Da habe ich auch schon gedacht: „Jetzt ist es endgültig erledigt“, weil ich ein richtig hartes Gegenangebot gemacht habe. Ich dachte, da lachen die einmal drüber und schmeißen das in die Tonne. Aber dann hieß es „Alles confirmed.“ Und dann ging hier das verrückte Wirbeln los.

Aber First Class darf er schon noch fliegen, oder?

Neumann: Er hat unser Angebot akzeptiert. Wahrscheinlich wird er First Class fliegen, wir werden es aber nicht bezahlen. Das hätten wir nicht gedacht, und das ist auch ungewöhnlich. Eigentlich kann der gar nicht Business Class fliegen, den erkennt ja jeder. Der würde keine Ruhe haben. Das ist schon alles erstaunlich. Aber er muss auch seinen Leuten gesagt haben: „Stopp, Leute, ich will da wirklich hin. Also lasst uns das ausarbeiten.“ Das ist schon super.

Euer dritter Gast ist Christophe Honoré. Warum für ihn die Retrospektive?

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Passt ins Beuteschema: Christophe Honoré

Neumann: Der passt in unser Beuteschema rein, weil er ein Regisseur ist, den man noch entdecken muss, auch wenn er mit einzelnen Filmen riesige Erfolge gehabt hat. Und trotzdem ist er nicht so ein Name, den man kennt, wo man ein Gesamtwerk auch zeigen kann, was ich immer spannend finde.

Wenn man mehrere seiner Filme sieht, dann findet man heraus, dass er tatsächlich etwas sagt, was sich in verschiedenen Filmen wiederfindet.

Bei einer Retrospektive kann man den Künstler dahinter mehr sehen. Und er passt schon total, weil er echt ein spannender und unkonventioneller Filmemacher ist, der unheimlich viele Themen berührt hat. Dieser „Ma mère“ ist eine Adaption eines Buches von Georges Bataille, der extrem die Philosophie des Exzesses propagiert. Der Film zeigt die Beziehung zwischen Sohn und Mutter – auch eine sexuelle Beziehung. Super grenzüberschreitend. Und sein neuester Film ist ein Kinderfilm, eine Kinderbuchverfilmung. Aber das ist garantiert kein konventioneller Kinderfilm, der die Erwartungen erfüllt. Honoré ist in alle Richtungen unglaublich spannend unterwegs.

Er ist für die Retro eigentlich viel zu jung, der steht ja noch voll im Arbeitsleben.

Interessanterweise war er schon mit seinem ersten Film hier bei uns zu Gast. Und er ist ein cooler Junge. Interessant ist auch: Er ist schwul und das findet sich in seinen Filmen als Thema wieder, aber überhaupt nicht vordergründig, was bei beim schwul-lesbischen Kino oft so ist. Bei ihm ist eher erst einmal Kino das Thema. Wenn man sein Werk entdeckt, dann weiß man das auch, aber er erzählt halt andere Geschichten. Das finde ich schon interessant.

Im Gegensatz zu so einem Lebenswerk zeigt ihr ja auch viele Debütfilme – warum so viele Erstlingswerke auf dem Filmfest 2016?

Neumann: Das ist Zufall, das ist einfach so passiert.

Ihr wolltet nicht ausgesuchte Debütfilme unterstützen?

Neumann: Ganz im Gegenteil. Wir haben das überhaupt nicht in unseren Regeln stehen. Wir wollen eigentlich nur die Filme, die wir gut finden, auswählen. Es ist aber doppelt interessant zu sehen, dass es in diesem Jahr unheimlich viele Erstlingsfilme sind.

Da scheint sich eine neue Welle an Filmemachern anzukündigen, die echt einen etwas anderen Punch haben.

Es gibt ganz viele Förderungen, es gibt auch ganz viele Festivals, die so dezidiert in ihre Regularien schreiben „Wettbewerb für erste und zweite Filme“. Und das ist ja nun mal auch ein Kampf ums Überleben. Ich kenne viele Filmemacher, die sagen „Wenn ich meinen dritten Film mache, dann weiß ich gar nicht mehr, wo ich damit hingehen soll.“ Es gibt Förderungen für Erstlingsfilme, aber nicht für dritte Filme. Es ist schon wieder so eine Sache, die ins Gegenteil umzukippen droht: Dass Leute sich so eine Plakette anheften – „Ich fördere den Nachwuchs.“ Da kriegen die dann aber auch ordentlich Geld für.

Das wollten wir nie mitmachen. Deswegen ist es umso interessanter, dass wir in diesem Jahr ganz viele Erstlingswerke haben.

Danach haben wir aber nicht ausgesucht. Das waren einfach die Filme, die uns umhauen. Und plötzlich merkst du, es sind lauter Erstlinge. Es ist ein ganz interessantes Phänomen, was wir dieses Jahr vor uns haben. Ich vermute mal, dass wir damit auch nicht allein dastehen. Der Regisseur des mexikanischen Film „We are the Flesh“, der so eine Sensation im jetzigen Festival-Circuit ist, ist 21 Jahre alt. Er kommt auch nach Oldenburg. Oder die Macher der American Indies, sind auch erst gerade so Mitte 20. Das sind alles junge Leute, bei denen man eigentlich annimmt, dass sie erst ihre Sicherheit im Geschichtenerzählen finden müssen. Aber ganz im Gegenteil: Das sind Leute, die einfach mal richtig anders an die Sache rangehen und plötzlich gelingt da was: geile Filme!

Das Gespräch führte Phyllis Frieling.
Fotos: Filmfest Oldenburg

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