„… dann rollt die Sache!“

– Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann –

Wer bis heute noch nie eine Vorstellung des Filmfestes Oldenburg besucht hat, sollte „mal wach werden“, empfiehlt dessen Gründer und Leiter Torsten Neumann schmunzelnd. Im Interview erläutert er, worin die besondere Faszination des Festivals liegt.

Frage: Torsten, wenn Du mir nur einen einzigen Film aus dem diesjährigen Programm empfehlen dürftest, welcher wäre das?

Torsten Neumann: Sehr faszinierend finde ich „Hany“, einen Film aus Tschechien, den zwei junge Typen gemacht haben, die knapp über 20 Jahre alt sind. Der ist komplett in einem Take gedreht, das macht ihn so besonders.

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Warum soll jemand, der noch nie das Oldenburger Filmfest besucht hat, in diesem Jahr kommen?

Neumann: (schmunzelt) Dem würde ich raten, mal wach zu werden! Man muss sich einfach einmal in dieses Geschehen hineinbegeben und merken, dass so ein Festival etwas anderes ist als normales Kino. Wer will, kann sich hier in eine andere Welt mitnehmen lassen und fünf Tage lange eine andere Atmosphäre schnuppern. Wenn man sich darauf einlässt, zündet das auch bei Menschen, die vorher eher unsicher waren, ob sie mit dem Konzept etwas anfangen können.

Was macht diese andere Welt aus?

Neumann: Filme, die für den Weltmarkt nach einer kommerziellen Erfolgsformel produziert werden, und auch viele TV-Produktionen bedienen lediglich bestimmte Erwartungen und Klischees. Wir suchen nach Filmen, die genau das nicht machen.

Dabei geht es vor allem um die Möglichkeit, Perspektiven zu überprüfen und vielleicht auch zu ändern. Das ist wichtig im Leben und macht für mich die Definition von Kunst aus.

Ihr bekommt Filme aus der ganzen Welt zur Sichtung eingereicht. Wie viele schaffen es ins Programm? Welche Kriterien legt ihr an?

Neumann: Die, die ich eben genannt habe. Bei uns treffen im Jahr zwischen 800 und 1.000 Einreichungen ein. Das ist inzwischen wirklich viel und die Qualität ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Das hängt sicher mit der nochmals gestiegenen Reputation unseres Festivals zusammen.

Gibt es ein Rezept für ein perfektes Programm?

Neumann: Das Programm wird nach meiner Überzeugung umso besser, je mehr wir auf unser Profil achten und es weiter schärfen. Wenn man das aus den Augen verliert, verwässert es. Dann wird es schwer, wieder in die Spur zu kommen. Aber ganz klar: Das perfekte Programm gibt es selbstverständlich nicht.

Welche Art Publikum wünschst Du Dir beim Filmfest?

Neumann: Wir haben ein sehr spezielles Programm, mit dem wir nicht jeden erreichen können. Das wissen wir. Aber

es gibt in allen Gruppen unserer Gesellschaft Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und für Filme, die wir zeigen, zu begeistern sind.

Wie lief die Vorbereitung für das Festival in diesem Jahr?

Neumann: Die Finanzierungsprobleme machen sich in unserem Alltag bemerkbar. Wir müssen mit einer Infrastruktur agieren, die häufig droht, den Herausforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Es fehlt vor allem an erfahrenen Mitarbeitern, die Dinge mit Routine managen können. All unsere Leute bringen viel Energie und Enthusiasmus ein, aber man kann damit nicht alles auffangen. Zudem müssen wir leider Abstriche bei den Gästeeinladungen machen. Sie sind das A und O eines Festivals. Wenn keine Regisseure, Produzenten oder Schauspieler da sind, mit denen man ins Gespräch kommen kann, dann ist alles nur ein normaler Kinobesuch. Aber eins ist ganz wichtig: Das Publikum darf während des Festivals von solchen Schwierigkeiten nichts mitbekommen!

Was kann ein Filmfestival für die kulturelle Dynamik einer Stadt bedeuten?

Kultur macht einen ganz wichtigen Teil der Lebensqualität einer Stadt aus. Sie steht für Offenheit, für Vielfalt, für Toleranz. All das bildet ein Filmfestival ab – jedenfalls dann, wenn man es so versteht, wie wir das tun.

Und ganz ehrlich gesagt ist Oldenburg natürlich eine Stadt, die solche Impulse gut vertragen, aber auch gut verarbeiten kann.

Wann würdest Du sagen, dass das Festival gut gelaufen ist?

Neumann: Meistens weiß ich das schon, wenn der erste reguläre Tag, also der Donnerstag, gut war. Gab es da keine Katastrophen, dann rollt die Sache.

Interview: Claus Spitzer-Ewersmann, Mareike Lange
Fotos: Mareike Lange

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