Das Cage-Jahr

– Mehr als eine Stippvisite: Nicolas Cage in Oldenburg –

Filme beginnen und enden. Stars kommen und gehen. Manches bleibt: 2016 wird als das Cage-Jahr in die Geschichte des Oldenburger Filmfestes eingehen. Die Offblogger Thorsten Bruns und Claus Spitzer-Ewersmann blicken voraus und zurück.

1. Wie es kam

Es war ein liebgewonnenes Ritual im Vorfeld des Filmfestes: Mastermind Torsten Neumann spekulierte, ob der eine oder andere prominente Hollywood-Star es – vielleicht, eventuell, möglicherweise – zum Festival schafft. Futter für den Boulevard, völlig legitimes Marketing. Allein: der Glaube, dass Brad Pitt oder Angelina Jolie kommen, fehlte letztlich doch. Bis zum Tag X im August 2016. Dem Tag, an dem der Name Nicolas Cage fiel. N-i-c-o-l-a-s C-a-g-e!

Anders als sonst gab es da kein Vielleicht, Eventuell, Möglicherweise. Stattdessen hieß es: Cage kommt, Ausrufezeichen. Und er kam. Tatsächlich. Der Oscar-Preisträger, Actionheld, der Hollywood-Superstar – in Oldenburg. Der Wahnsinn! In den Medien, im Netz, in Gesprächen auf der Straße: Cage war das Thema schlechthin. Dass das Filmfest auch ohne ihn Klasse gehabt hätte, geriet beinah in Vergessenheit. Cage was all the rage.

Und man kann sagen: zu Recht! Einen Star dieses Kalibers hatte Oldenburg bisher nicht gesehen.

Cage-Level: 5/5

2. Wie es war

Der Mittwoch

Am Tag der Eröffnung, abends kurz nach sechs, landete Cage auf dem Bremer Flughafen. Ein kurzes Hallo an die Traube wartender Fans, ein schnelles Interview mit einem lokalen Radiosender, dann ab nach Oldenburg. Gerade rechtzeitig zur Eröffnung des Filmfestes! Eine echte Punktladung!

Waiting for Cage

Waiting for Cage

Nein, doch nicht. Nach den Strapazen des Fluges war Cage nicht scharf darauf, eine mehrstündige Veranstaltung mitzumachen, auf der er vermutlich kein Wort verstehen würde. Ein Publikum von tausend Menschen dürfte zwar ein starkes Argument gewesen sein, allerdings auch keine Kulisse, die Cage nicht irgendwann schon mal erlebt hätte. Er brauchte Ruhe – muss man verstehen, muss man akzeptieren.

Cage-Level: 2/5

Der Donnerstag

Aufregung in Oldenburg. Hier und da ein leichter Anflug des Hyperventilierens. Am späten Vormittag kursierten schließlich die ersten Beweisfotos: Er war tatsächlich in Oldenburg! Und selbst diejenigen, die dem Filmfest oder dem Star skeptisch gegenüber stehen, gaben zu: Das ist etwas Besonderes.

Was kam dann? Oldenburg erlebte einen Cage, der schwer einzuordnen war. Er entpuppte sich nicht als der Festival-Freak, der wirklich überall dabei ist und alles mitnimmt. Er setzte sich selbst sparsam ein, machte zwar Selfies mit Fans, schüttelte Hände und winkte, war dabei freundlich, aber immer auch ein wenig spröde und trotz vermeintlicher Nähe unnahbar. Zudem gab es klare Ansagen: bitte keine Interviews, offizielle Fotos nur nach Absprache. Auch beim traditionellen Audi-Empfang im Schlosshof warteten die Gäste vergeblich auf den Weltstar. Dafür tauchte er am Abend überraschend beim Screening von „Wild at Heart“ in der Exerzierhalle auf.

Immerhin: Für die Oldenburger Gastronomie nahm sich Cage viel Zeit, vor allem für die traditionelle deutsche Küche. Gesehen wurde er während seines Besuchs unter anderem im Café Extrablatt,in der Kleinen Burg, im Ratskeller, bei der Brückenwirtin, wo er den Mitgliedern eines Kegelklubs ein Erlebnis bescherte, von dem sie noch ihren Enkeln berichten können. Und nicht zu vergessen: Einkaufen war er auch. Die Kassiererinnen bei Galeria Kaufhof waren sichtlich überrascht über den prominenten Kunden.

Cage-Level: 2/5

Der Freitag I

Der Tag der offiziellen Termine. Erste Station: „Walk of Fame“ bei der OLB. Abgesperrte Straßen, Gitter, Polizei, Sanitäter, aufgeregte Fans und nervöse Bänker mit Handy im Foto-Anschlag. Cage ließ sich Zeit, kam eine Stunde später, spulte den Besuch dann routiniert ab. Die Resonanz war sensationell: Selbst im Dingenskirchner Tagblatt war der dpa-Bericht vom „Weltstar in der Provinz“ zu lesen. Und es soll Bankkunden gegeben haben, die explizit einen Termin am Freitag um 11 Uhr wünschten, um die Panorama-Aussicht auf das Spektakel zu genießen. Cage-Mania.

Cage-Level: 4/5

Der Freitag II

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Am Walk of Cage

Zweiter Stopp: Rathaus. Der Empfang durch den Oberbürgermeister ist ein Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung. Cage darf sich im Gästebuch der Stadt verewigen. Leise Vermutung: Er hat so etwas schon mal erlebt. Jedenfalls kostete er den Besuch nicht gerade aus: Ein Stück Kuchen, ein Schluck Kaffee, ein kurzes Gespräch – es waren keine 30 Minuten vergangen, als er das Rathaus wieder verließ. Draußen dann wieder die Routine, die er auch am „Walk Of Fame“ abgespult hat: hier ein Handschlag, da ein Autogramm, dort ein Selfie, noch drei Worte „Smallest Talk“ – und schnell, zurück ins Auto, hinter die schützende Verdunkelung des Glases im Fonds.

Vielleicht der einsame Höhepunkt der Stippvisite: Die Pokemon-Kids, die nach wie vor den Poke-Stops am Rathaus belagern, blickten tatsächlich von ihren Displays auf, als Cage aus dem Rathaus trat. Manche machten gar ein Bild. Ein größeres Zeichen des Respekts kann es wahrscheinlich nicht geben. Aber vielleicht stand Cage auch nur vor irgendeinem Monster, wer weiß?

Cage-Level: 3/5

Der Freitag III

Die Verleihung des „German Independence Awards“ war zweifellos der Höhepunkt des Cage-Besuchs. Der Name des Preises hat auch in amerikanischen Ohren einen guten Klang – und die Kulisse des Staatstheaters kann selbst Hollywood-Größen beeindrucken.

Vorher ließ es sich Cage nicht nehmen, sich kurz beim EWE-Empfang in der Alten Fleiwa unters Volk zu mischen und den freundlichen, ansprechbaren und höchst professionellen Star zu geben. Im Staatstheater dann Jubel im Publikum, gefühlt jeder Besucher hält sein Handy in die Höhe als Cage die Bühne betritt. Die Award-Skulptur nimmt er lässig entgegen, sagt ein paar nette Worte … und Abgang.

Fixes Finale auf der Secret Party. Eine Minute muss reichen. Der Tag war anstrengend. Für alle. In die Geschichte des Festivals wird er trotzdem eingehen. Und in die Oldenburgs wohl auch.

Cage-Level: 3/5

3. Was bleibt

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Ehrung im Staatstheater

Ob N-i-c-o-l-a-s C-a-g-e sich lange an diese Stadt da in Norddeutschland erinnern wird? Keine Ahnung. Das Zeug dazu, bleibende Eindrücke zu hinterlassen, hat das Filmfest zweifellos. Das hat es oft genug bewiesen, Jahr für Jahr. Aber ist Cage tief genug eingetaucht, hat er sich weit genug darauf eingelassen, um Spirit und Vibes tatsächlich zu spüren? Schwer zu sagen. Wir befürchten: eher nicht.

Vielleicht saß er am Sonntag im Flugzeug nach Moskau und dachte sich ein herzliches „What the Fuck!?“. Wahrscheinlicher ist es aber, dass er den Aufenthalt in Oldenburg durchaus genossen hat – dass er aber nicht so spektakulär war, dass er in Zukunft jedes Jahr wiederkommt. „Das war ganz nett“, so sagt man wohl in solchen Fällen.

Wichtiger, so ehrlich kann man sein, ist sowieso die Frage, was der Besuch von Cage für Oldenburg bzw. für das Filmfest bedeutet. Und da ist die Tragweite eine ganz andere. Schon im Vorfeld war klar, dass der Name das Festival in neue Sphären katapultieren würde. Was genau das bedeutet, frage man am besten beim Team der Pressebetreuung nach. Da war Schwerstarbeit angesagt. Es wird spannend, die diesjährige Resonanz unter die Lupe zu nehmen. Der Pressespiegel dürfte (noch) ein paar Seiten mehr haben und (noch) bekanntere Titel aufweisen als sonst.

Für das Filmfest hat das verschiedene Effekte:

Erstens: Die Bekanntheit ist weiter gestiegen. Das Filmfest hat den nächsten Schritt von der Indie-Ecke auf die große Bühne getan – ohne sich selbst einen Millimeter zu bewegen. Ein Kunststück!

Zweitens: Der Wow-Effekt ist größer geworden. Das Filmfest hat in punkto Glamour zugelegt und kann wieder etwas mehr Anziehungskraft für sich verbuchen – und das nicht nur für das Publikum, sondern auch für zukünftige Gäste. Man wird in einigen Jahren vom „Cage-Effekt“ als wichtiger Zäsur der Entwicklung sprechen.

Drittens: Der Name Cage bleibt. Nicht nur als Stern im OLB-Innenhof, sondern als Teil der Filmfest-DNA. Es wird in Zukunft zu seiner Kultur gehören, dass es zwar klein ist, dass es aber auch groß kann. Dass es Independent fördert und lebt, dass es aber auch Herz und Leidenschaft im Mainstream zu finden bereit ist. Und dass es für Talent, Kreativität, Temperament und Qualität steht – unabhängig davon, in welcher Art von Film das auch immer gezeigt wird.

Cage-Level: 10/5

Texte: Thorsten Bruns und Claus Spitzer-Ewersmann
Fotos: Filmfest Oldenburg

2 Kommentare

  1. Mr. Cage war auch zu Gast bei der Vorführung von „Wild At Heart“ am Samstag Abend in der Exerzierhalle..

    • Hallo Peterg, vielen Dank für den Hinweis! Leider war Nicolas Cage nicht scharf darauf, einen „embedded Offblogger“ rund um die Uhr an seiner Seite zu haben, deswegen ist uns sicher der eine oder andere Termin durchgerutscht. Aber dank verschiedener Hinweise können wir mittlerweile fast ein Bewegungsprofil erstellen… ; )

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