Das Dritte Reich in Plüsch und Farbe

– Philippe Mora über seine Dokumentation „Swastika“ –

„Don’t Let Us Be Beastly to the Germans.“

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Philippe Moras „Swastika“ löste einen Skandal aus

Bevor die Zuschauer in der Kulturetage unkommentierte Aufnahmen aus dem Dritten Reich zu sehen bekamen, verwies Philippe Mora, der Regisseur von „Swastika“, auf das satirische Lied „Don’t Let’s Be Beastly to the Germans“ aus der Feder von Noël Coward. Als Philippe Mora um Einverständnis bat, das Lied im Film verwenden zu dürfen, hatte Coward nur wenig lobende Worte übrig: „Are you completely mad? People don’t have a sense of humor.“ Die Erlaubnis bekam er trotzdem. Nicht nur in diesem Zusammenhang stellte Mora fest, dass er in seinem jugendlichem Leichtsinn nicht bedacht hatte, welchen Skandal es auslösen würde, wenn Adolf Hitler ohne Erläuterungen in Farbe auf der Leinwand mit Babies spielt und Hunde streichelt.

„I wanted to put people into the Third Reich in order to show them what it was like.“

Pilippe Mora und Thorsten Neumann diskutierten mit dem Publikum

Mora und Neumann diskutierten mit dem Publikum

Für die eigene Vorbereitung traf Mora sich einen Tag lang mit Albert Speer, um zu erfahren, wie sich das Zusammensein mit Hitler gestaltet hatte und wie Speer sein Verhältnis zum Führer einordnet. Als Mora später seinem Vater, der sich im Zweiten Weltkrieg als deutscher Jude der Resistance anschloss, von dem Gespräch erzählte, fragte dieser nach langem Schweigen: „Did you kill him?“ In diesem Moment sei auch Mora bewusst geworden, mit welch kontroversem und schwierigem Thema er sich beschäftigte, erklärte er dem Publikum.

„We still don’t know what it was like.“

Philippe Mora betont die Wichtigkeit von „Swastika“, indem er deutlich macht, wie wenig die Allgemeinheit über die wirklichen Vorgänge und das Leben zur Zeit des Dritten Reichs weiß. Dem Zuschauer bieten sich Aufnahmen aus dem Propaganda-Material der Nazis, Mitschnitte, wie Joseph Goebbels Kindern zu Weihnachten Miniatur-Feuerwehrfahrzeuge schenkt und – das Besondere dieses Films – Privataufnahmen von Eva Braun auf dem Obersalzberg. Hitler, der mit Kindern und Hunden spielt, Kaffee trinkt und Eva Braun beim Plantschen zusieht.

„It is a really controversial film – but it’s just facts.“

Die Zuschauer bei den Filmfestspielen in Cannes 1972 ertrugen diese Aufnahmen nicht, schienen sie das Bild des tyrannischen Monsters doch zu verharmlosen, die Vorführung wurde abgebrochen. 2014 bleibt man sitzen, belächelt das offensichtlich inszenierte Propaganda-Material: Die Mutter, die stolz ihren Sohn in den Krieg ziehen lässt mit den Worten „Schreib, ob das Essen gut ist“, nimmt heute niemand ernst. Die Bilder vom freundlichen Hitler mit Baby auf dem Arm verunsichern da weit mehr: Wie hätten wir in der Zeit der Machtergreifung auf Propaganda reagiert? Kritisch, ablehnend und auflehnend, oder hätte die subtile Stimmungsmache und Hetze auch unser Gedankengut unterwandert?

„People believe that every documentary is true – that is nonsense.“

Das erste Werk im Rahmen der Retrospektive zeigt uns eindrucksvoll, welch intensive Wirkung Filmbilder auf ganze Gesellschaften haben können. Mora macht deutlich, dass die Ausstrahlungskraft eines Films immer in der Hand seines Machers liegt. Hitler kann genauso als bösartiger Tyrann wie auch als fürsorglicher Hundebesitzer gezeigt werden. Derselbe Mensch, der völlig unterschiedliche Reaktionen hervorruft.

Text: Mareike Schulz
Fotos: Lawrence Diederich, offblogger.de

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