Das (nicht ganz so) tapfere Schneiderlein

– Ein Film fürs breite Publikum: „The Apprentice“ –

Veränderungen, Unfälle, Krankheiten, Aggressivität – Alim hat vor allem, was ihn in seinem traurigen Alltag umgibt oder umgeben könnte, panische Angst. Mit seinen nicht mehr ganz taufrischen 35 Jahren lebt er daher ein Leben des routinierten Stillstands. Als seine beiden wichtigsten Bezugspersonen durch tragische Umstände ums Leben kommen, wird der bis dato vollkommen unselbstständige Schneiderlehrling auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.

theapprentice_head_1

Emre Konuk, der Regisseur von „The Apprentice“, ist tief in die Befindlichkeiten der sich im Umbruch befindenden türkischen Gesellschaft eingetaucht.

Wohl noch nie war ein Protagonist derart empfänglich für Binsenweisheiten:  Als er aus seinem überschaubaren Umfeld erfährt, dass farbloser Urin ein Zeichen für Gesundheit, Kaffee gut für das Herz oder Zucker gesundheitsschädlich ist, passt er sein Verhalten unmittelbar und radikal an und trinkt plötzlich Unmengen ungesüßten Kaffees, obwohl der den Geschmack verabscheut.  Hinter diesem Wankelmut steckt ein entscheidendes Motiv: Der Mann hat Angst. Oder besser gesagt, die Angst hat ihn – und sogar ziemlich gut im Griff. Dem Regisseur Emre Konuk ist es durch die Darstellung privater Ängste gelungen, die Unsicherheiten einer ganzen Generation in einen überspitzten, fast schon parabolischen Film zu packen.

Alim lebt seit fünfzehn Jahren ein isoliertes, trauriges Leben. Die Menschen um ihn herum werden immer älter, doch er entwickelt sich nicht weiter. Mit 35 Jahren ist er noch immer Lehrling eines alten Herrenschneiders, der ihn als einfachen Laufburschen, jedoch nicht als Schneider beschäftigt oder gar als möglichen Nachfolger aufbaut. Als Folge dieser Verantwortungslosigkeit hat Alim besonders viel Zeit, sich mit sich selbst zu befassen und jede noch so kleine Schwierigkeit zu einer ausgewachsenen Katastrophe zu hochzustilisieren.

Als eines Nachts ein handfester Streit in der Wohnung neben der seinen entbrennt, wird Alim von einem lauten Schlag derart erschreckt, dass er sich den Kopf aufschlägt und eine Platzwunde am Auge zuzieht. Die Wunde bemerkend gerät er derart in Panik, dass er sich mit kaltem Wasser übergießt und dabei sein Badezimmer unter Wasser setzt, um irgendwie die Blutung zu stoppen. Als dies zunächst nicht funktioniert, rennt er heulend und blutend hinauf zu seiner Vermieterin Makbule und begibt sich dort, völlig von Sinnen, in ihre Obhut. Es gelingt ihr schließlich, in zu beruhigen. Seine lebensweise Vermieterin erkennt seine innere Trauer und versucht, ihm Mut zuzusprechen, wofür Alim überaus empfänglich ist, da sie, ohne Fragen zu stellen, sehr behutsam mit ihm umgeht und ihn nicht für seine infantilen Ängste verurteilt:

You are inhaling in the wrong way. Respiration means life. If we inhalte superficially and quickly, we get sick more often. If we breathe wrong, we have a nervous and tense nature. We live more isolated. Instead of living the moment, we live in the past because of all the breath we’re hold in. We collect negative emotions and thoughts inside. Our relationships become weaker. Since we do not forgive, we keep on going through the same experiences again and again. We get far from our natural selves and start so live for other people. Actually we sort of kill the children inside of us.“

theapprentice_still_02

In der behaglichen Wohnung seiner herzlichen Vermieterin Makbule findet der überängstliche Alim so etwas wie einen Zufluchtsort. Hier bringt sie ihn schließlich sogar zum Lachen – eine Emotion, zu der er bis dahin nicht fähig gewesen war.

Doch statt einer möglichen Besserung durch den positiven Einfluss der älteren Dame droht die Situation nun auf einmal abzugleiten, als die beiden wichtigsten Menschen in Alims Leben das Zeitliche segnen: Yakub, der gutmütige Schneider, stirbt infolge einer riskanten Herzoperation und kann nicht in den Laden zurückkehren, wo er für seinen folgsamen Lehrling eigentlich einen dunkelblauen Maßanzug zu schneidern und diesem zu schenken beabsichtigt hatte.  Auch seine herzliche Vermieterin, zu der er gerade erst innerhalb kürzester Zeit ein inniges Verhältnis aufgebaut hatte, ereilt ein tragisches Ende, als sie vom eifersüchtigen, vermeintlich übermoralischen Barbier Celal, der den beiden ein sexuelles Verhältnis zugetraut hat, die Treppe hinunter gestoßen wird und unverzüglich stirbt.

Durch den Tod von Yakub und Makbule hat Alim nicht nur seine einzigen Bezugspersonen, sondern beinahe so etwas wie einen Vater- bzw. Mutterersatz verloren. Damit steht für ihn seine bisher größte Bewährungsprobe an: Vollkommen auf sich gestellt muss er sich nun seinen Ängsten stellen und diese überwinden, um endlich frei und selbstbestimmt zu leben.

theapprentice_still_1

Ein Moment der Erleuchtung? Alim, benötigt dringend eine Perspektive für ein freies, selbstbestimmtes Leben. Darsteller Hakan Atalay begeistert in „The Apprentice“ mit seiner authentisch-nervösen Performance.

Fazit: „The Apprentice“ rechnet schonungslos mit der aktuellen Generation ab, die mit über 30 Jahren noch immer keine Perspektive für sich entdeckt hat und von Verantwortung partout nichts wissen will, geht aber zugleich auch mit der alten Garde ins Gericht, die es nicht schafft, loszulassen und ihren Nachfolgern Platz einzuräumen. Obwohl die Handlung im türkischen Kulturkreis verankert ist, lassen sich die gesellschaftlichen Probleme eins zu eins auf die Konflikte zwischen Baby-Boomern und der vielfach gescholtenen Generation Y in Deutschland übertragen. Damit hat dieser Film keine unmittelbare Zielgruppe, sondern richtet sich vielmehr an ein breites Publikum. Wer ein Faible für Filme hat, die dazu anregen, über sich selbst zu reflektieren, für den ist dieser Film eine absolute Empfehlung!

Text: Moritz M. Lenz
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „The Apprentice“:
Fr., 16.09., 19.00, Cine k/Studio
Sa., 17.09., 16.30, Cine k/Studio

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.