Das Schaf im Wolfspelz

– Absolut sehenswert: „Wolf“, die intensive Momentaufnahme eines widersprüchlichen Lebens –

Dem niederländischen Regisseur Jim Taihuttu gelingt eine raue Hommage an Martin Scorseses Boxer-Drama „Raging Bull“ von 1980. Herausragend dabei: Hauptdarsteller Marwan Kenzari, der zuletzt auf der Berlinale als European Shooting Star 2014 nominiert war.

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Utrecht. Die viertgrößte Stadt der Niederlande. Knapp 330.000 Einwohner. Das „Amsterdam ohne Touristen“. Der ideale Ort für eine Grachten- und Speicheridylle? Ja – aber nicht in diesem Film. „Wolf“ kümmert sich nicht um touristische Klischees, sondern zeichnet ein Bild der kriminellen Kehrseite – atmosphärisch düster, musikalisch spartanisch, in urbanen Umgebungen, konsequent in Schwarz-Weiß. Das grenzt an ein Klischee, weiß hier aber als stimmungsvolles Setting zu gefallen.

Apropos Klischee: Zum Wolf existieren zwei, die sich widersprechen: Es gibt das Bild des Wolfsrudels – ein Symbol für Zusammenhalt, für einen Pakt der Treue. Und es gibt den einsamen Wolf, der rastlos umherstreift. Der junge Kickboxer Majid ist beides: Teil einer Einwanderer-Familie aus Marokko, Teil einer Gang – gleichzeitig aber auch mit sich allein, nachdenklich, unsicher.

Majid hat Schwierigkeiten sich einzuordnen und  für einen Weg zu entscheiden: den der anderen? Oder seinen eigenen?

Diese Widersprüchlichkeit setzt sich in seinem Verhalten fort. Majid überfällt, raubt, schlägt. Gleichzeitig kümmert er sich um Freunde und Familie. Sogar für eine Art Liebe ist Platz, auch wenn es möglicherweise die unromantischste der jüngeren Kinogeschichte ist.

Das Ventil für Majid ist das Kickboxen. Er hat großes Talent, doch er scheitert an der Regulierung. Er geht zu weit, schlägt zu hart, zu lang. Das ist symbolisch, denn auch in seinem Leben hat er Mühe, die Balance zu finden und Grenzen anzuerkennen. Seine Exzesse erklärt er mit einem lapidaren „Manchmal muss es einfach sein“. Mit der Erkenntnis an sich liegt er vielleicht nicht falsch, wohl aber mit der Wahl und der Qualität seiner Mittel. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass Majid eigentlich kein schlechter Kerl ist. Das Herz hat er irgendwo am rechten Fleck, wie sich vor allem im Umgang mit seinen Brüdern zeigt. Aber er trifft aus den falschen Gründen die falschen Entscheidungen – und eine von ihnen wird sich schließlich als fatal erweisen.

Taihuttu erzählt seine Geschichte unaufgeregt, beinahe dokumentarisch.

„Wolf“ ist deutlich weniger extrovertiert und explizit als andere Gangsterdramen – aber dennoch (und vielleicht sogar deswegen) atmosphärisch und eindringlich.

Die Gründe für Majids Situation bleiben zwar weitestgehend unklar, Auswege werden nicht diskutiert. Eine tiefere Gesellschaftskritik gelingt Taihuttu also nicht. Als intensive Momentaufnahme eines widersprüchlichen Lebens im Halbschatten ist der Film aber unbedingt sehenswert – nicht zuletzt dank des exzellenten Hauptdarstellers und dank einer gelungenen Regiearbeit, für die Taihuttu auf dem Nederlands Film Festival mit dem „Goldenen Kalb“ ausgezeichnet wurde. Wo? Natürlich in Utrecht.

Text: Thorsten Bruns
Foto: Filmfest Oldenburg


Screenings von Wolf:
Do., 11.9., 19 Uhr, Cine k
So., 14.9., 21.30 Uhr, Cine k

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