Der internationale Filmschoppen

– Heute mit drei Journalisten aus einer Stadt –

Online-Berichterstattung nonstop, Interviews und Reportagen in den Zeitungen, TV-Teams wie noch nie am roten Teppich: Mehr als in diesem Jahr gab es vom Filmfest bislang nicht zu sehen, zu hören und zu lesen. Die drei Journalisten Klaus Fricke (zum 21. Mal dabei), Oliver Schaefer (18.) und Claus Spitzer-Ewersmann (20.) haben auch schon andere Zeiten erlebt. Am Festivalsonntag diskutierten sie bei Kaffee, O-Saft und Croissants den Wandel der medialen Aufmerksamkeit für das Filmfest.

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Dreierbande: Oliver Schaefer, Claus Spitzer-Ewersmann, Klaus Fricke (v.l.)

Claus Spitzer-Ewersmann: Klaus, du warst vor 23 Jahren in der Lokalredaktion der Nordwest-Zeitung beschäftigt. Wie war deine erste Reaktion, als du vom Vorhaben hörtest, in Oldenburg ein Filmfestival zu veranstalten?

Klaus Fricke: Mein erster Gedanke war: Was für ein Quatsch! Diese Stadt braucht wieder einen Fußball-Zweitligisten, aber kein Filmfestival – und dann auch noch mit Independent Film. Dann habe ich Torsten Neumann kennengelernt, das war natürlich ein netter Kerl mit großer Begeisterung. Wir haben uns sehr schön unterhalten, aber meine Vorschau war am Ende dann doch mehr so 08/15. Bei den Ankündigungen habe ich immer gedacht, was das doch für ein Irrsinn ist: Filme mit schwierigen englischen Titeln von unbekannten Regisseuren und Schauspielern, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Ich habe mich gewundert, warum die nicht „Der Pate 5“ heißen. So richtig auf den Geschmack gekommen bin ich dann zwei Jahre später, nachdem ich mir tatsächlich einige der Filme angesehen habe.

Oliver Schaefer: Die ersten Jahre habe ich nicht mitgekriegt, denn ich bin 1998 von Hamburg nach Oldenburg gekommen, kurz vor dem Festival. In der Nähe der Kulturetage habe ich dann ein Plakat entdeckt: „Internationales Filmfest Oldenburg“. Da habe ich mich schon gewundert, aber immerhin bei einer – allerdings sehr übel gelaunten – Mitarbeiterin eine Eintrittskarte für die Spätvorstellung von John Carpenters „Vampires“ gekauft. Ich bin ja ein Riesenfan von ihm und habe gedacht: So schlecht kann die Stadt nicht sein, wenn hier Filme von ihm laufen, sogar weit bevor sie regulär ins Kino kommen. Allein schon wegen dieses Erlebnisses ist das Filmfest bei mir vom ersten Moment an positiv besetzt – auch wenn der Ton in der Halle grottig war und komische Liegestühle für die Besucher bereit standen.

Claus Spitzer-Ewersmann: Ich war Mitte der 1990er Jahre Redaktionsleiter beim Magazin „Prinz“ in Bremen und bekam eines Tages Besuch von Torsten Neumann und Thorsten Ritter. Die Berlinale kannte ich aus persönlicher Anschauung, auch die Nordischen Filmtage in Lübeck und einige andere Festivals. Aber Oldenburg? Ich hab’s damals nicht für möglich gehalten und die beiden für ein bisschen spinnert. Sympathie für die Idee war natürlich da, aber so richtig ernst genommen habe ich das alles nicht. Wie erging es euch in der NWZ-Redaktion?

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Klaus Fricke: „Ein Filmfestival? Quatsch!“

Klaus Fricke: Am Anfang gab es maximal einen Artikel, in dem die Veranstaltung als Ganzes abgehandelt wurde. Mit den Namen der Gäste konnten wir auch nicht so viel anfangen, selbst Maria Schrader ist an uns vorbeigegangen. Iris Berben konnten wir zwei Jahre später dann immerhin schon richtig einordnen. Aber der durchschnittliche Gast, der hier seine Filme präsentiere, war generell eher unbekannt. Wenn ich heute daran denke, wie wenig Aufmerksamkeit wir beispielsweise Keira Knightley bei ihrem Besuch entgegen gebracht haben … Die Zeitung funktionierte damals so, dass wir mehr auf die Promi-Quote geschielt haben. Wenn es da mal einen großen Namen gab, dann wurde auch ein zweiter Artikel ins Blatt genommen, sonst eher nicht. Und das, obwohl die NWZ von Beginn an Medienpartner des Festivals war.

Oliver Schaefer: Beim „Offenen Kanal“, wie der Vorgänger von „oeins“ damals hieß, wurde von Beginn an berichtet, allerdings ohne redaktionelle Arbeit. Wer Lust und Zeit hatte, konnte dort Radio und Fernsehen machen, wie er wollte. Damals wurden die sogenannten Publikumsgespräche zum Filmfest übertragen. Eine wirklich inhaltliche Planung haben wir erst 2001 oder 2002 auf den Weg gebracht.

Claus Spitzer-Ewersmann: Ich habe damals viel für überregionale Tageszeitungen wie „Die Welt“ geschrieben. Da war es erstaunlicherweise relativ leicht, Berichte vom Filmfest Oldenburg unterzubringen, weil man das immer so ein wenig belächelt hat. Dass, was hier bei uns passierte, war immer etwas exotisch. Ich glaube, dass das gleiche Programm in einer größeren Stadt – sagen wir in Frankfurt oder Bremen – gar nicht diese mediale Resonanz bekommen hätte. Aus meiner Sicht ist es das große Verdienst von Torsten Neumann, diesen Nimbus über all die Jahre bewahrt zu haben – bis heute.

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Oliver Schaefer: „Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit“

Oliver Schaefer: Bisschen kurios das alles, auch ein wenig skurril – sowas kommt in den Medien natürlich gut an. Und das Festival hat dieses Image ja auch selbst gepflegt, etwa durch die selbstironischen Trailer, durch die Partys an merkwürdigen Orten. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass es durch die Retrospektiven und Tributes großartige Filmschaffende nach Oldenburg geholt hat. Ich habe hier sehr viele Helden meiner filmischen Sozialisierung kennenlernen können. Eine große Leichtigkeit auf der einen Seite, eine ebenso große Ernsthaftigkeit auf der anderen – genau das macht den Reiz des Festivals aus, für das Publikum wie für die Medien.

Klaus Fricke: Ja, aber gerade deshalb finde ich es ausgesprochen ärgerlich, wenn beispielsweise der NDR seinen Bericht mit den Worten beginnt „Auch eine Kleinstadt …“. Warum macht man im Niedersachsen-Programm dieses Ereignis im eigenen Bundesland so klein? Ich verstehe es nicht, das ist eine grobe Respektlosigkeit gegenüber allen, die hier tolle Arbeit leisten. Witzig ist das nicht.

Claus Spitzer-Ewersmann: Wir haben ja alle drei auch schon die Medienwelt vor dem Internet und vor Social Media miterlebt. Es ist doch ein absoluter Anachronismus, wenn heute jeder Selfies mit Nicolas Cage machen und ins Netz stellen kann, die „offiziellen“ Fotos von ihm aber erst von seinem Management freigegeben werden müssen. Da stimmen für mich die Relationen einfach nicht mehr.

Oliver Schaefer: Das ist wirklich Unsinn, zumal wir alle ja auch selbst Teil dieser Social-Media-Welt sind. Wir stellen das Handy-Bild auch auf die Facebook-Seite, um auf unsere anderen Veröffentlichungen hinzuweisen. Diese Strategie des langatmigen Prüfens und Abwartens ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Claus Spitzer-Ewersmann: Klaus, kann die „normale“ Presseberichterstattung bei dem Tempo, dass die sozialen Medien vorgeben, überhaupt noch mithalten?

Klaus Fricke: Es muss eine gute Planung für die Basisthemen geben, aber auch sehr viel Freiraum. Zu meiner Zeit bei der NWZ haben wir uns immer einige Tage vor dem Festival getroffen und alles durchgetaktet. Aber es hieß auch immer, dass sich der Rest ergeben wird und muss. Das Oldenburger Filmfest bezeichnet sich selbst gern als Festival der Entdeckungen – und das gilt eben auch für die Themen. Man findet sie, aber man muss dafür auch bereit sein, sich auf Neues einzulassen. Planung ist prima, Flexibilität noch viel besser!

Oliver Schaefer: Man sieht das auch in diesem Jahr. Natürlich haben sich viele Medien auf Nicolas Cage gestürzt. Es besteht sicherlich die Gefahr, dass dadurch andere Gäste etwas zu kurz kommen, etwa Amanda Plummer oder Christoph Honoré. Aber weil Cage in punkto Medienkontakte sehr zurückhaltend agiert hat und recht unnahbar wirkte, konnte man sich um andere Themen kümmern. Cage war für viele Medien der Türöffner für Oldenburg, als Imagefaktor kaum zu toppen.

Klaus Fricke: Das sehe ich auch so. Für das Bild des Festivals in der Öffentlichkeit ist der Mann sehr wichtig, aber sonst hat er mich eher wenig interessiert. Amanda Plummer finde ich spannender, sie und Honoré hätten in jedem anderen Jahr mehr Beachtung gefunden.

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Claus Spitzer-Ewersmann: „Nimbus bewahrt!“

Claus Spitzer-Ewersmann: Wir sind uns vermutlich einig, dass sich das Festival die Gelegenheit, eine solch große Nummer nach Oldenburg zu bekommen, nicht entgehen lassen durfte. Wir hätten sicher auch alle Ja zu Cage gesagt. Aber die Messlatte für die kommenden Jahre liegt nun ein wenig höher. Das darf man auch nicht unterschätzen. Und man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass „Bunte“ oder „Gala“ wegen eines Indie-Films aus New York über Oldenburg berichten würden. Die interessieren nur Stars der Cage-Dimension.

Klaus Fricke: Aber das ist auch nicht schlimm. Wir nähern uns ja bereits dem 25. Festival im Jahr 2018. Das Filmfest lebt vom Filmfest, nicht von einzelnen Namen. Wenn dann Heinz Meyer aus Westrhauderfehn als Superstar daher kommt, dann ist das halt so. Ich habe damit keine Probleme.

Claus Spitzer-Ewersmann: Hättet ihr dem Festival die 25 damals zugetraut?

Oliver Schaefer: Ich wäre seinerzeit nicht unbedingt davon ausgegangen, dass es so lange Bestand haben könnte. Da war so vieles mit heißer Nadel gestrickt und improvisiert, das wirkte alles recht wackelig. Ich bin dem sehr wohlwollend entgegengetreten, habe aber auch eine Menge Zweifel gehabt.

Klaus Fricke: Das ging doch allen so. Damals habe ich eine kleine Notiz zum Festival geschrieben, heute gibt es jeden Tag zwei Seiten im Lokalteil der Zeitung und auch das Feuilleton ist gut dabei. Davon waren wir damals weit entfernt.

Claus Spitzer-Ewersmann: Okay, dann danke ich euch für dieses gut gelaunte Gespräch und wünsche noch viel Spaß beim verbleibenden Festival.

Fotos: Offblogger.de

1 Kommentar

  1. Gestörte Selbstwahrnehmung
    Ex-Kollege Klaus Fricke, den ich sonst sehr schätze, leidet offenbar unter einer gestörten Selbstwahrnehmung, was die frühere Berichterstattung in der NWZ zum Oldenburger Filmfest betrifft. Man könnte großzügig darüber hinwegsehen, weil seine übrigen jüngeren Beiträge zum Filmfest überhaupt nicht zu beanstanden sind, im Gegenteil. Aber die hier im Interview gemachten Äußerungen über die Anfänge des Filmfestes und die NWZ-Berichterstattung sind schlichtweg falsch und teilweise auch ehrabschneidend für die Kollegen, die sich damals ein Bein ausgerissen haben, um das Filmfest angemessen und würdig in der Zeitung zu präsentieren. Zu den Kollegen gehörte Klaus Fricke definitiv nicht, der damit gar nichts zu tun hatte (und auch nicht haben wollte!). Es waren die Kollegen Karsten Krogmann und Katja Lüers, die die Berichterstattung organisierten und größtenteils auch übernahmen. Die Lokalredaktion Oldenburg, der Klaus Fricke angehörte, hatte rein gar nichts mit der Filmfestberichterstattung zu tun. Erst viel später mit dem Eintritt des damaligen Redaktionsleiters Jasper Rittner änderte sich das insoweit, dass auch auf den Lokalseiten berichtet wurde – allerdings nicht von Klaus Fricke und seinen Kollegen, sondern in Verantwortung des Feuilletons. Zusammengefasst: Es ist auch damals keineswegs provinziell, wie von Fricke angedeutet, berichtet worden, sondern schon sehr umfassend – übrigens auch über Keira Knightley mit einer Doppelseite auf „Inside“ (obwohl sie damals noch gar kein Star war…).

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