Der Wahnsinn in unschuldigem Weiß

– Wenn die eigene Mutter zum Phantom wird 

„Die seelische Verfassung der Mutter prägt die Zukunft ihrer Kinder“, stellte Anita Ludwig, Dozentin für Psychologie, einmal fest. Aber wenn die eigene Mutter konsequent körperlich wie psychisch vor einem Zusammenbruch steht und plötzlich verschwindet, wie soll sich dann die Zukunft ihrer Kinder gestalten? Diese Frage stellt sich „White Bird in a Blizzard“, der auf dem diesjährigen Sundance Festival Premiere feierte. In der Hauptrolle: Shailene Woodley, die gefeierte Darstellerin aus „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.

Gregg Araki

Gregg Araki: Regisseur des Wahnsinns

Gregg Araki, der Regisseur dieses Adoleszenz-Dramas, stellt in seinen Werken zwei Aspekte in den Mittelpunkt:  Erschütterungen von jungen Erwachsenen im Prozess des Heranwachsens und die Kehrseite des „American Dream“. Wem diese beiden Thematiken zunächst nicht kompatibel erscheinen, der erfährt in „White Bird in a Blizzard“, wie das gutbürgerliche Leben in der Vorstadt völlig aus den Fugen geraten kann, wenn man einmal die (Gefrier-)Truhe der Familiengeschichte öffnet.

Eve ist weg. Sie ist einfach verschwunden und lässt ihren Ehemann im Plüschsessel seines nett eingerichteten, spießbürgerlichen Lebens zurück. Kat, die 17-jährige Tochter der beiden, scheint zunächst noch unberührt vom Fehlen ihrer Mutter. Ihr eigenes Leben dreht sich hauptsächlich um die gerade entdeckte eigene Sexualität und Beziehung zu ihrem Freund. Dennoch beginnt sie später die Umstände um das Verschwinden ihrer Mutter zu hinterfragen.

„The beautiful woman she once was, became nothing but a phantom, wondering her way in a snow storm.“

Eva Green als Kats Mutter

Eva Green als Kats Mutter

Gregg Araki versteht es, das Motiv des verlorenen weißen Vogels im Schneesturm immer wieder aufzugreifen und auf den Zuschauer zu übertragen, so dass dieser zwischen Beziehungsgeflechten, Misstrauen und Kats Selbstfindungsprozessen nicht mehr weiß, woran er sich orientieren kann. Die bunte Welt der 1980er Jahre mit ihren extravaganten Sonnenbrillen, den Schulterpolstern unter farbenfrohen Kleidern und den XXL-Möbeln setzt einen stechenden Kontrast zum absolut weißen Nichts, dem Kat sich ausgesetzt sieht, wenn ihr in klaren Momenten das Verschwinden der eigenen Mutter wirklich bewusst wird.

„White Bird in a Blizzard“ entlarvt den amerikanischen Traum vom suburbanen Leben in der behüteten Vater-Mutter-Kind-Konstellation. Scheint das Leben dieser kleinen Familie doch perfekt in wunderschön ausgemalten Farben, bekommt der Zuschauer im Verlauf des Films das beklemmende Gefühl, Eve sei vielmehr eine tickende Zeitbombe. Wenn Kats Mutter die Szenerie betritt, findet man sich selbst in der gespannten Annahme wieder, dass im nächsten Moment all ihre angestaute Verzweiflung und Aussichtslosigkeit aus ihr herausbricht und sich sowohl auf Kat als auch Zuschauer entlädt.

06447b30-db89-4a1a-9ed4-234306b2d910Ganz ohne Blutvergießen oder bildgewaltige Effekte bietet sich hier ein erschütterndes
Familiendrama. Nach jeder Wende, die der Film nimmt, stellt der Zuschauer die scheinbar heile Welt mehr infrage. Eva Green als Kats Mutter übertreibt an genau den richtigen Stellen, um die Leere hinter dem scheinbar erfüllten amerikanischem Traum vom Familienleben mit Eigenheim zu entlarven und beeindruckt als perfide, in ihrer Verzweiflung dem Alkohol verfallende Hausfrau. Und auch Shailene Woodley versteht es, das Publikum mal in Kats Gedankenwelt eintauchen zu lassen und es dann durch ihre Handlungen gleichermaßen zu verwirren.

Text: Mareike Schulz
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „White Bird in a Blizzard:
Fr., 12.9., 16.30 Uhr, Kulturetage
So., 14.9., 14.30Uhr, Kulturetage

 
 
 

 

 

1 Kommentar

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