Der Weg ins Nirgends

– Lorenz Merz bringt den wohl eindringlichsten Film des Festivals auf die Leinwand –

Gute Kinofilme verstehen es, ihre Zuschauer dafür zu gewinnen, sich auf fremde Gedanken und Geschichten einzulassen. Wie auf jene von Zoé, der Hauptfigur in „Cherry Pie“. Der Film des Schweizer Regisseurs Lorenz Merz zählt zum Besten, was das diesjährige Filmfest Oldenburg zu bieten hat.

Michael Klier hat ihn Ende der 1980er-Jahre gedreht, den Film, dessen Titel allen folgenden Fluchtdramen das Motto gab: „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“. Diese Hoffnung in sich bergende Idee hat auch die junge Zoé im Kopf. Sie will nicht, dass ihr Leben so bleibt, wie es war. Auf keinen Fall. Am besten geht das, meint sie, wenn sie alles hinter sich lässt – die Plattenbauten und den Freund, die Vergangenheit und die Gegenwart. Und womöglich auch die Zukunft.

Zoé weiß, was sie nicht will. Aber sie weiß nicht, was sie will.

Die Suche nach dem Gestern, Heute und Morgen inszeniert Lorenz Merz in seinem Spielfilm-Debüt auf höchst verstörende Weise. Zoé bleibt so geheimnisvoll, undurchsichtig und rätselhaft, dass die Beobachtung ihrer Reise ins Nirgends mitunter sogar körperliche Schmerzen bereitet. Beinahe jede Sekunde von „Cherry Pie“ wird bestimmt von ihrer Ziellosigkeit. Der Schweizer, der neben der Regie auch die Kamera führt, versucht sich ihr zu nähern, sie zu verstehen – Zoé ebenso wie auch die Ziellosigkeit. Dabei rückt er ihr so nahe wie möglich, schafft Augenblicke voller verschreckender Intimität. Der gelernte Fotograf zieht sich nicht in die vermeintlich sichere Distanz zurück, sondern bleibt ganz dicht am Geschehen.

Süß wie ein leckerer Kirschkuchen ist hier nichts. Im Gegenteil. Wie in Kliers „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“ führt die Flucht vor dem bislang gelebten Leben auch in „Cherry Pie“ nicht zum unbeschwerten Glück.

Aber es gibt wohl auch kaum einen anderen Film, dem man ein Happy End so wenig abnehmen würde, wie diesem.

Gerade weil sich Lorenz Merz und seine Hauptakteurin Lolita Chammah, übrigens die Tochter von Isabelle Huppert, dieser Versuchung hartnäckig verweigern, ist ihr Film einer der eindrucksvollsten des Festivals. Dass er in den letzten Monaten bereits bei den Filmfesten in Rotterdam, Locarno und Valencia hoch gelobt wurde, kommt nicht von ungefähr.

Text: Claus Spitzer-Ewersmann
Foto: Filmfest Oldenburg


Screenings von Cherry Pie:
Sa., 13.9., 21.30 Uhr, Casablanca
So., 14.9., 14.30 Uhr, Cine k

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.