Die äußeren Umstände

– Warum „Stray Bullets“ von Jack Fessenden kein perfekter Film ist – und warum man ihn trotzdem sehen sollte –

Wenn man einen Film bespricht, dann kann man ganz grundsätzliche Fragen stellen. Zum Beispiel diese: Was spielt überhaupt eine Rolle? Zählt nur das Endergebnis – unabhängig davon, wie es entstanden ist? Oder darf man äußere Umstände in seine Bewertung einfließen lassen? Zum Beispiel: die Höhe des Budgets – oder das Alter des Regisseurs?

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Zugegeben: Manchmal ergibt das nur wenig Sinn. Ob Roland Emmerich für den zweiten Teil von Independence Day 180 oder 200 Millionen Dollar verbrät – und ob er dabei 55 oder 60 Jahre alt ist – das ist herzlich unwichtig. Es gibt aber andere Fälle – und einer davon ist „Stray Bullets“ des amerikanischen Regisseurs Jack Fessenden. Der war zarte 14 Jahre alt, als er mit dem Skript begann – und kaum weniger zarte 16 Jahre, als der Film schließlich im Kasten war. Sein Budget betrug dabei exakt 0,00 Dollar.

Die Story: Zwei jugendliche Freunde Ash und Conner (Jack Fessenden, Asa Spurlock) sollen einen alten Campingwagen aufräumen, der irgendwo in Upstate New York im Wald steht. Dort treffen sie überraschend auf ein Gangster-Trio, das dort nach einem Raubüberfall Zuflucht gesucht hat. Der Coup selbst ist zwar geglückt, doch einer der drei ist schwer verletzt. Alle Beteiligten stehen nun vor denselben Fragen: Was tue ich? Und welche Folgen hat das? Für mich und für die anderen? Dass später weitere ungebetene Gäste kommen werden, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Es gibt aber noch einer weitere inhaltliche Ebene: das amerikanische Waffenrecht. Auf dem Weg zum Campingwagen verbringen Ash und Conner viel Zeit mit Paintball. Sie fühlen sich cool und stark und haben Spaß daran. Eine kritische Position ist zunächst nicht zu erkennen. Die folgt allerdings umso deutlicher und eindringlicher, als die beiden sich den realen Waffen der Gangster ausgesetzt sehen. Ohne den moralische Zeigefinger zu schwingen, zeigt Fessenden sowohl den gewissen Reiz als auch die tödliche Gefahr, die von den Waffen ausgeht – und zeigt schließlich auch deren tödliche Macht.

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Natürlich hat der No-Budget-Film eines Jugendlichen mehr Ecken und Kanten als ein Hochglanz-Produkt aus der Hollywood-Filmfabrik. Sicherlich gibt es auch die eine oder andere handwerkliche Ungenauigkeit. Und schauspielerisch ist das Ganze teilweise auf eher überschaubarem Niveau. Insgesamt kann sich das Ergebnis aber mehr als nur sehen lassen – vor allem, wenn man die äußeren Umstände bedenkt.

Fessenden gelingen immer wieder starke Bilder, Blickwinkel und Einstellungen. Erfreulich oft bewegt er sich einige Zentimeter weg vom Üblichen und Erwartbaren. Das zeugt von Mut, Gespür, Kreativität.

Selbst aufwändigere Szenen wie die Flucht der Gangster im Auto gelingen nicht nur, sondern erstaunen mit der einen oder anderen neuen Idee – vor allem, wenn man die äußeren Umstände bedenkt.

Um Fessendens Leistung einzuordnen, muss man eigentlich nur sich selbst betrachten. Was war uns wichtig, als wir 14 oder 16 Jahre alt waren? Dosenbier und Death Metal? Jedenfalls war ich weit davon entfernt, ein Drehbuch für einen Langfilm zu schreiben – geschweige denn, eines umzusetzen. Fessenden gelingt nicht nur das. Zusätzlich komponierte er den durchaus ambitionierten Soundtrack und spielte ihn ein, gestaltete das Filmplakat und steht selbst in einer Hauptrolle vor der Kamera. Und das ist auch dann bemerkenswert, wenn man die äußeren Umstände völlig außer Acht lässt.

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Ist „Stray Bullets“ ein perfekter Film? Einer, den man unbedingt gesehen haben muss? Und von dem man später voller Stolz sagen kann, dass man ihn schon auf einem kleinen Festival gesehen hat, bevor er später regulär in die Kinos kam und zu einem Welterfolg wurde? Nein, das ist er nicht. Aber zeigt er ein vielversprechendes Debüt eines jungen Regietalents? Demonstriert er wie man aus Nichts viel schaffen kann? Ja, das tut er.

Auch das ist eine Aufgabe eines Independent-Filmfestes: Talente entdecken, zeigen, fördern. Und das macht auch einen Teil seines Reizes aus.

Wer also Lust hat, einen dieser berühmten „rohen Diamanten“ zu entdecken, der sollte sich „Stray Bullets“ ansehen. Und dabei durchaus die äußeren Umstände im Hinterkopf behalten. Denn das sind in diesem Fall keine Randerscheinungen, sondern Teil des Films.

Text: Thorsten Bruns
Fotos: Straybulletsmovie.com

Screenings von „Stray Bullets“:
Fr., 16.09., 19.00, theater hof/19
Sa., 17.09., 16.30, Cine k/Muvi

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