Die Angst vor der Liebe

– Filmkritik zu „I Smile Back“ –

Schon lange hat mich ein Film nicht mehr so berührt wie „I Smile Back“ (USA, 2015) von Adam Salky. Am Ende saß ich ganz allein im Dunkeln, umringt von vollgeweinten Taschentüchern und völlig umgehauen von Sarah Silvermans Darstellung der depressiven und drogenabhängigen Mutter Laney. Ein großartiger Film, der seine kleinen Fehler sanft umschifft und den Zuschauer ganz tief berührt.

Laney hat alles, wovon so viele träumen: Sie lebt in einem wunderschönen Haus, hat einen liebevollen Ehemann, der sie umsorgt, und zwei tolle Kinder. Jeden Morgen packt und bemalt sie kleine Lunch-Tüten für Jane und Eli und fährt sie in ihrem schicken SUV zur Schule. Abends bringt sie die beiden zu Bett, liest ihnen vor und tröstet bei Albträumen. Die perfekte Hausfrau und Mutter – doch nur so lange sie ihre Medikamente nimmt. Denn Laney leidet unter schweren Depressionen.

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Sie scheint irgendwann beschlossen zu haben, ihre Medikamente abzusetzen, und tritt damit eine Abwärtsspirale los. Sie wird stark abhängig von Alkohol und Drogen und kann ohne – oder gerade aufgrund – dieser Mittel ihren Alltag kaum noch bewältigen. Sie betrügt ihren Ehemann mit seinem besten Freund und nutzt jede Gelegenheit, um ein Gläschen zu trinken, Tabletten zu nehmen oder Koks zu schnupfen, und bricht irgendwann in ihrem Schlafzimmer zusammen.

“I have experience with depression in my life and I don’t have a problem with addiction, but I’m a comedian and I’m surrounded by it, so I had a lot of resources“

sagt Sarah Silverman in einem Interview mit The Hollywood Reporter. Diese Ressourcen nutzt Silverman sehr gut. Ich finde ihre Darstellung ist absolut bewundernswert und so brilliant, dass ich teilweise völlig vergaß, dass ihr eigentliches Metier darin besteht, Leute zu belustigen.

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Nahezu offen bleibt, woher Laneys starke Depressionen überhaupt kommen. Nur ein kurzes Gespräch mit einem Therapeuten in einer Entzugsklinik, in die sie sich einweisen lässt, deutet die Ursache an: Sie hat immer noch damit zu kämpfen, dass ihr Vater die Familie verließ, als sie neun Jahre alt war. Natürlich kann man hier, wie es andere Rezipienten vor mir schon öfter getan haben, anmerken, dass vielleicht nicht tief genug auf die gestörte Vater-Tochter-Beziehung eingegangen wird. Aber ich finde es eigentlich absolut nicht falsch, dass an dieser Stelle Raum für Interpretation gelassen wird. Das macht den Film für mich nur noch wirkungsvoller.

Laney leidet immens unter der Angst, dass jemanden zu lieben bedeutet, ihn auch irgendwann wieder zu verlieren. Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist das eine Angst, die jeden mehr oder minder emotionalen Menschen irgendwann einmal umtreibt. Doch Laney kann aufgrund ihrer psychischen Störung absolut nicht mehr damit umgehen. So kommt es dazu, dass sie nach einer schwierigen Begegnung mit ihrem Vater einen Rückfall erleidet und sich so sehr in ihre Lügen verstrickt, dass sogar ihr sehr wohlwollender Ehemann beginnt, sich von ihr abzuwenden. In dem Moment, als er sie alleine in einem Hotelzimmer zurücklässt, brach auch mir als Zuschauer das Herz. Denn genau das ist das, wovor Laney doch so große Angst hat: verlassen zu werden.

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Wer Filme wie „Süchtig“ mit Michael Keaton, oder „Cake“ mit Jennifer Aniston mag, wird auch „I Smile Back“ fantastisch finden. Er zeigt auf erdrückende und schmerzvolle Art und Weise die Folgen einer Depression und vermittelt auf gewisse Weise das Verständnis dafür, wie es ist, sich wie ein Gefangener in seinem eigenen Körper zu fühlen und seiner Psyche ausgeliefert zu sein. Denn Laney möchte nicht diese depressive Frau sein, sondern eine liebevolle Mutter und Ehefrau.

Text: Ramona Walter
Fotos: Filmfest Oldenburg, The Hollywood Reporter, NY Daily News


Screenings von „I Smile Back“:
Sa., 19.9., 19 Uhr, Exerzierhalle
S0., 20.9., 14.30 Uhr, Exerzierhalle

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