Die Geister, die ich rief

– In „Polednice/The Noonday Witch“ werden Drohungen zur Realität –

Um die Geschichte von Eliška, die zusammen mit ihrer Tochter Anetka in das Heimatdorf ihres Ehemanns zieht, geht es in „Polednice/The Noonday Witch“. Warum der Gatte nicht mitgekommen ist, wissen weder der Zuschauer noch Anetka, die immer wieder nach ihrem Papa fragt, aber weder von ihrer Mutter noch von der Dorfgemeinschaft eine genaue Antwort erhält.

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Eliška (links) will einen Neuanfang – gelingt er?

Ein Neuanfang soll es werden für Eliška und Anetka, mitten in der Idylle des tschechischen Landlebens. Angelehnt ist der Film an eine alte slawische Sage von der Mittagshexe, ein Wesen, das, in der Mittagszeit gerufen, Unheil bringen soll. Das alles bietet viel Potenzial für einen Horrorfilm – doch wurde es genutzt?

Ein Dorf, eine alte Frau, die vor Jahren ihr Kind unter tragischen Umständen verloren hat, ein verschwundener Ehemann. Vieles scheint versteckt unter der lähmenden Hitze des Sommers zu brodeln. Und zunächst reißt mich das mit, ich überlege, was dem Vater passiert ist, welches Geheimnis das Dorf verbergen könnte, ob die alte Frau eine Beschützerin der kleinen Anetka oder eine Bedrohung darstellt. Ist sie vielleicht sogar die Mittagshexe?

Eine große Rolle dabei spielt die Musik und die ist, das kann man nicht anders sagen, der Wahnsinn.

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Welche Sorgen treiben Eliška um?

Genau an den richtigen Stellen in Szene gesetzt, lässt sie vermeintlich Gewöhnliches bedrohlich wirken – selten war ich so angespannt, wenn ein Kind durch eine Wohnung läuft. Doch Jiri Sádek, Regisseur von „The Noonday Witch“, schafft genau das. Er lässt die Musik spannende Momente unterstützen, lockt den Zuschauer auf falsche Fährten, ohne dabei von der Geschichte abzulenken.

Wahn und Realität werden gekonnt verknüpft und gegeneinander ausgespielt. Gegensätze, wie der strahlende Sommer, die Kornfelder gegenüber der düsteren Verzweiflung einer alleinerziehenden Mutter, geben dem Film einen unheimlichen Reiz.

Und das alles auf Tschechisch, einer Sprache, in der Beschwörungen wirklich wunderbar gruselig klingen.

Aber: Zwischen all den falschen Fährten und Symbolen verliert sich die Story. Fäden werden gespannt, verstärkt – und gelockert oder nicht aufgelöst. Mehrfach frage ich mich, wo das Leitmotiv ist. Höhepunkte verlieren sich, obwohl Vieles das Potenzial für spannende Geschichten bietet – wenn sie denn zu Ende erzählt würden.

„The Noonday Witch“ ist nicht der typische Horrorstreifen. Er ist ein Stück Kunst, spielt mit Licht, Farben und Musik. Das gelingt, allerdings hat Jiri Sadek, wie es mir scheint, sich zu sehr von der Sage der Mittagshexe lösen wollen. Parallelgeschichten tun sich auf und verschwinden wieder. Ein bisschen mehr Präzision und Tiefgang beim Interpretieren der Mittagshexe hätten dem Film gut getan, um Charakter zu zeigen.

Text: Mareike Schulz 
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Polednice/The Noonday Witch“:
Fr., 16.09., 23.45, Cine k/Muvi
So., 18.09., 19.00, Cine k/Studio

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