Die harte Wahrheit

– Das Leben schreibt die besten Geschichten, heißt es. Manchmal aber auch die unglaublichsten, wie „Chosen“, der neue Film von Jasmin Dizdar zeigt. –

„Chosen“ überrascht. Bei einem Film über den jüdischen Widerstand in Ungarn und Polen während des Zweiten Weltkriegs – der auf wahren Begebenheiten beruht – erhofft bzw.  befürchtet man Tragik, Dramatik, Schmerz und Melancholie. All das taucht bei „Chosen“ ebenfalls auf, allerdings wohl dosiert. Die Schwerpunkte dieses Films sind andere: Spannung und Action.

Entschlossen: Sonson und Kämpfer des Widerstands

Entschlossen: Ronson (Luke Mably) und Kämpfer des Widerstands

Zwei Minuten und elf Sekunden. Genau so lange braucht „Chosen“ bis zum ersten Bild mit Symbolkraft: eine Tür öffnet sich. Sie ermöglicht die Begegnung zweier Generationen, nämlich zwischen Enkel Max (Julian Shatkin) und Großvater Papi (Harvey  Keitel). Sie ermöglicht aber auch den Blick von der Gegenwart in die Vergangenheit, von der Vorstadt in eine Vorhölle. Denn Max bittet seinen Großvater, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen: einen Aufsatz zum Thema „My Hero“. Und Papis Erinnerungen führen geradewegs ins ungarische Debrecen der Jahre 1943 und 1944.

Kleine Geschichtsstunde gefällig? Aber gerne doch:  Am 20. November 1940 trat Ungarn dem Dreimächtepakt bei und beteiligte sich an der Seite des Deutschen Reichs am Krieg gegen die Sowjetunion. 1943 suchte die ungarische Regierung aber bereits nach Wegen, aus diesem unheilvollen Pakt wieder auszusteigen. Die Nazis unterbanden diese Aktivitäten ab dem 19. März 1944 durch eine Besatzung Ungarns. Ab diesem Zeitpunkt kam es auch zu massenhaften Deportationen. Von den 825.000 Personen, die zwischen 1941 bis 1945 in Ungarn lebten und als Juden angesehen wurden, kamen im Holocaust etwa 565.000 ums Leben. Nur 260.000 überlebten. Mehr dazu hier.

„Chosen“ erzählt aber keine Geschichte des Leids, sondern eine Geschichte des Widerstands. Und damit auch: der Hoffnung und des Muts.

Doch mit Leid beginnt auch sie. Papi erzählt vom jüdischen Anwalt Sonson (Luke  Manly), der sich zunächst seinem Schicksal – ein Leben unter Nazi-Herrschaft – ergibt. Er hört nicht auf seine kämpferische Schwägerin Judith (Ana Ularu), die ihm das Offensichtliche an den Kopf wirft: This is a war. You need to fight.“ Oft sind die einfachsten Botschaften die stärksten.

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Noch entschlossener: Rebellin/Schwägerin Judith (Ana Ularu)

Doch dann erschüttern zwei Dinge seine bequeme Welt. Erstens: die Brustkrebserkrankung seiner schwangeren Frau, die nicht behandelt werden darf, weil sie Jüdin ist. Und zweitens: die Verhaftung von Judith durch die Gestapo. Diese Entwicklungen bilden den Auftakt für die eigentliche Erzählung. Beziehungsweise: eigentlich für zwei. Oder sogar für drei. Vordergründig geht es um den Wandel des Protagonisten von einem vorsichtigen Bürokraten bzw. Advokaten zum mutigen Kämpfer. Es geht darüber hinaus aber auch um die Kraft, die uns Menschen innewohnt und die uns ungeahnte Fähigkeiten verleiht, wenn die Umstände es verlangen. Und nicht zuletzt geht es natürlich auch um den Holocaust.

Gemeinsam mit Judiths Kameraden aus dem ungarischen Untergrund will Sonsin seine Schwägerin befreien. Doch das Gefängnis von Debrecen ist nicht das Ende, sondern der Anfang des Plans. Judith ist bereits nach Polen deportiert worden. Sonson bricht dorthin auf, verbündet sich im Warschauer Ghetto mit dem jüdischen Widerstand, beteiligt sich am Aufstand gegen die Nazis und sucht – quasi nebenbei – weiter nach Judith. All das immer wieder in der Verkleidung eines SS-Generals mit zackigem Akzent.

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Optisch Opulent: Die Schlacht um das Ghetto

Man muss sich gelegentlich daran erinnern, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Dass die Ereignisse tatsächlich so – oder so ähnlich – stattgefunden hat, ist spektakulär und nötigt auch mehr als siebzig Jahre später noch viel Respekt ab. So viel Chuzpe und Courage wie Sonson hätten die meisten von uns auch in ihren mutigsten Momenten nicht gehabt.

Relativ schnell wird deutlich, dass dieser jüdische Anwalt nicht irgendein Bekannter von Großvater Papi ist, sondern er selbst.

Rückblickend ergeben deshalb zwei Lebensweisheiten einen neuen Sinn, die er gleich zu Beginn des Filmes sagt, als er mit Enkel Max eine Partie Schach beginnt („If you see a good move, look for a better one“) und als Max an seiner Hausarbeit verzweifelt („If you’re telling yourself you cannot do it – then you won’t be able to do it.“). Ohne solche Überzeugungen wäre eine Geschichte wie diese nicht möglich gewesen. Egal, welche Wandel wir uns zutrauen – und welche Kraft uns innewohnt.

Regisseur Jasmin Dizdar will in „Chosen“ sehr viel unterbringen. Wie gesagt: eigentlich drei Erzählungen. Deshalb geht einiges sehr schnell, deshalb macht die Handlung gelegentlich Sprünge, deshalb wirkt Manches nicht ganz auserzählt (etwa Beweggründe für Handlungen, zeitliche Kontexte). Dafür erlaubt sich „Chosen“ aber auch ruhige, intime, stimmungsvolle Szenen, z.b. der beinahe epische Abschied Sonsons von seiner Frau. Diese Momente sind für die Handlung selbst nicht zwingend notwendig, aber die dienen der Atmosphäre und Charakterzeichnung . Diese Gewichtung ist eine gute Entscheidung.

Überzeugend sind auch die Schauspielleistungen und das technische Niveau. Beides ist beinahe schon zu gut, um noch als Indie durchzugehen – und einige Szenen sehen fast schon zu schön aus, um wahr sein zu können. Als wäre ein ästhetischer Filter über die historische Realität gelegt.

Aber soll ich mich wirklich beklagen, dass heutzutage auch kleine Produktionen nicht mehr aussehen, als wären sie wären sie in irgendeinem schmuddeligen Hinterhof gedreht worden? Nein.

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Regisseur Jasmin Dizdar

Stattdessen freue ich mich über einige Momente, die Gedanken anstoßen, die Fragen provozieren, und die das Zeug haben, sich in die Erinnerung einzunisten – und viele weitere Momente, die einfach gut unterhalten.

Neunundneunzig Minuten und zehn Sekunden: Genau so lange dauert es, bis die Tür wieder verschlossen ist. Die Geschichte ist zu Ende erzählt. Doch sie bleibt in Erinnerung. Beim jungen Max – und beim Publikum.

Text: Thorsten Bruns
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Chosen“:
Do., 15.09., 19.00 Uhr, Cine k/Studio
Sa., 17.09., 16.30 Uhr, Exerzierhalle

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