Die Saga vom dicken Fell

– Hinter den Vorhang der Politik blickt Pasha Rafiy mit seiner Produktion „Foreign Affairs“ –

Traumberuf Politiker? Für Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn ganz sicher. Regisseur Pasha Rafiy hat ihn über ein Jahr mit der Kamera begleitet. Sein Porträt läuft auf dem Filmfest Oldenburg – wir haben den Film vorab mit zwei Jungpolitikern angesehen, um mit ihnen über den Reiz der Politik zu sprechen und sie um ihre Einschätzung zu bitten.

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Kurzr Pause: Jean Asselborn nach getaner Arbeit.

Beim Müsli-Frühstück studiert er die Weltpresse, beim Rasenmähen ruft der frühere österreichische Bundespräsident Fischer an und das Mittagessen besteht aus ein paar kleinen Happen beim Empfang. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn (67) ist Vollblutpolitiker, immer unter Strom, immer auf Achse. Er jettet um die Welt, trifft sich mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, dem französischen Präsidenten Hollande und Palästinenserführer Abbas. All das zeigt Regisseur Pasha Rafiy bei seinem Blick hinter den sonst so dichten Vorhang der Politik.

„Schon anstrengend“, meint Annabelle Trapp zum Pensum Asselborns. Seit dem Sommer 2016 ist sie Kreisvorsitzende der Jungen Union. Sie strebt eine politische Karriere in der CDU an. Der enorme persönliche Aufwand, den der Minister treibt, scheint die 18-Jährige nicht zu schrecken. Im Gegenteil. „Politik macht auch Spaß“, sagt sie. Vor allem aber, so verdeutlicht Pasha Rafiy, ist sie eine schweißtreibende Angelegenheit. Die vielleicht schönsten Szenen des Films sind die, in denen sein Protagonist für ein paar Sekunden die Augen schließt und wegzudösen scheint. Ansonsten ist viel geschäftiges Treiben zu sehen. Momente der Ruhe sind selten. In seiner Freizeit schwingt sich Asselborn aufs Rennrad oder kämpft mit den Tücken des Rasenmähers. Als der endlich anspringt, klingelt das Handy.

In der Politik braucht man offenbar ein dickes Fell.

„Das ist so“, sagt Gerrit Edelmann. Der 23-jährige Student ist stellvertretender Vorsitzender der Jungsozialisten im Landkreis Oldenburg und Kandidat für den Kreistag und den Gemeinderat in Hatten. Das dicke Fell sei vor allem wichtig, wenn man wie er als Jungspund in die Politik einsteige und vorankommen wolle. „Ältere Parteimitglieder wittern schnell Konkurrenz.“ Dennoch imponiert Edelmann einer wie Asselborn, vor allem weil er sich sehr sicher auf dem politischen Parkett bewege. „Und Anstrengungen muss man in Kauf nehmen, wenn man etwas erreichen will.“

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Gerrit Edelmann und Annabelle Trapp sehen „Foreign Affairs“.

Dass sie das beide wollen, daran lassen Trapp und Edelmann keine Zweifel. Die Vorbilder sind entsprechend. „Adenauer“, antwortet die Schülerin auf die Frage, welchen Politiker sie gern kennengelernt hätte oder kennenlernen würde. Klare Sache, „das ist der Kanzler“. Der Student überlegt einen Moment länger, nennt dann Willy Brandt, Gregor Gysi und Wladimir Putin. Der Erste „eine Legende“, der Zweite „rhetorisch fit“, der Dritte „einfach spannend“.

Händeschütteln hier, kurze Reden da, Smalltalk nicht zu vergessen – „Foreign Affairs“ ist ein Film über die hektische Seite der Politik, keiner über die schmutzige.

Dafür ist Asselborn zu vertraut mit den Gepflogenheiten des diplomatischen Parketts und seinen Gesprächspartnern. Mit vielen ist er schon lange per Du, mit manchen – etwa dem deutschen Außenminister Steinmeier – befreundet. Als er neben Jean-Claude Juncker, dem ebenfalls aus Luxemburg stammenden Präsidenten der EU-Kommission, in einer Sofaecke zusammenhockt, blüht der Flachs und beide kichern wie kleine Jungs nach dem Fußballspiel. „Weißt du, neulich der Tsipras“, sagt der eine. „Und dann die Merkel“, kommt es vom anderen zurück.

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Kurz mal durchatmen: Jean Asselborn zwischen zwei Terminen.

„Im Grunde haben wir doch keine ernsthaften Probleme“, sagt Annabelle Trapp. Ganz anders sei es in Ländern wie Israel, Pakistan, Aserbaidschan oder der Ukraine. Mit Jugendlichen von dort habe sie vor einigen Jahren zusammengesessen und sich ihre Narben zeigen lassen. „Das war ein Abend voller Tränen – und noch in der Nacht habe ich beschlossen, in die Politik zu gehen.“ Gerrit Edelmann nennt als Schlüsselmotiv seines Engagements den Wunsch, für „normale Menschen etwas verändern zu wollen“. Dass diese in „Foreign Affairs“ nicht vorkommen, ärgert beide. Ob Jean Asselborn sich tatsächlich von ihnen entfremdet hat oder entsprechende Szenen aus Pasha Rafiys Film herausgeschnitten wurden, war leider nicht zu klären.

Im Fazit bilden Trapp und Edelmann eine Koalition des politischen Nachwuchses. Beide antworten mit einem klaren Ja auf die Frage, ob sich der Film lohne. Gerade politisch Interessierten biete er eine Menge an Impulsen, selbst wenn manche Hintergründe nicht auf Anhieb zu verstehen seien. Gern hätten sie auch ein wenig mehr von der Persönlichkeit des Ministers und seiner Familie erfahren. „Wer in die Politik geht, braucht ihre hundertprozentige Rückendeckung“, weiß Annabelle Trapp zu berichten. Grundsätzlich sei es unbedingt begrüßenswert, den Leuten die Politik wieder näherzubringen. Wer indes das Rasenmähen einem Telefonat mit Österreichs Bundespräsidenten vorzieht, wird dieser Welt eher wenig abgewinnen können.

Text: Claus Spitzer-Ewersmann
Fotos: Filmfest Oldenburg (2), Mediavanti

Screenings von „Foreign Affairs“:
Sa., 17.09., 19.00, Exerzierhalle
So., 18.09., 14.30, EWE Forum Alte Fleiwa

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