Die Schattenwesen

– Über die unsichtbaren Unverzichtbaren des Filmgeschäfts –

Das Internationale Filmfest Oldenburg ehrt erstmals einen Produzenten mit einer Retrospektive. Was hat deren Job noch mit Kunst zu tun? OffBlogger Thorsten Bruns hat ihn sich mal genauer angeschaut.

+++ Dienstag, 15. August 2017, 10:55 Uhr +++
Oldenburg. Erwartungsvolle Stille. Gleich wird Torsten Neumann verkünden, wer der Stargast des Filmfestes sein wird. Wer kommt nach Nicolas Cage? Wer versetzt Oldenburg dieses Jahr in den Ausnahmezustand?

+++ Dienstag, 15. August 2017, 11:15 Uhr: +++
Oldenburg. Irritierte Stille. Edward R. Pressman? Wer zur Hölle ist Edward R. Pressman???

Schattenwesen: Edward R. Pressman.

Mittlerweile ist diese Frage weitgehend geklärt. Ungelöst sind dagegen aber andere Rätsel: Was genau tun diese Produzenten eigentlich? Was macht sie so wichtig? Und wie kommt es eigentlich, dass sie trotzdem niemand kennt?

Letzteres ist tatsächlich überraschend. Bevor jemand auf der Leinwand die Welt rettet, die wahre Liebe findet, höchst moralische Fragen stellt (oder höchst unmoralisch handelt), werden nämlich die Namen von einem halben Dutzend Executive-, Co-, Associate- oder Assistant-Producern eingeblendet. Man nimmt das allerdings eher hin als wahr. Es gehört halt dazu. Was diese Leute tatsächlich getan haben, wie wichtig das für den Film war und warum sie vielleicht völlig zu Recht im Vorspann genannt werden – das interessiert ehrlicherweise kaum jemanden.

Dass Produzenten eher als „Macher“ wahrgenommen werden und nicht als Künstler, das liegt vielleicht an der Bezeichnung und deren Ursprung:

Produktion, die: Kombination von Produktionsfaktoren – wie Arbeitskraft, Kapital, Energie, Rohstoffe – zur Herstellung von Gütern (einschließlich Dienstleistungen).

Eine Definition aus dem Wirtschaftslexikon, staubtrocken und humorlos. Ganz weit weg vom Thema Film – und doch ganz nah dran. Denn auch wenn der Filmproduzent keinen Gegenstand herstellt, geht es auch bei ihm darum, (sehr) unterschiedliche Faktoren miteinander zu kombinieren und sie aufeinander abzustimmen, um am Ende ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten.

Wenn man danach fragt, was ein Produzent macht, könnte man genauso gut fragen, wie ein Film entsteht. Denn in jeder Phase seiner Existenz – von der ersten Idee für eine Story bis zum Verramschen der DVDs beim Lebensmittel-Discounter – ist der Produzent involviert. Nein, falsch: Er ist nicht nur involviert, er ist das volvierende Element. Er erzeugt das Drehmoment, treibt an, sorgt für Bewegung. Er ist der kreative und strukturelle Motor.

Unverfilmbar bis zum Gegenbeweis durch Ed Pressman und Mary Harron: „American Psycho“.

Produzenten sind die Jacks of all Trades des Filmgeschäfts. Sie haben einerseits das nötige künstlerische Gespür, um eine gute Idee bzw. ein gutes Script zu erkennen, es einem geeigneten Regisseur anzuvertrauen und eine starke Besetzung zu organisieren. Sie haben aber andererseits auch die Möglichkeiten, das nötige Geld aufzutreiben, komplexe Abläufe aufeinander abzustimmen, eine durchschlagende Vermarktung anzustoßen und die globale Distribution zu organisieren. Angesichts dieser Anzahl und Vielfalt an Aufgaben wundert man sich auch nicht über die Anzahl und Vielfalt an Producern.

Trotz allem bleiben die Produzenten Schattenwesen, unbekannt und unerkannt. Ihre Leistung ist eben nicht im engeren Sinne künstlerisch und wird deshalb nicht als Teil des Kunstwerks wahrgenommen; auch wenn sie als Initiatoren und Taktgeber vollkommen unverzichtbar sind. Deshalb rauschen ihre Namen in den Intros weitgehend resonanzfrei an uns vorbei – und deshalb erntet man irritierte Stille, wenn man einen Produzenten zum Stargast erklärt.

Wobei, und so viel sei zu Ed Pressman doch gesagt, Torsten Neumann keinen x-beliebigen Vertreter seiner Zunft ausgewählt hat. Wie bei allen anderen Professionen gibt es auch bei den Produzenten große Unterschiede.

Es gibt zum Beispiel jene, die sich als Funktionäre im engeren Sinne verstehen. Menschen mit Geld oder mit dem Talent, Geld zu organisieren und zu verteilen. Klingt latent kriminell, ist es meist aber gar nicht. Tatsächlich bewegen sich diese geschäftsorientierten Produzenten irgendwo zwischen altruistischen Mäzenen und halbseidenem Privatkreditvermittler. Sie passen also ganz gut in den Hollywood-Kontext. Das Ergebnis dieses Ansatzes ist jedoch allzu oft industrielles Kino ohne Herz und Mumm.

Es gibt aber auch jene, die einen tieferen Zugang zur Kunst haben. Die weniger an Investition, Amortisation und Box Office denken, sondern an gute Geschichten und packende Erzähler. Die mit ihren Möglichkeiten dazu beitragen wollen, ein Wagnis oder eine Vision zu realisieren. Zu diesen gehört auch Ed Pressman. Und damit hat er vielleicht mehr für die Filmwelt getan als der überzeugendste Schauspieler oder der kernigste Indie-Regisseur. Weil sein Beitrag alles Weitere erst möglich gemacht hat.

Einen Produzenten mit der Retrospektive zu ehren und ihn somit zu einem Stargast des Filmfestes zu machen, war zweifellos mutig – und zweifellos klug.

Völlig zu Recht rückt diese Schlüsselrolle für fünf Tage in den Mittelpunkt. Schließlich sollte man auch das Ermöglichen feiern, nicht nur das Ermöglichte.

Und wenn in Zukunft wieder einmal ein herausragender Produzent geehrt wird, dann folgen darauf hoffentlich keine Irritationen, sondern ein Autokorso plus Hupkonzert auf dem Wallring. Mindestens.

Text: Thorsten Bruns
Fotos: Filmfest Oldenburg

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