Die Täuschung der Getäuschten

– Koreanisches Kino zu Gast in Oldenburg: Filmfestival zeigt „The Handmaiden“ –

Wie – und vor allem was – soll man bloß über einen Film schreiben, den man schon beim Ansehen gleichzeitig hervorragend wie übertrieben fand? Vielleicht genau das.

The Handmaiden

Fast im Sekundentakt änderte sich meine Meinung: Von aufregend und mitreißend über unangenehm zu schrecklich und wieder zurück wurde mir schon beim Gedanken an diese Filmbesprechung schwindelig. Klar ist: „The Handmaiden“ verwirrt, aber auf eine gute Art. Mit einer Wendung im ersten Drittel, die andere Filme normalerweise nicht bis 20 Minuten vor Schluss hergeben, wenn überhaupt.

Der Film spielt mit verschiedenen Blickwinkeln der Protagonisten und zeigt deutlich, welche Abgründe hinter Naivität, wie viel menschlicher Abschaum und Perversion unter dem Glanz von Reichtum und Bildung verborgen liegen.

In drei Teilen erzählt Regisseur Chan-wook Park die Geschichte der Taschendiebin Sookee (Kim Tae-Ri) und der reichen Erbin Hideko (Kim Min-Hee). Im japanisch besetzten Korea der 30er Jahre wird Sokee von einem Hochstapler (Jung-Woo Ha), der sich als Graf Fujiwara ausgibt, angeheuert. Der Plan ist simpel, auch wenn er ihn umständlich erklärt: Hideko soll sich in ihn verlieben, damit er mit ihr nach Japan durchbrennen kann. Dort will der Graf sie heiraten, um ihr dann ihr Geld abzunehmen und sie ins Irrenhaus abzuschieben. Sookee soll als Dienstmädchen von Hideko dafür sorgen, dass sie Gefühle für ihn entwickelt. Und so zieht Sookee zu Hideko, die mit ihrem Onkel Kouzuki (Jin-Woong Cho) auf einem abgelegenen Anwesen lebt, das sie seit ihrer Kindheit nicht verlassen durfte.

So weit, so vorhersehbar – dachte ich. Denn am Ende des ersten Teils stellt Regisseur Chan-wook Park den Film auf den Kopf und beginnt, ihn neu zu erzählen: Diesmal aus Hidekos Sicht.

Und genau an dieser Stelle wusste ich: Er hat mich. Die eine Wahrheit gibt es in „The Handmaiden“ nicht. Konstellationen werden überprüft, neu inszeniert und ergeben aus einer anderen Perspektive einen neuen Sinn.

Der zweite Teil löscht alles, was wir im ersten für wahr hielten, und zeigt uns eine andere Realität. Diese zeitspringende und alles relativierende Erzählweise kann der angelegten Spannung zwar nicht immer ganz gerecht werden – aber trotzdem: Park versteht es, seine Charaktere ein Spiel mit doppeltem – oder dreifachem? – Boden spielen zu lassen.

Zunächst abgeschreckt von den großzügig gestreuten Erotikszenen war es die Durchtriebenheit der so naiv wirkenden Protagonistin, die mich „The Handmaiden“ bis zum Schluss hat sehen lassen.

Die beiden herausragenden Hauptdarstellerinnen verwischen die Grenzen zwischen Schein und Sein und schaffen überzeugende Trugbilder:

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Kim Tae-Ri, grandios in der Rolle der Sookee.

Kim Tae-Ri spielt die Diebin Sookee, die wiederum in die Rolle eines Dienstmädchens schlüpft, so perfekt, dass man sich unweigerlich fragt: Was ist wahr, was Täuschung? Was tut sie für den Plan, was für sich selbst? Und die reiche, aber einsam aufgewachsene Hideko wird von Kim Min-Hee kindlich wie berechnend zugleich porträtiert, ausgestattet mit zwei so gegensätzlichen Persönlichkeiten, die man ihr trotzdem mühelos abnimmt.

Flach bleiben leider die männlichen Charaktere: Während sich Hideko und Sookee weiter entwickeln, Entscheidungen treffen müssen und sich gegen die Männerwelt behaupten wollen, tauchen der Graf und der Onkel nur auf, um die Grundlage der Story  und eine Bedrohung zu schaffen: Der zwielichtige Betrüger, der Hideko um ihr Geld bringen will, und der perverse Onkel, der seine Nichte dazu zwingt, ihm und anderen Männern seiner Meinung nach erotische, meiner Meinung nach frauenverachtende und gewaltverherrlichende Literatur vorzulesen. Schade, hier hätten sich Hintergrundgeschichten angeboten. Aber: Es geht auch einfach nicht um sie; „The Handmaiden“ dreht sich um die beiden Frauen.

Nein, ich bin einfach nicht der Typ für Filme mit expliziten Sexszenen – vor allem, wenn sie schier unendlich in die Länge gezogen werden.

Und dessen muss man sich bewusst sein: Dass der Film für manche die Grenzen des Erträglichen nicht nur reizt, sondern sicherlich deutlich überschreitet.

Denn Park deutet nichts einfach nur an, er zeigt es. Wer sich dabei unwohl fühlt, sollte sich überlegen, ob er „The Handmaiden“ wirklich in einem Kino sehen möchte. Dass die Szenen für den Film tatsächlich von Belang sind, dürfte nur ein schwacher Trost sein.

Auch die 167 Minuten auf Koreanisch und Japanisch (gekennzeichnet jeweils durch verschiedenfarbige englische Untertitel) sind nicht ohne – und definitiv nicht zum „nebenher sehen“ geeignet.

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Die reiche Hideko, umworben von einem Betrüger. Ziel: ihr Vermögen.

Aber: Park überzeugt auch mit wunderschönen Aufnahmen und Kostümen, legt Wert auf Details und Ästhetik. Mit den Augen der armen Sookee entdecken wir die Schönheit der Lady Hideko und die ihrer prachtvollen Kleider, ihren Schmuck und die Reichtümer, die ihr Anwesen füllen. Wir erfahren Schönheit genauso wie die unter ihr verborgene Grausamkeit. Und „The Handmaiden“ ist letztendlich auch die Geschichte einer Liebe, die sich behaupten muss – wenn auch anders, als man es erwartet.

Trotzdem hatte ich mit dem Film meine Schwierigkeiten. Wem würde ich ihn empfehlen? Darauf weiß ich noch keine Antwort. Er lohnt sich, wenn man sich darauf einlassen kann, wenn man sich nicht durch seine eigene Scham und Tabus selbst zensiert. Und wenn man – man kann es fast schon so nennen: durchhält. „The Handmaiden“ ist einer dieser Filme, die ich nach dem Sehen mehr schätze, als währenddessen.

Autor: Phyllis Frieling

Fotos: Filmfest Oldenburg (2), Moho Film (1)

Screenings von „The Handmaiden“:
Do., 15.09., 21.30, Casablanca
So., 18.09., 16.30, Exerzierhalle

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