Die (Un-)Machbarkeit des Glücks

– Filmkritik zu „Meet Me in Montenegro“ –

Mit „Meet Me in Montenegro“ (2014, USA) erzählen die Drehbuchautoren und Darsteller Alex Holdridge und Linnea Saasen eine lockerleichte und selbstironische Romantic Comedy, stellen aber auch eine Grundsatzfrage: Wie definiert sich das persönliche Glück der heutigen Endzwanziger?

Anderson ist Autor von Independent-Filmen, einer von der eher nerdigen Sorte und an einem Punkt angelangt, an dem sein Leben zu stagnieren scheint. Seit sieben Jahren will sich kein Produzent für sein Filmprojekt finden und gerade hat sich auch noch seine Freundin von ihm getrennt. Eine Wende verspricht ein Trip nach Berlin, auf den sein Chef ihn schickt, nicht ohne den Seitenhieb: „Maybe German girls will be dumb enough to fuck you.“ Dort angekommen tut sich in Sachen Liebe tatsächlich etwas, wenn auch das Mädchen nicht deutsch und dumm, sondern norwegisch und smart ist. In der Berufstänzerin Lina trifft Anderson eine verflossene Liebe wieder, die ihn einst während eines Spontanurlaubs in Montenegro unvorhergesehen sitzen ließ.

Darf man träumen?

mmim-still-cliffjump

Diese Erfahrung – und vor allem diese Frau – hat Anderson nie überwunden. Symbolisch für ihre nur dreiwöchige, aber intensive Begegnung steht die Anfangs- und gleichzeitig Schlüsselszene des Films, in der beide auf einer Klippe stehen. Anderson ist – wie so oft im Leben – unsicher, zögert. Nachdem Lina gesprungen ist, folgt er ihr dann aber doch in die Tiefe. Er überwindet sich, wagt etwas. „I never felt so alive before“, kommentiert er dieses Erlebnis in seinem Tagebuch.

Etwas wagen, darum geht es bei „Meet Me in Montenegro“ – und darum, wofür sich ein Wagnis lohnt. „Lifelong love is a complete fantasy“, sagt Lina in einer Szene. Aber darf man trotzdem träumen von einer erfüllten, ewig anhaltenden Liebe? Oder auch von der Umsetzung eines Herzensprojekts wie das von Anderson, auch wenn es noch so unrealistisch erscheint? Diese Frage wirft der Film auf. Und vielleicht noch eine wichtigere: Darf man davon träumen glücklich zu werden in der Liebe und im Beruf, zumal in Zeiten der Globalisierung? Falls nicht, auf welche „Karte“ sollte man setzen, in welchem Lebensbereich ist die Garantie fürs Glück höher?

„I wanted it all – and risked to have nothing.“

3-mmimstills-montenegrosunset-tiffJetzt, zusammen in Berlin, leben die Gefühle von Anderson und Lina wieder auf. Sie geben sich als Paar eine neue Chance und beschließen, die Stadt gemeinsam zu verlassen und noch einmal nach Montenegro zu fahren. Doch als Anderson auf Drängen seines Chefs hin spontan nach London fliegt zu einem vermutlich weiteren erfolglosen Meeting, gefährdet er damit die Pläne. Auf den potenziellen Projektpartner wartend muss er feststellen: „I wanted it all – and risked to have nothing.“ Die Krux einer Generation, die versucht, ihr Glück zu finden mit ihren hohen Ansprüchen an Beziehung und Beruf – oder vielleicht besser gesagt: ihnen zum Trotz. Die sich – ob ihrer grenzenlosen Möglichkeiten – dem Druck ausgesetzt sieht, selbst schuld zu sein, wenn sie nicht glücklich ist. Die Glück für „machbar“ hält.
_alexholdridgeDie Geschichte von Anderson und Lina, vom Wagnis, sich für Liebe und Beruf einzusetzen, ist unterhaltsam erzählt; nicht zuletzt, weil Einblendungen von Andersons Tagebuch(auf)zeichnungen, Plakaten, eingestreute Zeitraffer und Super8-Effekte den Film untermalen. Zudem wirkt der Protagonist sympathisch in seiner planlosen, leicht ungeschickten Art. Allerdings: Eine etwas facettenreichere Darstellung von Schauspieler Alex Holdridge hätte man sich durchaus gewünscht. So scheint klar, warum Anderson die flippige, Kunst verkörpernde Lina liebt, nicht aber, was genau Lina in dem jungenhaften, wenig dynamischen Anderson sieht.

Abstriche: Klischees und konstruierte Sidestory

Ebenso schwache Momente hat der Film, wenn er sich an Comedy- und Berliner Klischees abarbeitet. Da wäre die klassische Abschiedsszene eines Paars, das längst weiß, wie sehr es sich zueinander hingezogen fühlt: Zweimal schon hat sich Anderson verabschiedet und Lina die Tür zugemacht, bis sie dann doch stürmisch übereinander herfallen. Als Anderson und Lina beide einen beruflichen Rückschlag erleben, wird natürlich die ganze Nacht in einem hippen Berliner Club bis zum Exzess abgetanzt, um dann bei Sonnenaufgang von einer Brücke die S-Bahnen zu beobachten. Begegnen sich die beiden oder telefonieren, kann der Zuschauer sicher sein, dass die Warschauer Brücke oder die U-Bahn-Station Alexanderplatz die Kulisse bildet und/oder ein Retro-Rad im Hintergrund zu sehen ist. Ein Bekannter von Anderson und seine Freundin wollen ihrer Beziehung mit einem Besuch im berühmt-berüchtigten KitKatClub und einem flotten Vierer neuen Drive verleihen. (Diese Sidestory eröffnet im Übrigen zwar einen weiteren Blick auf die Frage, ob es in Sachen Liebe so etwas wie Sicherheit gibt. Allerdings ist die Verbindung zur Hauptstory doch sehr konstruiert.)

Fazit

Wer filmische und inhaltliche Wagnisse erwartet, dürfte eher enttäuscht sein. Wer sich dagegen lockerleicht unterhalten lassen möchte, ist mit „Meet Me in Montenegro“ gut beraten. Und wer wissen möchte, ob und welches Wagnis Anderson zum Schluss des Films eingeht, erst recht.

Text: Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screening von „Meet Me in Montenegro“:
Do., 17.9., 19.00 Uhr, theater hof/19
Fr., 18.9., 16.30 Uhr, EWE Forum Alte Fleiwa

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.