Die wertende Ebene ablegen

– Interview mit Luise Heyer, der Hauptdarstellerin des Abschlussfilms „Jack“ –

Luise Heyer spielt die Rolle der Mutter im Abschlussfilm „Jack“ des diesjährigen Filmfestes. Fällt es schwer, eine Figur darzustellen, deren Handeln man unmoralisch findet? Was sind die Gründe für ihr Handeln? Wie gestaltet sich das Schauspielern mit Kindern? Diese und mehr Fragen hat sie offblogger beantwortet. Und erklärt, warum ein Happy End im Film nicht möglich ist. 

Fotos: Lawrence Diederich

Frage: Du bist zur besten Schauspielerin der Spielzeit 2012 am Theater Dortmund gewählt worden. Warum dann Film und Fernsehen?

Luise Heyer: Ich will beides machen. Bevor ich in Dortmund angefangen habe, habe ich einen Kinofilm gemacht und hatte ein bisschen Angst, dass der Zug beim Film für mich abgefahren ist, wenn ich in Dortmund bleibe. Deshalb habe ich mich auch in diese Richtung orientiert. Nebenbei bin ich aber auch noch am Theater in Dortmund als Gastschauspielerin.

Was ist der größte Unterschied zwischen der Schauspielerei am Theater und im Film?

Im Theater spielst du deine Rolle durch. Da stehst du drei Stunden auf der Bühne und bist danach fix und fertig. Beim Film arbeitest du 16 Stunden am Tag und denkst dir: Was habe ich heute eigentlich gemacht? Beim Film stecke ich noch in den Kinderschuhen, beim Theater habe ich eine andere Sicherheit.

Wie bist du an die Rolle der Mutter in „Jack“ gekommen? Schwebte dem Regisseur schon vor, dass du sie spielen sollst, oder hast du dich beworben?

Das lief über meine Agentur bzw. über Castings. Simone Bär, eine Casterin, hat mich vorgeschlagen. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen, ich habe das Drehbuch gelesen und dachte mir: Ich möchte das spielen, ich kann das! Dann war die Frage, ob die beiden Kinder zu mir passen. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich nicht besetzt werden können. Nach einer langen Wartezeit kam dann das Feedback: Ist doch klar, dass du die Rolle kriegst!

Was war es denn, was dich an der Rolle sofort begeistert hat?

Weil es kein Klischee ist von einer Figur, die schwarzweiß ist: die böse Mutter, die Alkoholikerin ist und ihr Kind schlägt. In „Jack“ habe ich versucht, etwas zu spielen, das in der Realität gar nicht so häufig vorkommt. Die Liebe zum Kind ist ja da. Aber die Mutter hat nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Das kommt wahrscheinlich auch von der Erziehung. Oder von unserer Ellenbogengesellschaft, in der du um alles kämpfen musst. Dann bekommst du plötzlich ein Kind, ein kleines Wesen, und dann darf das nicht Kind sein, sondern wird gleich in diesen Strudel hineingesogen.

Gab es auch Momente, in denen du die Rolle gespielt hast und angeekelt warst, weil du dachtest: Es kann nicht sein, dass sich die Mutter so verhält?

Beim Drehen spielt man es einfach. Aber in dem Moment, als ich bei der Premiere den Film gesehen habe mit den beiden Jungs neben mir, da dachte ich mir die ganze Zeit: Oh Gott, es tut mir so leid. Dann gibt es diese kleinen Momente, nämlich diese Nichtverantwortung, das Kind wirklich als Partner zu sehen, anstatt als kleines Wesen, das schutzbedürftig ist. Das würde mir – hoffe ich – niemals passieren.

Und das zu spielen, war schon krass. Es ist zwar nicht weit weg von dir, aber trotzdem sind es Welten.

Ist es schwierig, so etwas mit Kindern zu spielen? Gerade der Kleinste, war ja noch sehr jung. Wie bringt man ihnen nahe, die Rolle umzusetzen?

Wir hatten eine ganz tolle Trainerin für Kinderschauspieler, die sich mit den Kindern auseinandergesetzt, mit ihnen geübt und die Rolle erklärt hat. Ich wiederum habe einfach versucht, mit ihnen Zeit zwischen den Szenen zu verbringen. Ivo ist sehr fit. Er ist wahnsinnig intelligent und ein kleiner Erwachsener, aber auch Kind. Ich mag es sehr, mit Kindern zu arbeiten, und habe die beiden sehr ins Herz geschlossen. Das ganze Set war eine herzliche Sache mit viel Liebe. Ich freue mich sehr, dass diese Arbeit belohnt wird.

Wie bist du damit umgegangen, dass du den Charakter moralisch hinterfragst und ihn gleichzeitig überzeugend darstellen musst?

In diesem Moment bin ich die Figur.

Man muss die wertende Ebene ablegen, sonst braucht man die Rolle nicht spielen, sonst wird es nie authentisch.

Dazu gehört Liebe zum Beruf und zur Figur. Man muss aufpassen, dass man sich in der Rolle nicht verliert.

Hast du eine Erklärung dafür, dass sich die Mutter nicht realisiert, was sie ihren Kindern antut?

Sie hat kein Bewusstsein dafür, sondern sucht selbst sehr nach der großen Liebe. Sie ist ja total stolz auf ihren Sohn, dass er sich so kümmert, tut das aber wie eine große Schwester, die sich überhaupt nicht ihrer Verantwortung bewusst ist. Es ist ja nicht so, dass sie sagt: Ist mir egal! Sondern sie checkt es wirklich überhaupt nicht, dass es Kinder sind. Sie passt zwar wie eine große Schwester auf, dass sie sich nicht an den Streichhölzern verbrennen, oder schmiert Jack nachts eine Stulle, nackig, nach dem Sex. Aber sie kreist sehr um sich selbst. Genau das ist es, was so tragisch ist. Was ich relativ häufig – wenn auch nicht in dieser krassen Form – beobachte.

Wäre ein Happy End also gar nicht möglich gewesen?

Man hätte es wenn überhaupt noch tragischer machen können. Aber ein Happy End hätte tatsächlich nicht gepasst.

Berlin wird ja sehr drastisch dargestellt. Es ist deine Heimatstadt – ist es für dich tragisch zu sehen, wie kalt sie sein kann?

Nein. Man weiß es ja, dass es immer anonymer wird. Ich bin dort aufgewachsen und habe es als kleines Dorf empfunden. Man lebt ja nur in seinem Viertel, seinem Kiez. Darin bewegst du dich und wenn du älter wirst, guckst du ein bisschen über den Tellerrand hinaus. Aber eigentlich bleibst du in deinem sicheren Raum. Dass die Kinder nicht bemerkt werden, halt ich für ein über Berlin hinausgehendes Problem. Das ist auch auf eine andere Stadt übertragbar.

Wie ist es für dich als Hauptdarstellerin, dass der Film so großen Anklang findet und auf Internationalen Filmfestivals läuft?

Ich find’s super – und fahre noch nach Athen für einen Tag! Die Frage ist halt noch, ob die Leute ins Kino gehen.

Ein Film, der in Filmkreisen sehr gehyped wird, kann trotzdem im Kino nicht angenommen werden.

Ist es unangenehm, so viel öffentlich auftreten zu müssen?

Das ist von Schauspieler zu Schauspieler unterschiedlich. Es ist nicht so meins. Aber ich bin über den Punkt hinweg, dass ich total gut aussehen muss. Ich muss mich nicht schminken, das macht es eher schlimmer. (lacht)

Was machst du noch in den Stunden bis zur Closing Night heute Abend?

Ich werde mir Oldenburg ansehen.

Dann wünschen wir dir viel Spaß dabei. Bis heute Abend!

Das Gespräch führten Mareike Lange und Annabell Hempelmann.


Screening von „Jack“
Closing Night, So., 14.9., 19 Uhr, Staatstheater

 

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