Die Wut mit ins Grab nehmen

– Ein beeindruckender Dokumentarfilm: „White Rage“ –

Wie wird man zum Amokläufer? Steckt es in jedem von uns? Und gibt es Möglichkeiten im Vorfeld etwa zu verhindern? Der finnische Dokumentarfilm „White Rage“ gibt tiefe Einblicke in die Seele eines Beinahe-Täters. Und liefert eine  Handlungsempfehlung, um Amokläufe eventuell vermeiden zu können.

White Rage

Die endlose Schwere des Lebens: White Rage

Amokläufe – Ein brisantes Thema, was uns gerade in den vergangenen Monaten wieder verstärkt in den Medien verfolgt hat. Umso eindrucksvoller ist es, einen Dokumentarfilm über einem Mann zu sehen, der es trotz permanenter Attacken durch seine Mitmenschen geschafft hat, nicht zum Massenmörder zu werden. Stattdessen schlug er eine Karriere als akademischer Wissenschaftler ein und wurde zum gefragten Spezialisten für menschliche Aggressionen und Gewalt. Sein persönliches Ziel ist es nach wie vor, seinen „White Rage“ mit ins Grab zu nehmen.

Black Rage. White Rage. Was ist das überhaupt? Von Black Rage spricht man, wenn jemand in seinem Verhalten unkontrollierbar ist und die Wut sich umgehend in Gewalt entlädt. Black Rage kann man dem Menschen ansehen. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben. White Rage ist perfider. Es ist eine Form des Zorns, der sich langsam aufbaut. Durch die permanente verbale und körperliche Attacke nimmt das Opfer alles als eine Ungerechtigkeit wahr. Es überlegt, wie es sich wehren kann. Gewaltphantasien spielen sich im Kopf ab. Irgendwann kommt es zum Entladen des „Weißen Zorns“. Und schlimmstenfalls endet diese Entladung in einem Amoklauf.

Wenn sie alle tot sind, rufe ich die Polizei und sage ihnen, wer ich bin.

Wie kam Lauri an den Punkt, detaillierte Überlegungen zu einem Amoklauf anzustellen? Nun, er wurde mit neun Jahren zum Halbwaisen und erfuhr von jeher Mobbing durch seine Mitschüler und später auch Kommilitonen. Lauri war anders als die anderen. Er hatte keinen Vater mehr, er hatte eine spezielle Persönlichkeit, mit der er sich von anderen abhob, und schrieb in der Schule und Uni stets Bestnoten. Für all dies wurde er von den Mitschülern beschimpft, geschlagen und getreten. Eigentlich war er größer und stärker als die anderen, aber das streng christliche Regiment seiner alleinerziehenden Mutter verbat es ihm, sich zu wehren. Er sollte laut ihr alles erdulden.

Schließlich hat jeder von uns sein Päckchen zu tragen. (Lauris Mutter)

Hinzu kam, dass auch noch die Schulleitung Lauri die Schuld für seine Misere gab. Ihm wurde vorgeworfen, dass er die anderen Schüler mit seinem Verhalten provoziere. Sie hätten gar keine andere Wahl, als mit ihm derart umzugehen. Mit dieser Äußerung begann sich die Wut in Lauri richtig anzustauen. All die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfuhren, mussten irgendwie gerächt werden …

Lauri erlebte fortan ein Auf und Ab der Gefühle. Er begann mit Gewaltphantasien, suchte aber recht bald Hilfe beim Schulpsychologen, um davon wieder wegzukommen. Schließlich fiel er zurück in sein Muster und übte Schießen im Wald. Doch immer wieder schaffte er es, sich zu besinnen, bevor es zu einer Katastrophe kam. Lauri eignete sich Strategien an, um seine Phantasien zu beherrschen und nicht durchzudrehen.

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Der finnische Regisseur Arto Halonen

Je älter Lauri wurde, desto mehr fühlte er sich wie ein Außerirdischer in dieser ihn ausgrenzenden Welt. Er begann aber auch immer mehr sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Dabei halfen ihm Gespräche bei Psychologen und vor allem seine Entscheidung, einen akademischen Weg einzuschlagen. Lauri analysiert bis heute Amokläufe der vergangenen Jahre und findet dabei immer wieder Gemeinsamkeiten zu den Tätern. Nach jedem Amoklauf folgt die Berichterstattung in den Medien, mit den immer gleichen Abläufen: Diskussionsrunden mit Psychologen, Politikern und Medienvertretern. Es werden härtere Waffengesetze gefordert und dem Internet die Schuld gegeben. Lauri hat aufgrund seiner Lebensgeschichte einen ganz anderen Appell an die Gesellschaft. Er fordert Eltern und Lehrer auf, Mobbing und Gewalt an Schulen ernstzunehmen. Und zwar frühzeitig!

Gedreht wurde der Dokumentarfilm „White Rage“ aus der Sicht des Opfers, dabei aber stellvertretend für alle anderen Opfer von Gewalt an Schulen. Das Gesicht des Opfers wird nie richtig gezeigt. Dafür ist die Kameraführung so, dass der Zuschauer aus der Sicht des Opfers die abwertenden Blicke der anderen wahrnimmt.

Ich finde diesen Dokumentarfilm von Arto Halonen sehr sehenswert, denn er spricht ein klares Plädoyer für mehr Empathie in der Gesellschaft. Er ruft auf, nicht wegzuschauen, wenn Schwächere unterdrückt werden, sondern zu helfen. Gut aufgehoben in dem Film fühlen sich sicher Eltern, Lehrer, Leute mit Interesse für Psychologie und natürlich Opfer von Mobbing.

Text: Melanie Schmidt
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „White Rage“:
Do., 15.09., 21.30, theater hof/19
Fr., 16.09., 19.00, EWE Forum Alte Fleiwa

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