„Ed Pressman ist für unser Festival noch wertvoller als Nicolas Cage!“

– Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann (Teil 1) –

Kein Rumgeplänkel, keine leeren Floskeln – das OffBlogger-Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann geht gleich in die Vollen. Mareike Lange und Phyllis Frieling sprechen mit ihm über die Wattebauschigkeit Oldenburgs, Dystopien in Independent Filmen und wieso dieses Jahr ein Produzent als Ehrengast zum Oldenburger Filmfest kommt.

Frage: Torsten, im Intro des Programmhefts fragst du: „How does it feel to inhabit the ruins of the future?“ Ist denn das dein Bild von Oldenburg – es wiegt sich wie ein Fähnchen im lauen Wind, obwohl der Untergang naht?

Torsten Neumann: Ich glaube, Oldenburg ist tatsächlich ein ganz guter Ort für diese Resilienzdiskussion, also sich vorzubereiten, gefügig in den Lauf der Dinge zu begeben und die nächste Katastrophe mit Gelassenheit zu akzeptieren – wie der Grashalm im Wind. Wir leben hier in so einer in Watte gepackten, eingemauerten Zufriedenheit, dass uns eigentlich nichts richtig berührt. Würde der Rest der Welt auch bald so aussehen, dann wäre Oldenburg ein Blick in die Zukunft.

Unreflektiert durch das Leben segeln zu können, ohne Ängste, ohne die Dystopie des Untergangs – das könnte ja auch durchaus für ein glückliches Dasein sorgen … Aber du willst diese Wattebauschigkeit sicherlich aufbrechen.

Neumann: Sagen wir mal so:

Wir wollen zumindest ein bisschen ironisch auf diese Selbstzufriedenheit zeigen – das ist ja eigentlich immer unser Auftrag.

Ich kann ja Oldenburg trotzdem total geil finden. Ich finde einfach die Frage so interessant, warum es so viele Arzt- und Krimiserien im deutschen Fernsehen gibt. Antwort: Weil es dem Zuschauer unterbewusst eine Person an die Seite stellt, die die Ordnung wiederherstellt und Sicherheit gewährt, die auf ihn aufpasst. Da wird ein Weltbild geschaffen. Kunst sollte uns einen anderen Blick darauf werfen lassen.

Wie machst du das mit deiner Kunst Film? Wie weckst du den Oldenburger auf?

Neumann: Na, guck dir das Programm an! (lacht) Wir machen nicht das einfache Kino. Es gibt ein paar Filme, die jedes Jahr ein bisschen verunsichern oder sogar verstören. Man kann immer besser diese Reaktion hervorrufen als so ein benebeltes Wohlgefühl, bei dem der Zuschauer nach fünf Minuten nicht mehr weiß, was er gesehen hat. Dieses Jahr zeigen wir so einen Film zur Eröffnung: „Familiye“. Den sehen sich bestimmt auch Leute an, die nicht unbedingt die erfahrenen und begeisterten Indie-Kinogänger sind.

Ist der Film so ausgewählt, dass er in das Thema der Apokalypse reinpasst?

Neumann: Ehrlich gesagt fügt sich das eher rückblickend so glücklich. Die letzten Jahre haben wir tatsächlich immer solche Filme als Eröffnungsfilme gehabt, die den Zuschauer gefordert haben. Wir müssen auch Glück und Mut haben.

Wenn dann auch noch ein Moritz Bleibtreu mitkommen will, dann können wir uns noch mehr trauen, weil die Leute dann mit einem ganz anderen Gestus an den Film herangehen.

Hat denn nicht der Independent Film per se den Anspruch, die Gesellschaft zu hinterfragen und Missstände aufzudecken? Was ist an den Filmen, die du fürs Festival ausgewählt hast, anders?

Neumann: Weiß ich nicht. Irgendwo stand mal geschrieben: „Das Filmfest Oldenburg ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.“ Sehr, sehr schön. Aber theoretisch wollen wir uns da ja nicht drüber stellen. Das Kuratieren von Filmen, die Auswahl zu gewollt in einen thematischen Kontext setzen – das finde ich blöd. Wir lassen uns von ein paar Filmen begeistern und dann gibt’s noch die ein oder andere Dynamik, die dafür sorgt, dass wir uns um einen Film bemühen. Auf „The Endless“ sind wir über den Regisseur von „Are We Not Cats“ gestoßen, der im letzten Jahr bei uns lief. Noch eine unserer Qualitäten: Weil wir uns zwischen den normalen Filmfestivals und den Genre-Festivals positionieren, zeigen wir zum Teil Filme, die es anderswo schwer haben, weil sie nicht klassisch Arthouse oder Kunst sind. Ich bin davon überzeugt, dass diese Zwischenvarianten am meisten dafür stehen, was Kino eigentlich ist. Die was zu sagen haben, uns fordern und ihr Publikum für intelligent halten.

(Der Name „Johnny Depp“ taucht auf dem Display seines Handys auf – Torsten unterbricht das Interview, um den Anruf entgegen zu nehmen …)

Du meintest eben, dass du bemüht bist, nicht zu sehr zu kuratieren. In der Pressekonferenz hast du aber erwähnt, dass es einen roten Faden gibt …

Neumann: Weißt du, was das Geheimnis ist? Wir entdecken den roten Faden, wenn die Filme da sind. (lacht) Wenn du eine bestimmte Menge an Filmen und eine bestimmte Art von Kino zeigst, dann finden sich darin Themen wieder, die Filmemacher vielleicht auch unterbewusst behandeln. Einen Film danach auszuwählen, ob er in den roten Faden passt, anstatt danach, ob er gut ist – das würde uns nie passieren. Ich glaube, dass unsere Programmauswahl eine bestimmte Art von Kino zeigt und eine bestimmte Art von Menschen anspricht. Wenn die zusammenkommen, haben sie sich etwas zu sagen. Wenn Festivals den bunten Blumenstrauß an Programm zeigen, dann findet so etwas nicht statt.

Themenwechsel: Warum eigentlich als Ehrengast Ed Pressman, ein Produzent?

Neumann: Das ist einer, der sehr erfolgreich ist und das Kino der letzten Jahrzehnte beeinflusst hat. Und gleichzeitig ein Außenseiter-Produzent war und ist.

Der nicht auf Kommerz, sondern auf Gefühl setzt.

Auf die Frage, ob die Geschichte, die jemand erzählen will, es wert ist, umgesetzt zu werden. So schwer habe ich es noch nie gehabt, ein Lebenswerk auf acht Filme herunter zu brechen, die wir zeigen. Meistens haben wir Filmemacher, die darum kämpfen müssen, überhaupt ihre Filme zu produzieren. Und bei Pressman sind es über 80 Werke. Er hat gesagt, er will in Oldenburg junge Talente treffen. In dem Zusammenhang ist Ed Pressman für uns als Festival noch wertvoller als Nicolas Cage. Wenn ich ein ambitionierter, junger Filmemacher wäre, könnte ich mir nichts Besseres vorstellen, als mich mit ihm anzufreunden.

Das Festival wächst und damit seine Reputation, es kommen immer öfter bekanntere Stars. Gleichzeitig soll das Oldenburger Filmfest ein Festival ohne Berührungsängste sein, Independent Filme für jeden bieten – wie passt das zusammen? Wie meistert man diese Gratwanderung

Neumann: Naja, das müssen wir jetzt über die fünf Tage wieder ausprobieren. Ich glaube, das geht.

Interessanterweise hat es ja immer funktioniert, dass alle von einer besonderen Stimmung erfasst werden – egal, wer das war.

Bei Nicolas Cage war das schwierig, weil alle Blicke auf ihn gerichtet waren, alles still wurde, wenn er den Raum betreten hat. Er konnte sich gar nicht wirklich einbringen. Trotzdem war er mehr zu greifen, als er es vielleicht irgendwo anders ist. Alle anderen – auch Ed Pressman – werden genießen, dass hier so niedrige Schwellen herrschen.

 

Das Gespräch führten: Phyllis Frieling und Mareike Lange. Teil 2 folgt hier.
Fotos: Mediavanti

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