Ehrlich sozialunverträglich.

Liebe macht blind – muss aber nicht

„Blind & Hässlich“ – der Titel ist so direkt wie seine Protagonisten. Tom Lass erzählt die Geschichte von Ferdi, einem von Selbsthass und Zweifeln überforderten jungen Mann, und Jona, die nur vortäuscht, blind zu sein. Für Ferdi scheint sie die Rettung – immerhin sieht sie nicht, wie hässlich er ist. Was nach triefendem Kitsch klingt, ist nur Basis für eine feinfühlige Geschichte über Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Sie packt ihren Kram, klaut die Autoschlüssel. Raus aus dem Elternhaus, weg vom Abi, weg von der Mutter im Rückspiegel, ab nach Berlin: Das ist Jona. Durch einen Wald stolpern, dreckig und verwahrlost, Würmer essen, Tiere streicheln, Menschen verängstigen, Essen klauen, erwischt werden, auf die Fresse kriegen: Das ist Ferdi. „Blind & Hässlich“ wirft den Zuschauer direkt in seine Geschichte, verliert keine Zeit.

Zeitsprung: Therapiesitzung. „Ich würde gern mit Menschen sprechen können, ohne mich dabei selbst zu beobachten.“ Ferdis Sozialphobien und die unerschütterliche Überzeugung, dass er von allen abgelehnt wird, zeigt Tom Lass mit beeindruckender Ruhe. Er ist nicht einfach ein Spinner, ein Sonderling: Er kann nicht mit anderen Menschen sprechen. Sobald er es versucht, bekommen sie Angst. Dass er sich unangebracht verhält – etwa eine fremde Frau bittet, seine Freundin zu sein, weil er gerne eine hätte – versteht er gar nicht.  Und so kommt es, dass man Ferdi versteht – obwohl man in der Situation wahrscheinlich genauso schnell weggerannt wäre.

Aber er ist doch nur ehrlich. Ehrlich sozialunverträglich.

Stattdessen bezieht Ferdi die Reaktionen der Menschen auf sein Äußeres: Wer so hässlich ist, kann nicht geliebt werden.

Jona „verkackt“ gerade ihr Abi und findet Unterschlupf bei ihrer blinden Cousine. Mit Blindenstock und -hund bewaffnet täuscht sie vor, nicht sehen zu können. Denn so ist es viel einfacher, eine Wohnung zu bekommen. Dann trifft sie Ferdi.

„Wie blind bist du eigentlich?“ – „Ganz blind?!“ – „Nur hören?“ – „Nur hören und fühlen.“ Ferdi lächelt, das erste Mal. In Jona erkennt er seine Chance. Weil sie blind ist, kann er auf sie zugehen. Sich entspannen. Mit Nähe kommt er trotzdem nicht klar. Er läuft weg – wortwörtlich.

„Wenn ich weglaufe, laufe ich eigentlich zu dir.“ – „Nee. Also faktisch läufst du weg. Du entfernst dich geografisch.“ – „ Ja, aber die Erde ist rund.“

Ferdi, der manchmal nicht ganz mitkommt. Und Jona, mit ihrer wunderbar stumpfen, direkten Art, Dinge anzusprechen: Sie tragen diese Geschichte und bewahren sie vor dem Kitsch, den man erwartet, ja fast schon fürchtet. Sie verbinden Tragik und Komik in einer Weise, die ihn ehrlich macht. Ein bisschen kommt trotzdem durch: Immerhin ist es natürlich Liebe, die Ferdi hilft, statt Freundschaft. Aber darüber kann man hinwegsehen. „Blind und Hässlich“ überzeugt – mit kleinem subtilem Witz, der zwischen der Traurigkeit hängt, und einer stumpfen Ehrlichkeit, die entwaffnend ist. Sie zeigt uns, worum es geht. Mit ein bisschen Kitsch. Aber das ist okay.

Text: Phyllis Frieling
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Blind & Hässlich“:
Do., 14.9., 19 Uhr, cine k/Studio
Fr., 15.9., 16.30 Uhr, theater hof/19

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