„Eigenartig, was die Figur Jack Unterweger auslöst.“

– Im Gespräch mit Elisabeth Scharang, der Regisseurin von „Jack“ –

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Mit hochkarätiger Besetzung und inhaltlicher wie filmischer Eindringlichkeit hat sich Elisabeth Scharang in ihrem Film „Jack“ (AT, 2015) mit dem Literaten und Mörder Jack Unterweger auseinandergesetzt und dabei ausdrücklich nicht die Schuldfrage beantwortet. Worum es ihr stattdessen ging? Warum es besser wäre, wenn Zuschauer gar nicht wüssten, dass es Jack Unterweger wirklich gegeben hat? Und was ein Wald und die Figur gemeinsam haben? Darüber spricht die Regisseurin im Interview.

Frage: Sie haben sich mit der Figur des Jack Unterweger kein leichtes Thema ausgesucht. Was hat Sie bewogen, es zu einem Film zu verarbeiten?

Elisabeth Scharang: Gemeinsam mit dem Produzenten Dieter Pochlatko hatte ich 2007 den Film „Franz Fuchs – ein Patriot“ gedreht und eigentlich erstmal genug von Kriminalgeschichten. Aber in Bezug auf den Fall Jack Unterweger ist mir einiges in Erinnerung geblieben – ich hatte viele offene Fragen. Unter anderem habe ich mich gefragt, ob eigentlich irgendjemand diesen Menschen wirklich gekannt hat. Zwischen 1990 und 1992, als er in Freiheit lebte, hat er verschiedene Gesichter gezeigt. Zwar kennen wir dieses Verhalten von vielen Menschen. Aber Jack war besonders schwer zu fassen, weil er jedem einen anderen Teil von sich nach außen gekehrt hat. Das bietet eine große Projektionsfläche. Jeder in Wien hatte und hat eine Meinung zu ihm. Ganz eigenartig, was diese Figur auslöst.

Bei ihren Recherchen haben Sie auch mit Frauen gesprochen, die mit Jack Unterweger zu tun hatten. Was haben Ihnen die Gespräche über seine Anziehungskraft verraten?

Scharang: Die Beweggründe sind sehr unterschiedlich – die eine Frau will helfen, die andere sucht ein sexuelles Abenteuer. Frauen waren auf jeden Fall das Lebensthema von Jack. Da war zum Beispiel seine Mutter, die er ein Leben lang vermisst und gesucht hat. Daraus ist ein falsches Bild von Liebe entstanden.

Was er als Liebe versteht, ist eher Abhängigkeit und Macht.

Für mich bedeutet Liebe eher Freiheit, nicht Kontrolle. Auf jeden Fall hat jede Frau, die ihn unterstützt hat, auch eigene Interessen verfolgt. Da war es schlüssig, eine starke Frauenriege um ihn herum zu bilden.

Ist das auch eine Erkenntnis des Films – die Frauen, die zum Teil zu seinen Opfern werden, spielen eine Rolle in der Entwicklung von Jack und tragen, wie unterbewusst auch immer, eine Art Teilverantwortung?

Scharang: Dieses Verhältnis ist sehr vielschichtig. Die Opfer sind manchmal auch Täter. Schreibt man einem Mann im Gefängnis Briefe, dann kann dieser Mann nicht aus (österreichischer Ausdruck für „nicht ausweichen, sich nicht entziehen können“; Anm. d. Red.). Diese Beziehung muss man nicht einlösen. Da ist die Frage, wer hier die Fäden zieht. Ich wollte die Frauen nicht als willenlose Opfer eines Mannes darstellen.

„Wut hat ein großes Potenzial“ sagt sein psychologischer Betreuer. Ist das in Ihren Augen der springende Punkt in der Psyche Unterwegers?

Scharang: Es ist wahrscheinlich ein Aspekt. Ich maße mir aber nicht an, die reale Figur komplett zu erfassen, sondern kann nur hoffen, dass ich die Filmfigur glaubhaft erzählt habe.

Ein Wendepunkt ist in jedem Fall der erste Mord in der Biographie von Jack Unterweger, weil er damit einmal die Grenze überschritten hat.

Dieser Momemt wird in seinem Leben immer wieder eine Rolle spielen.

Warum setzen Sie bewusst hochästhetische Waldaufnahmen gegen grausame und irritierende Szenen?

Scharang: Ich finde, dass der Wald eine ähnliche Projektionsfläche bietet wie die Person Jack Unterweger. Ist es Nacht und dunkel, fürchten wir uns, ist es Tag und sonnig, finden wir es schön. Außerdem fällt der Wald kein Urteil – ihm ist es egal, ob da eine Leiche liegt oder nicht.

Wie wichtig ist das Surrounding – das Wien der 1990er Jahre, mit seiner Bussi-Bussi-Gesellschaft und ihrem Hang zu Glamour und „Skandälchen“?

Scharang: Es geht darum, dass man sich jemanden holt, der ein Hofnarr ist, der einen Unterhaltungswert hat.

Wird er langweilig, wirft man ihn weg.

Beschäftigt hat uns die Frage, wie nah wir uns beim Erzählen an die Zeit halten wollen. Wir haben uns entschieden, das Ende der 1980er Jahre nicht nachzubauen und uns von einer sklavischen Nachbildung zu lösen. Aber es war auch klar: Der Film spielt nicht in der Gegenwart. Zum Beispiel ist das Frauen-Männer-Verhältnis ein anderes. Die Art und Weise, wie Jack mit Frauen umgeht und andersherum – das ist überholt, so gibt es das heute nicht mehr. Es gab viel mehr gängige Rollenklischees und Sexismen. Was man damals vielleicht noch charmant gefunden hat, würde heute nicht mehr funktionieren und wäre nicht glaubwürdig.

Wer Schönes kreiert, kann nicht grausam sein – lassen sich davon Menschen gerne blenden?

Scharang: Das mag sein. Jack Unterwegers literarische Qualität war nicht so überragend. Sie war sehr authentisch und konnte in der Rauheit der Sprache beschreiben, worum es geht. Trotz alledem hat das sicherlich einen Reiz ausgemacht. Er hat sich immer um eine schöne Sprache bemüht. Das hat bestimmt beeindruckt.

Gibt es bei Ihnen einen Wunsch, mit welcher Stimmung, mit welchen Gefühlen und Erkenntnissen der Zuschauer aus dem Film geht?

Scharang: Wichtig ist, dass der Film in einen direkten Dialog mit dem Zuschauer tritt. Er muss eine Haltung finden. Mögen oder nicht – in jedem Fall gibt es eine Auseinandersetzung. Offen ist nur, worin sie mündet. Es geht um die Frage, wie schnell wir urteilen, woran wir uns dabei orientieren und ob wir einen zweiten Blick wagen.

Wie ist die Resonanz bisher?

Scharang: Die reicht von Begeisterung bis Empörung. Das halte ich gut aus, diese Polarisierung. Für mich ist spannend: Wer steht auf welcher Seite?

Nach Premieren plaudert man meist. Nach „Jack“ ist aber erstmal zehn Minuten Ruhe und danach merke ich ein großes Gesprächsbedürfnis.

Nach der Vorstellung kommen in der Regel viele Zuschauer auf mich zu – und jeder erzählt mir einen anderen Film. Wie gesagt, die Projektionsfläche bietet das an.

Gibt es eine Frage, die Ihnen als Regisseurin besonders häufig zu „Jack“ gestellt wird?

Scharang: Ich werde von Journalisten ständig gefragt, wie ich es mit der Schuldfrage halte. Als die Frage neulich bei einer Premiere gestellt wurde, gab es Zwischenrufe aus dem Publikum: „Aber darum geht’s doch hier nicht!“ Das Publikum ist oft weiter als die Kritiker. Was den Film angeht, bin ich der Meinung, dass es eigentlich besser wäre, wenn man nicht weiß, dass es Jack Unterweger wirklich gab.

Was steht bei Ihnen in Zusammenhang als nächstes an?

Scharang: Ich werde „Jack“ in Nordamerika vorstellen. Mal sehen, was die Amerikaner und Kanadier zum Film sagen. Es tut mir sehr leid, nicht in Oldenburg sein zu können. Es ist die erste Vorstellung in Deutschland und ich hätte mich danach gerne mit dem deutschen Publikum ausgetauscht. Diese Gespräche machen es aus, der Dialog mit dem Publikum.

Und danach?

Scharang: Werde ich mir eine neue Geschichte suchen, die ich filmisch erzählen möchte.

Aber nicht wieder über zwielichtige Gestalten?

Scharang: Zwielichtig sind wir alle (lacht). Aber auf jeden Fall keine Kriminalgeschichte.

Frau Scharang, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Mareike Lange.


Screenings von „Jack“:
Mi., 16.9., 19 Uhr, Eröffnung des Filmfestes in der EWE Arena
Sa., 19.9., 16.30 Uhr, JVA

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