Ein Film – zwei Wahrnehmungen

– Timecode-Kritik zu „Next Time I’ll Aim for the Heart“ –

Ein Film mag objektiv betrachtet stets die gleichen Bilder zeigen, aufgenommen wird er dennoch von jedem unterschiedlich. Mit dieser Tatsache spielen die OffBlogger Thorsten Bruns (blau) und Mareike Lange (grün). Beide haben den Film „Next Time I’ll Aim for the Heart“ (FR, 2014) von Cédric Anger unabhängig voneinander angesehen, der die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des Cops und Serienmörders Alain Lamare erzählt. Dazu haben sie – mit dem jeweiligen Timecode – ihre spontanen Gedanken notiert. Das Ergebnis: mindestens überraschend!


00:01:26 

Schwermütiger Beginn. Düster, langsam, kalt.

00:02:49
Diese kindlich unbedarfte Euphorie der Mädchen
auf ihren Mofas würde ich auch gerne mal wieder spüren.

00:03:15
Schöne Kameraarbeit. Insgesamt sehr elegant bisher.
Auch das Frankreich der späten Siebziger wirkt authentisch.

00:05:01
Niemals spüren möchte ich die aufkommende Panik von Alice:
sie auf dem Mofa, er im Auto.

00:05:50
Der erste Aufreger. Vorhersehbar, weil alles darauf hinauslief – letztlich
aber trotzdem ein überraschender/erschreckender Moment.  Gut gemacht.

00:07:51
Bitte nicht der Klassiker: unauffälliger Polizeibeamter
mutiert des Nachts zum pervertierten Greueltäter …

00:08:31
Sehr unprätentiöses, entspanntes Erzählen. Mehr Beobachtung als Kommentar.

00:09:04
Doch, der Klassiker.

00:09:35
Schöner Satz, der nebenbei in einem Dialog fällt:
„If you don’t question maps, you’ll never challenge anything“

00:13:49
„Next time I’ll aim for the heart, not the legs“ –
alsob die Beine nicht schlimm genug wären …

00:14:30
Ich fühle ich an Ulrich Seidls „Glaube“ erinnert.

00:14:30
Die Tagebucheinträge – von denen ich nicht weiß, ob sie authentisch sind – sind bestechend logisch. Aber sehr krank.

00:17:05
„sich nützlich machen“ – auf die fieseste, niederträchtigste Art

00:19:31
Schauspielerisch ist das gut umgesetzt – dieser verklemmte, seltsame Charakter, mal ruhig, mal dreist, mal manisch.

00:22:45
Szene im Elternhaus. Es gibt Vermählungsdruck. Ein Hinweis? Könnte sein. Eine Erklärung? Nein.

00:23:04
Diese kleinen, aber umso erniedrigenderen Sticheleien der Familie.

00:25:57
Eine Szene im Wald. Sehr schön gefilmt.  Man riecht fast das Herbstlaub.

00:26:19
Erstaunlich: Yoga und Verwesung – in ein und derselben Szene.

00:26:45
Würmer.

00:30:24
Ein weiteres Beispiel für die gelungene Inszenierung: Eine elegante Zeitlupenfahrt – die letztlich aber eine Art Beuteschau ist. Dabei scheint er eine Art Ruhe zu erleben.

00:30:36
Er hätte sie alle gerne, bekommt sie aber nicht.

00:34:01
Und er ist nicht der einzige, der sich nach Zweisamkeit sehnt,
sie aber nicht erzwingen kann.

00:37:06
Die schauspielerische Leistung von Guillaume Canet gefällt mir gerade in den unauffälligen Szenen sehr gut. Kein Wunder, dass er in Frankreich für die César- und Lumiere-Awards als Best Actor nominiert war.

00:40:03
Eine Chance? Wohl nicht …

00:40:03
Oha, eine Romanze. Oder Francks Version davon.
Ein Versuch der Flucht aus seinem Sein und seinem Tun?

00:45:57
Eine starke und ganz schreckliche Szene. Man fühlt sich beinahe mitschuldig, weil man so sehr dabei ist und doch nichts tut.

00:46:05
Würmer, Würmer.

 

00:49:55
Er spielt seine Rolle(n) gut.

00:51:31
Aber die Romanze lebt!

00:52:15
„I am in control of my action.“

00:53:20
Die Gedanken aus Francks Tagebucheinträgen sind bemerkenswert klar und strukturiert. Er weiß, was er tut. Er glaubt auch zu wissen warum. Ich bezweifle aber, dass er richtig liegt.

00:54:47
Man will es nicht glauben, aber offenbar muss er wirklich tun, was er tut.

00:56:37
Eigentlich eine Actionszene – aber ohne Hektik, ohne schnelle Schnitte, mit sanfter klassischer Musik untermalt. So wirkt alles harmloser als es ist. Aber vielleicht so, wie Franck es wahrnimmt.

01:04:57
Die Schlinge zieht sich zunehmend zusammen,  Hinweise verdichten sich, ergeben langsam ein Bild.

01:05:06
Wie absurd, sein eigenes Phantombild vorgehalten zu bekommen – und ja auch eigentlich entdeckt werden zu wollen.

01:08:20
Die Romanze verkompliziert sich ein wenig. Wobei Francks Mimik den Ausdruck „Romanze“ eigentlich verbietet. Es ist eher eine „Handlung“, motiviert durch gesellschaftliche Konventionen und Erwartungen.

01:20:06
Er mordet, ohne Unordnung ertragen zu können. Und ich kann nicht ertragen, dass sie genau den will, der sie nicht will und nicht ertragen kann.

01:20:13
Franck pflegt ein ungewöhnliches Post-Koitus-Morgenritual. Kurios genug, dass es diesen Koitus gab – und dass er kein Opfer gefordert hat. Doch schnell wird klar: Das war Francks Sache nicht. Ende der Romanze.

01:25:15
Möglicherweise aufschlussreich: Franck kehrt allein und privat zurück in eine Gay-Cruising-Area, in der die Gendamerie zuvor den Täter suchte. Als er angesprochen wird, flieht er. Danach: Heulkrampf.

01:27:32
Würmer, Würmer, Würmer.

01:33:14
Rehe, Rehe, Rehe.

01:33:16
Wir erleben Franck mit echten Emotionen: Als er seinen Kollegen im nächtlichen Wald ein Rudel Dammwild auf dem Weg zur Futterstelle zeigt. Die Natur bewertet ihn nicht. Eine ideale Zuflucht.

01:45:01
Und schließlich: „Yes, it’s me.“

01:48:00
Grautöne, Nachdenklichkeit.

01:48:56
Intensiver Film, düstere Atmosphäre, elegant inszeniert, gute Darsteller.  

Text: Thorsten Bruns und Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screenings von „Next Time I’ll Aim For The Heart“:
Sa., 19.9., 21.30 Uhr, Casablanca
So., 20.9., 19.00 Uhr, Casablanca

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