Ein hartnäckiger Spurensucher

– Harald Grosskopf über Regisseur Philippe Mora 

Philippe Mora und Deutschland – das ist eine ganz besondere Beziehung. Der Musiker und Komponist Harald Grosskopf erzählt von seinem ersten Treffen mit dem Australier, mit dem er 2010 die sehr persönliche Dokumentation „German Sons“ realisierte.

Komponist Harald Grosskopf (siehe Bild)
traf Regisseur Philippe Mora erstmals 2009.

Bei einem Essen, zu dem mich ein alter Musikerkollege geladen hatte, saß ich neben Philippe Mora und seiner Frau. Es fand zufällig am 9. November 2009, dem 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, in Berlin statt. Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr, dass er Regisseur ist und seit einigen Jahrzehnten in Hollywood lebt und arbeitet. Natürlich hatte ich seine Filme „Mad Dog Morgan“ und die köstliche Superman-Persiflage „Captain Invincible“ gesehen.

Er erzählte mir von seinen deutsch-jüdischen Wurzeln. Sein Vater war 1933 im Alter von 19 Jahren als Mitglied der kommunistischen Partei aus Deutschland nach Frankreich geflohen. Dort hatte er sich der Resistance angeschlossen. Ich erzählte von meinem Vater, NSDAP-Parteimitglied und als Wehrmachtssoldat am Überfall auf Polen beteiligt. Philippe wollte am nächsten Tag für ein paar Stunden nach Leipzig reisen, um dort nach seinen Vorfahren zu forschen, von deren Schicksal er nichts wusste. Opfer wie Täter hüllten sich bekanntermaßen in Schweigen.

Ich fand das schwierig. Nur einige Stunden und ohne deutsche Sprachkenntnisse dürften nicht reichen, dachte ich und begann in Archiven zu forschen. Es gelang mir im Laufe der Monate, Licht ins Dunkel zu bringen. Ich entdeckte eine Reihe seiner jüdischen Vorfahren, die in Schlesien zu Hause waren, von den Nazis beraubt und vermutlich im litauischen Kaunas ermordet wurden. In Wroclaw, dem ehemaligen Breslau, überreichte ihm das dortige Staatsarchiv über 200 Dokumente zu seiner Familie. Kürzlich erfuhren wir, dass seine Großtante 1915 eine Dissertation über den Einfluss des jüdischen Philosophen Rées auf Friedrich Nietzsches Moralideen verfasst hatte. Das war zu dieser Zeit für eine Frau sehr ungewöhnlich. Das Werk ist an allen großen amerikanischen Universitäten zu finden.

Regisseur Philippe Mora (l.) und Komponist Harald Grosskopf
realisierten gemeinsam den Dokumentarfilm „German Sons“.

Während meiner Recherchen freundeten wir uns an und entschlossen uns einen Dokumentarfilm über unsere Väter zu drehen, „German Sons“. Die Geschichte seiner Eltern ist faszinierend und hätte verfilmt die Qualität von „Schindlers Liste“. Philippe und ich sind seit jeher über unsere Väter mit den Themen des Dritten Reichs verbunden. Ich kenne niemanden, der so subtile Kenntnisse über unsere unrühmliche Vergangenheit besitzt wie er. Mit 20 besuchte er etwa – nach dessen Entlassung aus dem Spandauer Gefängnis – Albert Speer in Heidelberg. Mein Interesse am Thema entsprang der Rebellion gegen und der Auseinandersetzung mit meinem Vater und der Nazizeit, die nahezu bis zu seinem Tode 2006 andauerte. „German Sons“ hat viel mit heilender Wirkung öffentlicher Auseinandersetzung und Versöhnung zu tun. Es ist ein sehr persönlicher Film, zu dem ich die Musik beigesteuert habe.

Philippe und ich stehen in engem Kontakt miteinander, wir mailen und skypen regelmäßig. Anfang August haben wir uns in Berlin getroffen. Ein kanadisches Filmteam dreht unter der Regie von Alan Goldmann einen Film über Philippe. Ich wurde ausführlich über unsere Freundschaft befragt und unsere Gespräche an geschichtsträchtigen Orten der Hauptstadt wurden gefilmt. Ich freue mich darauf, ihn nun auch in Oldenburg zu sehen.

Text & Fotos: Harald Grosskopf

_______________

Über Harald Grosskopf

Harald Grosskopf, geboren 1949 in Hildesheim, wurde bekannt als Schlagzeuger. Er spielte u.a. bei den damals noch unbekannten „Scorpions“, bei Bands wie „Wallenstein“, „Lilli Berlin“ und „17 Hippies“. Zudem wirkte Grosskopf auf mehr als 100 Alben anderer Musiker (u.a. Klaus Schulze, Joachim Witt) mit und veröffentlichte sechs Soloalben.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.