Ein Thriller ohne Herzklopfen

– Filmkritik zu „The Library Suicides“ von Euros Lyn –

Nach einigen sehr erfolgreichen Regie-Jobs im Serien-Metier – beispielsweise bei „Doctor Who“ oder „Daredevil“ –  wendet sich Regisseur Euros Lyn nun dem großen Spielfilm zu: „The Library Suicides“ ist ein verwirrender Psychothriller in walisischer Sprache, der auf einem Besteller des Autors Fflur Dafydd basiert. Ein stylischer und ambitionierter Film, der hier und da ein bisschen schwächelt.

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Ana und Nan (Catrin Stewart) wollen den Tod ihrer Mutter rächen

In einer Doppelrolle spielt Catrin Stuart die eineiigen Zwillinge Ana und Nan. Als ihre Mutter, eine erfolgreiche Autorin, aus einem Fenster stürzt, wissen die beiden sofort: Das war kein Selbstmord! Zwischen den labyrinthhaften Regalen der National Library of Wales versuchen die beiden sich an dem vermeintlichen Täter zu rächen.

»Es war Eben«. Das sind die letzten Worte der unter Demenz leidenden Autorin Elena Wdig (Sharon Morgan), die ihr letztes Kapitel auf einen Bordstein einer Küstenstadt Wales schrieb. Eben ist ein Journalist, der eine Biografie über die Autorin anfertigen wollte. Ein paar Monate nach ihrem Tod betritt er die National Library und steigt in die Archive herab, in denen ihre persönlichen Tagebücher aufbewahrt werden. Er ist fest entschlossen, mehr über das Leben der Autorin zu erfahren. Aber welch dunklen Geheimnisse verbergen sich in den persönlichen Niederschriften Elena Wdigs? Die Antwort steht auf einer Seite eines Tagebuchs aus dem Jahr 1989. Und Ana und Nan würden für diese Seite töten.

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Dan (Dyfan Dwyfor) rettet Eben (Ryland Teifi), ist aber in Ana verliebt.

Leider ist der Film nicht so packend, wie der Plot es verspricht. Nach dem quälend rätselhaften und extrem gut gestalteten Anfang bleibt Euros Lyn dem Zuschauer im Verlauf einiges an Spannung schuldig. Es gibt verschiedene Momente, mit denen er diese offensichtlich provozieren wollte, allerdings verfehlen sie ihr Ziel. Szenen, die das Herz zum Rasen bringen, fehlen schlichtweg.

Es ist möglich „The Library Suicides“ gemütlich und entspannt anzuschauen – aber das ist eben nicht das, was man von einem Psychothriller erwartet.

Regisseur Euros Lyn wirkte bisher vor allem bei TV-Produktionen mit.

Regisseur Euros Lyn wirkte bisher vor allem bei TV-Produktionen mit.

Vielleicht liegt das daran, dass Lyn mehr Zeit und Sorgfalt in die Gestaltung der feinen Charakterzüge von Ana und Nan gesteckt hat, als in ihren Kontrahenten Eben, der tatsächlich etwas zu flach geraten wirkt. Und auch der klaustrophobische Security Guard Dan, der Gefühle für Ana hegt und unwissentlich Mittäter der heimtückischen Machenschaften wird, soll eigentlich dafür sorgen, ein wenig tollspatschigen Humor einfließen zu lassen. Leider ist dieser oftmals fehl am Platz! Lichtblick ist tatsächlich die überzeugende Darstellung von Ana und Nan durch Catrin Stewart. Es bestehen nur ganz feine Unterschiede zwischen den Zwillingen, die die Schauspielerin perfekt inszeniert. Als ihr wasserdichter Plan beginnt, rissig zu werden, schafft sie es die breiter werdende Kluft zwischen den Schwestern sehr  überzeugend darzustellen: Die eine angetrieben von Liebe und Bewunderung, die andere von Bitterkeit, Eifersucht und Wut.

„The Library Suicides“ ist eher ein Thriller für zart besaitete Filmliebhaber, die auf eine leicht skandisnavisch-angehauchte Ästhetik stehen. Die Geschichte ist rund, das Ende überraschend. Wer über ein paar kleine Schwächen hinweg sehen kann, wird unterhaltsame 87 Minuten erleben.

Text: Ramona Walter
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „The Library Suicides“:
Fr., 16.09., 21.30, theater hof/19
Sa., 17.09., 14.30, Cine k/Studio

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