„Eine ganz andere Stimmung“

– Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann (Teil 1) –

„Cannes-approved“ als Qualitätsmerkmal reicht Torsten Neumann, Gründer und Leiter des Filmfestes Oldenburg, nicht, damit ein Film in Oldenburg laufen darf. Im ersten Teil des Offblogger-Interviews versprüht er Festival-Stimmung und erzählt, warum er auch nach 23 Jahren noch immer nicht genug vom Filmfest Oldenburg hat. 

img_8602

Frage: Ich war noch nie beim Filmfest Oldenburg – was darf ich mir nicht entgehen lassen?

Torsten Neumann: Gleich ‘ne ziemlich große Frage zum Anfang. Du musst bereit sein, dich mitnehmen zu lassen und dich so reinbegeben. Du musst diese Stimmung fühlen und dich durchtreiben lassen. Dann wird’s richtig sein. Das passiert aber auch automatisch. Du kannst dir vorher deinen Plan machen, aber dann passiert irgendwas: Du triffst Leute, du bewegst dich anders, denkst anders und siehst was anderes. Und dann – das ist nämlich das Gute – gibt es unheimlich viele Inspirationen und Eindrücke. Und die musst du mitnehmen. Dafür ist das Festival gut, weil wir so klein sind und die Gäste, das Publikum und die Medien relativ nah zusammen bringen, sodass das wenig Formelles hat. Unser früherer Kulturdezernent hat mir mal gesagt, man merkt es in den fünf Tagen, dass auf der Stadt eine andere Stimmung liegt. Dass sich irgendwie alles anders bewegt hier. Und das hoffe ich, dass du das genau so erlebst, und dann kannst du gar nichts falsch machen.

Dieses „sich mitnehmen lassen“ klappt auch, wenn man niemanden kennt, also als „normaler“ Besucher?

Neumann: Ich glaube, das funktioniert. Es gibt viele Treffpunkte, wo man einfach Leuten über den Weg läuft. Und selbst wenn du niemanden ansprichst, werden dich andere ansprechen.

Mal zurück zum Filmfest: Wonach wählt ihr die Filme überhaupt aus?

Neumann:

Wir haben als relativ kleines Festival den Luxus, dass wir uns ein sehr gut definiertes Profil zurechtlegen können.

Und dass wir wirklich ein Programm machen, was – egal wie vielseitig es ist – trotzdem etwas Zusammenpassendes mitschwingen lässt.

Was für uns ein echtes Kriterium ist: Wir wollen immer lieber Filme zeigen, die Neues riskieren, die vielleicht auch Grenzen überschreiten, die Komfortzone verlassen, und vielleicht deswegen auch nicht in jeder Beziehung perfekt sind, als Filme, die einfach nur gut sind, solide, aber uns eigentlich nichts geben, was wir nicht jeden Tag im Fernsehen oder im Kino um die Ecke sehen können. Das ist unser Kriterium, und das ist glaube ich auch etwas, was uns in der Festivalwelt einen ganz guten Status gegeben hat.

Im Vergleich zu anderen Festivals?

Neumann: Ja. Weil wir nicht das gleiche machen wie alle anderen. Es gibt eben die drei großen A-Festivals: Berlin, Cannes, Venedig. Und alles, was da läuft, wird danach von 50 Festivals einmal um die Welt eingeladen, da stürzen sich alle drauf. Das hat so einen Stempel – zack – „Cannes approved“, schon ist das etwas, womit sich andere Festivals schmücken. Wir haben auch ein paar Filme, die in Cannes gelaufen sind. Aber wir sind nicht so irrsinnig drauf fokussiert. Und wenn’s niemanden mehr geben würde, der das so macht wie wir, gäbe es einen ganz kleinen Zirkel an Kunstfilmen, die ein eigenes Universum bespielen.

Das wäre wie ein Paralleluniversum zum Mainstream, das alles verstopft und nichts Neues zulässt.

Und da geben wir uns relativ viel Mühe, offen zu bleiben, Sachen zu entdecken.

Auf der einen Seite zeigt ihr Filme, die anderswo keine Chance bekommen haben, auf der anderen habt ihr Stars wie Nicolas Cage eingeladen – wieso diese Mischung?

torsten-neumann_interview

Neumann: Ich glaube, dass wir inzwischen schon genug Wahrnehmung und Aufmerksamkeit erzeugen, dass Filme durch uns vielleicht noch irgendwo anders landen oder entdeckt werden – und das ist super, das ist spannend. Im besten Fall sind wir ein Festival, das wirklich eine Plattform für Filmemacher ist. Gleichzeitig brauchen wir aber natürlich auch andere, die uns unterstützen, damit wir den Ersteren noch einen höheren Schub geben können. Deswegen ist zum Beispiel so ein Besuch wie der von Nicolas Cage genial. Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass der nicht alle Aufmerksamkeit auf sich fokussiert. Wer weiß, vielleicht entdeckt Cage einen unbekannten Film und sagt „Mensch, interessanter junger Regisseur, guck‘ ich mir mal an.“ Und – baff – passiert etwas. Der nächste Oscar ist dann in Regie von dem Jungen entstanden für Cage. Das wär geil. (lacht)

Klappt sowas denn?

Neumann: Letztes Jahr haben wir ja eine riesige Erfolgsgeschichte erlebt, mit „Embers“, einem kleinen amerikanischen Indie-Film. Der hatte bei uns seine Weltpremiere und dann einen Schub bekommen. Plötzlich hieß es: „Embers ist der beste Science-Fiction Film des Jahres“, besser als „Der Marsianer“. Und dann haben sich alle für den interessiert.

Das ist ein Film, der aus dem Nichts kommend plötzlich in aller Munde ist – und das haben wir angeschubst. Da bilden wir uns jetzt auch mächtig was drauf ein (lacht) – deswegen machen wir den Mist ja auch eigentlich.

Weil wir das wirklich gut finden, was wir hier zeigen. Und das sind alles Dinge, die so an den Rand gedrängt werden, und wenn man das zulässt, dann sehen wir halt nur noch 08/15-Kram.

Gibt es Filme, die du zeigen wolltest, bei denen dir andere gesagt haben „Nee, den eher nicht“?

Neumann: Also wenn ich Filme zeigen will, dann kann mir eigentlich nur der Produzent sagen „Nee, kriegst du nicht.“ Ansonsten bin ich ja zum Glück mein eigener Diktator.

Und wenn Leute dir von bestimmten Filmen abraten? Hörst du darauf?

Neumann: Ja. Aber das heißt nicht, dass ich mich dann nicht trotzdem für meine Meinung entscheide. (lacht) Aber das ist ganz wichtig: Dass man Leute hat, mit denen man sich austauschen kann. Aber es kann eben auch sein, dass irgendjemand sagt „Mach‘ das nicht“, und ich nach diesen Überlegungen dann denke „Naa, ich mach’s aber doch.“ Das ist genauso wichtig, und wenn man das nicht hat, ist man ein bisschen verloren. Wenn man nicht in der Lage ist, über seine eigenen Entscheidungen zu reflektieren und sie vielleicht auch mal zu überdenken, dann kann man sowieso einpacken. Der Hauptgrund, warum Filme nicht gezeigt werden, ist eher, dass die Produktion oder der Vertrieb denkt „Nee, den geben wir woanders hin.“

Woran liegt das?

Neumann: Wir liegen in der Zeit mit der höchsten Konkurrenzdichte für Festivals. Ich weiß auch nicht, was uns geritten hat, das im Herbst zu machen. Das ist diese Award-Season, wo sie alles, was auf die Oscars hinarbeitet, durchfeiern. Und die anderen Festivals fangen an, alle möglichen Filme zu blocken. Zürich hat irre viel Geld und kauft alles ein. Die haben letztes Jahr für einen Film die Premiere für den deutschsprachigen Raum eingefordert. Und dann hab ich denen gesagt „Leute, also da hört’s ja auf.“ Weltpremiere, internationale Premiere – das ist das erste Mal außerhalb deines Ursprungslandes – das sind wichtige Definitionen. Um auf den A-Festivals im Wettbewerb zu laufen ist Bedingung: entweder Welt- oder internationale Premiere. Und dann gibt’s Premieren im jeweiligen Territorium, also etwa eine Deutschland- und eine Schweizpremiere.

Und wenn ich in der Schweiz bin, dann kann ich doch nicht die für Deutschland beanspruchen – das ist absurd! Das ist ja die pure Eitelkeit.

Da sind sie dann auch drauf eingegangen. Was ich sagen will: Der Herbst ist bei den Festivals hochgradig mit Konkurrenz belegt. Und wir sitzen mitten drin.

Wie viele Filme sichtet ihr für ein Filmfest?

Neumann: Wir hatten in diesem Jahr über 1.500 Einreichungen. Die Balance zwischen Einreichungen und den Filmen, die ich als Scout suche, hat sich in den letzten Jahren geändert. Früher hatten wir fast nur aus Eigenleistung Filme im Programm.

Jetzt, wo die Reputation steigt, bekommen wir auch relativ hochkarätige Filme eingereicht.

„Are we not cats“ – ein wunderbarer Film. Der wurde nach Venedig eingeladen. Der lag bei uns, aber wir waren noch nicht dazu gekommen, ihn anzusehen. Dann bekamen wir zum Glück eine E-Mail, „Ich bin gerade in Venedig eingeladen.“ Und wir so: „Woaa, sofort gucken!“ Ein solcher Film liegt bei uns als Einreichung. Es ist schon bemerkenswert, wie die Qualität nach oben geht. Letztlich geht’s um die Filme, ganz klar, aber wenn wir in der Reputation wachsen, können wir auch mehr für die Filme machen, die bei uns laufen.

img_8678

Wenn zu den 1.500 eingereichten Filmen noch die dazu kommen, die du selber suchst, wie viele kannst du dann selber ansehen?

Neumann: Wir haben ein großes Team an Leuten, die für uns sichten. Wahrscheinlich guck‘ ich auch irgendwie 200 Filme oder so übers Jahr, oder mehr. Aber nicht im Ansatz tausend Filme. Das ist schon eine Menge Holz. Wenn man sich vorstellt, du musst dir jeden Tag einen Film reinziehen, egal wie viel Arbeit du hast – da wird man ja irre. Aber wir haben eine echt gute Mannschaft. Die sichten und die sagen „Musst du dir unbedingt angucken“ oder „Nee, lass stecken.“ Oder die sagen „Großartig, musst du sofort einladen“ – aber dann guck ich sie trotzdem noch mal.

Hast du während des Festivals selber Zeit, was zu gucken?

Neumann: Nee. Das hab ich noch nie gekonnt. Selbst wenn ich die Zeit hätte, bin ich so unter Spannung, dass ich es überhaupt nicht aushalte, irgendwo anderthalb Stunden zu sitzen und nicht zu wissen, ob alles funktioniert. Da krieg ich die Krise. 1995 gab’s einen Film, den ich unbedingt sehen wollte. In die Mitternachtsvorstellung hab ich mich reingesetzt. Das war, glaube ich, mein einziger Film, den ich in 22 Jahren während des Festivals komplett gesehen habe. Aber sonst? Das kann ich nicht. Ich schleiche manchmal rein, und gucke, wie die Leute so sind und ob’s ein gutes Feeling gibt – aber dann muss ich raus.

Ihr habt 10.000 Euro mehr von der Stadt bekommen, bei 300.000 Euro Budget fällt das kaum ins Gewicht. Was würdest du mit 50.000 Euro mehr tun?

Neumann: Da müssten wir zwei Dinge machen: Wir müssten endlich in der Lage sein, unser Personalgerüst so aufzustellen, dass wir wirklich realistisch und solide ein Festival dieser Größenordnung machen können.

Wir stellen gerade ein Festival mit 15 Leuten auf die Beine, die das vorher noch nie gemacht haben. Das ist halsbrecherisch.

Die werden auch noch so bezahlt, dass es, wenn’s nicht mit Euphorie in Verbindung ist, nicht unbedingt angemessen ist. Da wird keiner ausgebeutet, aber wenn wir ein anderes Budget hätten, würden wir endlich eine solide Basis kriegen. Und dann wäre das zweite, den Jury-Preis wieder ins Leben zu rufen. Der war wirklich etwas Besonderes. Er hat dem Filmfest und der Stadt Oldenburg viel gebracht, und auch für die Filme etwas bewirkt. Und dann könnte man irgendwann darüber reden, dass das Festival mit all seinen Schwankungen funktionabel sein muss. Es ist bescheuert, wenn ich das sage und immer wieder weiter mache, und das wird ja auch gerne von bestimmten Leuten benutzt, nach dem Motto: „Ja der macht’s doch trotzdem wieder.“ Aber das ist tragischerweise mein Leben und mein Herz. Aber das ist ein Abrieb, der ist eigentlich viel zu hoch. Wie viele Nervenzusammenbrüche wir so erleben, das will besser gar keiner wissen.

Das ist schon meine nächste Frage: Wie motivierst du dich seit 23 Jahren immer wieder zu diesem Marathon?

Neumann: Es gibt immer ein paar Wochen, wo ich mich genau das frage und wo ich denke „Bin ich eigentlich bescheuert? Das ist doch kein Leben.“

Und dann gibt’s fünf Tage, die normalerweise zu so einer massiven Belohnung werden, wo man so viel Adrenalin aufsammelt und Rückmeldungen kriegt, und so viele Menschen glücklich macht, dass man plötzlich wieder doof genug ist, das nochmal zu machen (lacht).

So kann man das glaube ich zusammenfassen. Und dann gibt’s zum Glück immer noch ein paar Menschen, die sich ebenfalls mitreißen lassen und das auch wieder weiter mitmachen. Es ist natürlich auch toll und schon ein Abenteuer. Aber es könnte auch ein bisschen solider und nicht ganz so halsbrecherisch sein.

23 Jahre – das Filmfest ist so alt wie ich.

Neumann: Nein! Oh, das ist schrecklich. Vor zehn Jahren war ganz groß in den Medien, dass Heinz Badewitz seit 40 Jahren das Festival in Hof macht. Da habe ich gedacht, „Alter Schwede, das darf mir nie passieren – ich muss irgendwann mal die Kurve kriegen und auch was anderes machen“. Das war ein Albtraum, diese Vorstellung. Und jetzt … Ansonsten ist mein Erfolgsgeheimnis das zu überleben: Cola light und Zigaretten.

Das Gespräch führte Phyllis Frieling.

Im zweiten Teil des Interviews äußert sich Torsten Neumann zu den Ehrengästen und wie es zu dem „Jahr der Debütfilme“ in Oldenburg kam.

Fotos: mediavanti.de

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.