Endstation Resignation

–  Fünf Sterne für das „Problemski Hotel“ –

Bipul ist in einer belgischen Flüchtlingsunterkunft gestrandet: Der etwa Dreißigjährige weiß nicht, wo er herkommt, was er früher gemacht hat oder was seine Muttersprache ist, nur, dass er in verwirrtem Zustand auf einer Flughafentoilette gefunden wurde. Er hat sich innerhalb der Flüchtlingsunterkunft gut eingerichtet, fungiert als Vermittler, Seelsorger und Übersetzer im täglichen Leben und hilft bei Behördengängen. Aufgrund seiner Amnesie hat er eine einzigartige Stellung inne: An einem Ort, der eigentlich nur als Zwischenstation gedacht ist, hat er, der für sich weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft besitzt und daher vollständig in der Gegenwart lebt, eine Art Zuhause gefunden.

Die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft sind auf Bipul angewiesen: Zum Beispiel der trainingsbesessene Russe, der von der Mitgliedschaft in der Fremdenlegion träumt, der neoromantische Araber, der von einer Hochzeit mit einer westlichen Frau phantasiert oder der kriegstraumatisierte kleine Junge, der sich wünscht, in seiner neuen Schule akzeptiert zu werden. Während er die Menschen um ihn herum bei ihren Schicksalen und Schicksalsschlägen begleitet, wandelt er sich allmählich vom passiv-lethargischen Resignierten hin zu einem Menschen, der sich wieder Ziele setzt und die auch zu erreichen versucht. Nach und nach entdeckt er infolge des Unrechts, das tagtäglich um ihn herum geschieht, seinen Gerechtigkeitssinn wieder, eckt dadurch allerdings auch immer mehr an.

Eines Tages sitzt die junge Russin Lidia (Evgenia Brendes) am Frühstückstisch, mit der Bipul schnell eine Liaison aufbaut. Sie eröffnet ihm ihren Plan, an Weihnachten nach London zu ziehen und fragt Bipul, ob er sie begleiten möchte, um gemeinsam ein neues Leben aufzubauen. Damit bringt sie sein momentanes Lebenskonzept ziemlich ins Wanken, denn konkrete Lebensziele passen anfangs so gar nicht in Bipuls im Moment verankertes Selbstverständnis. Derweil ist ihre Freundin, die auch nach London ziehen möchte, hochschwanger. Ihr Baby ist ihr bei der illegalen Grenzübertretung jedoch im Weg, was sie in ein moralisches Dilemma führt.

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Im Film sind viele verschiedene Einzelschicksale miteinander verwoben: Einer der Flüchtlinge genießt kurz vor seiner Abschiebung ein klein wenig Freiheit auf seinem Fahrrad. Am nächsten Tag findet man ihn erhängt am Treppengeländer.

Ein Symbol, das den Film von vorne bis hinten begleitet, ist ein Weihnachtsbaum in dem multireligiösen Heim: Der Weihnachtsbaum, welcher in weiten Teilen des Films von einem Ort zum anderen getragen wird, zeigt, mit welcher Kurzsichtigkeit die Behörden in Belgien agieren. Die Männer, die den Baum pausenlos durch das Gebäude tragen, scheinen aber auch nicht allzu traurig, da sie so immerhin eine Aufgabe haben. Schließlich kommt der der mehr als sinnlose Befehl von der Heimleitung, diesen in drei Teile zu zersägen und in den sechsten Stock hinaufzutragen. Dabei wird ein ultrakonservativer Muslim, der zuvor seine Frau unterdrückt hatte und daraufhin von ihr verlassen wurde, damit beauftragt, den Weihnachtsbaum zu schmücken, woraufhin der religiöse Melting-Pot in einer überkonfessionellen Weihnachtsfeier (inklusive überaus peinlicher Tanzformation) ein halbwegs glückliches Ende findet.

Die Einrichtungsleitung und damit gewissermaßen die abendländische Gesellschaft wird im Kammerspiel „Problemski Hotel“ durch eine frustriert-stocksteife Frau repräsentiert, die schon in der Eingangsszene des Films ein teaminternes Rollenspiel (zum Umgang mit vollverschleierten Frauen in öffentlichen Räumen) sprengt, indem sie den gespielten Ehemann mithilfe einer Judorolle aufs Kreuz legt, als es ihr zu kompliziert wird. Während des gesamten Films wird eine tiefe Kluft zwischen den Asylbewerbern und der belgischen Gesellschaft offenbar. In einer Szene prallen beide Welten unmittelbar aufeinander: Bipul und sein arabischer Freund Mahsun (Gökhan Girginol) gehen eines Abends aus. Im ersten Nachtclub werden Sie aufgrund ihres fremdländischen Aussehens abgewiesen, im zweiten tanzt Mahsun mit einer unverheirateten Frau, um daraufhin mit deren eifersüchtigem Freund in Streit zu geraten – dies versteht er allerdings nicht, da Frauen ohne Ring am Finger aus seiner Sicht frei verfügbar sind. Die unterschiedlichen Kulturkreise werden hier als Barriere dargestellt, für deren Überwindung hat der Film allerdings, bis auf die kitschige Tanzeinlage, keine Lösung parat.

There ist nothing you can do to make any difference. Do nothing, say nothing. This what Bipul say. Just make sure that they don’t notice you. Let them think you’re a part of the furniture.

Mit seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans, den Dimitri Verhulst bereits 2003 verfasst hatte, ist dem Filmemacher Manu Riche ein überraschend zeitgenössischer Coup gelungen. Obwohl es vermutlich nicht seine Intention gewesen sein dürfte, hat er mit „Problemski Hotel“ eine leidenschaftliche Botschaft in der Flüchtlingskrise abgesetzt: Wir sind unabhängig von unserer Herkunft, Hautfarbe oder Religion Menschen mit Träumen und Wünschen und müssen, um so viele wie möglich von diesen wahr werden lassen zu können, miteinander zurechtkommen – egal, ob im Großen oder im Kleinen. Indem er seinen Film irgendwo zwischen Komödie und Drama verankert, trifft er genau den richtigen Ton, um sich der schwierigen Thematik behutsam zu nähern und schafft es so, die Zuschauer nicht zu überfordern. Allerdings schafft es der Film nicht, Lösungen für die Probleme anzubieten, die die gegenwärtige Gesellschaft derzeit zu lösen versucht.

Text: Moritz M. Lenz
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screening von „Problemski Hotel“:
Sa., 17.09., 14.30 Uhr, theater hof/19

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