(Fast) vergaloppiert

– Über die Tücken von „Opération Duval“ –

Die Atmosphäre so erdrückend wie in der Drehbuchvorlage „Der Prozeß“ von Franz Kafka. Die Parallelen zu „Das Leben der Anderen“ so unverkennbar, dass der Zuschauer geneigt ist, auf dem falschen Genre-Pferd davon zu galoppieren. Die Szenen durch das hohe Erzähltempo so dicht, dass sie klischeehaft wirken. Warum sie den Film „Opération Duval – Das Geheimprotokoll“ dennoch bis zum Ende angesehen hat, erklärt Mareike Lange.


Zugegeben: Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Der Prozeß“ gelesen habe. Und sehr detailliert kann ich mich an die Inhalte des Buchs nicht mehr erinnern. Aber eines weiß ich noch genau: Ich habe es nicht zu Ende gelesen. Das Gefühl von Beklemmung war so heftig, dass ich das hochgelobte Stück Literatur weglegen musste und es seitdem nicht mehr in die Hand genommen habe.

Ein ähnliches Gefühl hat mich auch bei Thomas Kruithofs Film „Opération Duval – Das Geheimprotokoll“ überkommen. Das Drehbuch lehnt sich an die Novelle von Franz Kafka an und erzählt von einem Angestellten (dargestellt von François Cluzet, bekannt aus „Ziemlich beste Freunde“), der nach längerer Arbeitslosigkeit ein Jobangebot erhält, das ihn zwischen die Fronten zweier Geheimdienste geraten lässt. Die zermürbende Bürokratie, die Sterilität der Gebäude, des städtischen Lebens, ja sogar der Menschen – noch verstärkt durch die graublaue Farbgebung –, die Mechanismen eines oppressiven Systems, das sein Opfer spürbar erdrückt und ihm gleichzeitig verschlossen bleibt – worüber der berühmte Autor 1925 schrieb, übersetzt Kruithof in Bilder. Der französische Filmtitel „La mécanique de l’ombre“, der in etwa mit „Die Mechanik des Schattens“ übersetzt werden kann, ist deshalb um einiges treffender. Ein düsterer, an Hitchcock erinnernder Soundtrack tut sein Übriges.

Noch etwas gebe ich zu: dass ich allzu schnell meinte, einen roten Faden parat zu haben zur Besprechung dieses Films.

Ha, dachte ich mir, das französische „Das Leben der Anderen“!

Zu offensichtlich schienen mir in den ersten Szenen die Parallelen zum deutschen Kinoerfolg. Da sitzt der profillose Mittfünfziger isoliert in einer schmucklosen Wohnung hinter seiner Schreibmaschine und tippt ab, was er über seine Kopfhörer an Gesprächen belauscht. Er hat wenig bis kein Eigenleben und ist entfremdet vom Ziel seiner Tätigkeit, weil die Institution und ihr Zweck in weite – auch physische – Ferne gerückt sind. Et voilà, dann ist die Entwicklung der Story ja bereits klar und nur noch die Frage, ob das französische Pendant mithalten kann und somit seine Existenz verdient!

Doch damit lassen sich die Ähnlichkeiten schon bewenden. „Das Leben der Anderen“ ist ein Gesellschaftsdrama, das die verheerenden Auswirkungen des oppressiven Systems der DDR auf seine Bürger aufzeigen und aufarbeiten möchte. Der politische Rahmen – ein verbissen und rücksichtslos ausgetragener Wahlkampf um das Präsidentenamt – dient in „Opération Duval“ dagegen nur als Setting für einen Psychothriller. Genauso wenig ist hier der Wandel eines Menschen vom unreflektiert Ausführenden zum moralisch und eigenmächtig Handelnden das Thema, wie ihn Hauptmann Gerd Wiesler erlebt. Jeanne Duval weiß (wie Josef K. in „Der Prozeß“) nicht, für wen genau und für welches Ziel er Worte in die Schreibmaschine tippt (respektive weswegen er verurteilt wurde). Tief resigniert von der Kälte der Arbeitswelt, überhaupt verletzlich und schwermütig versäumt er es, seinen Zweifeln ob des ominösen Jobangebots eines ihm unbekannten Monsieur Clement nachzugehen. Dass dieser sich spät abends meldet, nur vage von einem Kontroll- und Aufsichtsorganismus spricht, der die Interessen Frankreichs schützen soll, und so gar nichts zu den Inhalten der Tätigkeit sagt, die Duval noch dazu im digitalen Zeitalter mit der Schreibmaschine ausführen soll – all das verwundert ihn zwar, hält ihn aber nicht davon ab, den Job anzunehmen. In was er hineingeraten ist, wird ihm deshalb mit umso größerer Wucht bewusst.

Als er die Dimension dessen erkennt, was er da abtippt, ist es für eine Kündigung längst zu spät und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Wobei Lauf – Spurt wäre wohl das treffendere Wort, um die Geschwindigkeit zu beschreiben, mit der dieser Thriller eine Geheimdienstszene auf die nächste folgen lässt. Die Fahrt im Auto mit übergestülpter Maske, der blutüberströmte Verräter, der offensichtlich gefoltert worden ist, die verfallene Villa, von der aus der Geheimdienstchef seine Befehle erteilt, die grauen Männer mit ihren unbewegten Minen – insbesondere in ihrer Dichte wirken sie fast ein wenig zu klischeehaft.

Auch die Figur der Sandra wirkt als Kontrast etwas sehr bemüht. Sie tritt bei einem Treffen der anonymen Alkoholiker in Duvals Leben, bricht – ganz Mensch mit ihren Ecken und Kanten – seine emotionale Taubheit auf und wird so zum Druckmittel für die Geheimdienste.

Und wenn wir schon bei Kritikpunkten sind: Warum auf analoge Medien setzen, wenn der Film klar im digitalen Zeiten spielt? Die Folgen der alles observierenden Mechanismen sozialer Netzwerke kommen zwar zur Sprache. Aber worin besteht die Symbolik bzw. inhaltliche Notwendigkeit der – bildkompositorisch und filmästhetisch wunderbar inszenierten – analogen Medien wie Schreibmaschine, Papier und Kassette?

Lässt sich ein Kafka nicht übertragen in unser Zeitalter?

Fazit:

Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Trotz allem bin ich nicht ausgestiegen wie bei Kafkas Werk, sondern blieb durchaus gefesselt. Kruithof ist ein in Teilen Kammerspiel-artig dichter, bis zum letzten Augenblick spannend erzählter und filmästhetisch sehr ansprechender Film gelungen. Er weiß die erdrückende Atmosphäre, die in „Der Prozeß“ kreiert wird, überzeugend zu transportieren und für heutige Generationen spürbar zu machen. Ihm geht es vielleicht nicht um eine allumfassende Gesellschaftskritik. Wenn überhaupt werden Themen wie die Kälte einer kapitalistischen Gesellschaft, der aufstrebende Nationalismus und die neue Dimension des Überwachungsstaats, die durch soziale Medien möglich wird, nur am Rande gestreift. Aber das ist verzeihlich, wird dem Zuschauer doch das geboten, was Kino sein darf oder sogar muss: gute Unterhaltung.

Text: Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Opération Duval – Das Geheimprotokoll“:
Sa., 16.9., 21.30 Uhr, Casablanca 1
So., 17.9., 16.30 Uhr, theater hof/19

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