„Frei und ohne Fesseln!“

– Teil 2 des Interviews mit Festivalleiter Torsten Neumann –

Nein, sagt Torsten Neumann, beim großen Programm-Puzzle spielten Kriterien wie die Herkunft eines Films oder dessen Produktionsbudget keine Rolle. Es geht immer um Qualität. Dass er damit auch 2015 genau richtig liegt, zeigt der zweite Teil des großen OffBlogger-Interviews.

Frage: Wie seid ihr an die Zusammenstellung des Programms gegangen?

Torsten Neumann: Wir möchten uns immer den ungewöhnlichen Blick bewahren. Filme, die wir zeigen wollen, sollen eben nicht aus der Perspektive gedreht sein, aus der das Thema zuvor schon zigmal gezeigt wurde. Ich finde es irrsinnig wichtig, sich an einem solchen Grundsatz zu orientieren.

Die Retrospektive ist George Armitage gewidmet. Wie seid ihr auf ihn gekommen? Er ist ja nicht der klassische Independent-Regisseur …

Neumann: Stimmt. Aber die Filme haben alle eine eigene Independent-Geschichte. „The big bounce“ etwa war ein einziges Desaster. An dem wurde so lange herumgeschnitten, um eine Freigabe ab 12 Jahren zu bekommen, dass George Armitage aus dem Projekt ausgestiegen ist, weil nur noch ein Torso seines Films übrig blieb. Und „Grosse Point Blank“ hat eine starke politische Ebene. Das ist durchaus kommerziell, aber eben auch sehr intelligent.

Es lohnt sich also, sich etwas intensiver mit ihm zu beschäftigen, oder?

Neumann: Ja, Armitage ist ein sehr spannender Filmemacher, den man entdecken sollte. Ich habe ihn übrigens schon sehr lange auf meiner Wunschliste stehen.

Der Sinn einer Retrospektive liegt ja genau darin, dass man die Entwicklung eines Filmemachers nachvollziehen kann. Man merkt dann schnell, dass es eine Filmgeschichte gibt, in der der unkonventionelle Blick uns vorangebracht hat.

Mit der äthiopisch-spanischen Produktion „Crumbs“ habt ihr erstmals einen Film mit starkem afrikanischem Bezug im Programm …

Neumann: Wenn man auf Filmeinreichungen setzt, dann erlebt man halt auch solche Überraschungen. Wir haben diesmal Zusendungen aus über 80 Ländern bekommen. Die afrikanischen waren dabei allerdings nicht besonders stark vertreten. Für uns ist entscheidend, dass es ein großartiger Film mit viel Power ist. Wir stellen unser Programm ja nicht nach soziokulturellen Kriterien zusammen, sondern schauen auf die Qualität. Es lohnt sich!

Aber du fährst jetzt nicht mit dem Finger über den Globus und schaust, aus welchem Land denn demnächst was gezeigt werden müsste?

Neumann: Nein, bestimmt nicht. Aber ich finde schon immer mal wieder Regionen, in denen noch frei und ohne Fesseln Geschichten filmisch erzählt werden – ohne dass sie mit platten politischen Botschaften daher kommen. Mich interessiert der subtile Inhalt viel mehr, also das, was sich unter der Oberfläche abspielt. Dafür ist auch „Crumbs“ ein schönes Beispiel.

Deutsche TV-Werke haben in Oldenburg durchaus Tradition. Mit „Gottlos“, einer Produktion von Thomas Stiller, wagt ihr dennoch etwas Neues. Was genau?

Neumann: Auch Fernsehproduktionen müssen zu unserem Profil passen, sonst interessieren sie uns nicht. Das ist bei „Gottlos“ zweifellos der Fall, deshalb kann ich ihm auch auf unserem Festival eine Plattform bieten.

Ich denke immer noch, dass das Fernsehen das Kino und die Filmkultur bedroht.

Deshalb habe ich mich lange dagegen gewehrt, wie andere Festivals Serien ins Programm zu nehmen.

Und warum jetzt die Ausnahme?

Neumann: Weil der Fall bei „Gottlos“ anders liegt. Hier hatte der Autor und Regisseur vollkommen freie Hand. Kein Regisseur hat ihm reingeredet. Das ist die Übersetzung von Independent ins Fernsehen. Ein Sender wie RTL 2 kann sich das erlauben, die Öffentlich-Rechtlichen hätten da sicher Probleme.

„Gottlos“ wird auch in einer Vorführung in der hiesigen Justizvollzugsanstalt gezeigt. Das „Kino im Knast“ gibt es in diesem Jahr zum zehnten Mal. Was macht für dich den Reiz aus?

Neumann: Es passt zu uns, weil wir einfach erneut einen ungewöhnlichen Weg gegangen sind. Wir öffnen einmal mehr neue Perspektiven – sowohl für jene Besucher, die in den Knast gehen, als auch für die Insassen. Keiner hat einen Stempel auf der Stirn und ist auf Anhieb als Teil einer Gruppe erkennbar. Das macht den Kopf frei und sorgt für neue Gedanken.

Torsten, vielen Dank für das intensive Gespräch und alles Gute fürs Festival.

Das Gespräch führten Mareike Lange und Claus Spitzer-Ewersmann. Hier geht es zum ersten Teil.
Fotos: mediavanti.de

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