Gegen Kleinmut und Feigheit

– Der Festival-Trailer 2015 zitiert Shakespeare
und bezieht Stellung –

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Mit Stacy Keach produzierten Deborah Kara Unger und Torsten Neumann in L.A. den Trailer 2015.

Noch knapp zwei Wochen bis zum Festivalstart – Zeit, endlich einen Blick auf den Trailer zum Filmfest zu werfen. Die kleinen Werbefilme sind legendär – auch wenn sie heute weniger ironisch mit der vermeintlichen Provinzialität des Festivals spielen als früher. Dafür liefern sie inzwischen richtig starke Statements.

Den größten Beifall bei der Eröffnung des Filmfestes 2014 erhielt ein Obdachloser aus Oldenburg. Richie stahl mit seinem Vortrag sogar kurzzeitig dem Festivalleiter die Schau. Er war der Exot der Gala, aber beileibe kein Fremdkörper. Und das lag an Torsten Neumann selbst, seinem untrüglichen Auge für den speziellen Moment, für das Unerwartete und Unkonventionelle. Im Werbetrailer fürs Filmfest hatte er Richie und sechs weitere Obdachlose von ihrem Leben und ihrer Liebe zum Kino erzählen lassen. Botschaft: Der Film ist das Leben ist der Film ist das Leben. Und wir grenzen keinen aus.

Vor, sagen wir mal, zehn Jahren hätte Neumann sich das noch nicht getraut. Da galt es in erster Linie, Oldenburgs Platz im herbstlichen Festivalreigen zu finden und zu behaupten. Mit kleinen, häufig amüsanten Filmchen setzte er der mutmaßlichen Provinzialität des Standorts ein kraftvolles Augenzwinkern entgegen. Neumann ist auch heute noch ein Freund des ironischen Floretts.

Aber er weiß auch, dass es mittlerweile nicht mehr darum gehen muss, die Existenzberechtigung des Filmfestes in der norddeutschen Tiefebene nachzuweisen.

Das sieht man an den diesjährigen Plakaten, die gekonnt mit einer stark verkürzten Form des Veranstaltungstitels kokettieren. Und man merkt es auch dem exzellenten und beeindruckenden Trailer 2015 deutlich an. Titel: „The little Kingdom“.

Mit dem während seines Besuchs 2007 zum großen Oldenburg-Freund gewordenen Stacy Keach den zurzeit wohl profiliertesten Shakespeare-Darsteller als Protagonisten zu verpflichten, ist ein Coup. Ebenso die Idee, ihn einen – indes leicht veränderten – Text aus Shakespeares „Henry IV“ zitieren zu lassen. In der neuen Version lobt er zum einen nachdrücklich die Wirkungen eines Festivals („Es steigt in das Gehirn, zerteilt all die törichten und trüben Dünste, die es umgeben, macht es scharfsinnig, schnell und erfinderisch“) und wendet sich zum anderen gegen „Kleinmütigkeit und Feigheit“.

Das kann man mal machen. Auf jeden Fall sind es klare und couragierte Worte, die der Mime dort in einem kleinen Theater in Los Angeles spricht. Oder trägt er – wie gelegentlich zu hören – vielleicht doch etwas zu dick auf? Nein! Das Statement ist Ausdruck eines Selbstbewusstseins, das seine Berechtigung aus mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreicher Arbeit und dem daraus resultierenden internationalen Renommee des Festivals bezieht. Richie, der Obdachlose, hätte es vermutlich etwas einfacher ausgedrückt. Aber inhaltlich liegen er, Altmeister Shakespeare, Stacy Keach und Torsten Neumann voll und ganz auf einer Linie.

Text: Claus Spitzer-Ewersmann
Foto: Filmfest Oldenburg

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