Geschwisterliebe

– Filmkritik zu „Im Sommer wohnt er unten“ –

Ein Urlaub, gemeinsam verbracht mit anderen, kann klappen – muss aber nicht. Im Fall von Matthias und David Landberg, einem sehr ungleichen Brüderpaar, geht das komplett daneben. Was für die Protagonisten umwälzende Wirkung entfaltet, entwickelt sich für die Zuschauer in „Im Sommer wohnt er unten“ (D, 2015) zu intelligenter Unterhaltung.

Matthias (Sebastian Fräsdorf) hat die Ruhe weg. Entspannt verfolgt er die eher ungelenken Schwimmbemühungen Etiennes (William Peiro), dem Sohn seiner Freundin Camille (Alice Pehlivanyan). Während sich der Nachwuchs im Pool mehr schlecht als recht über Wasser hält, animiert die resolute Französin Camille ihren Partner zu etwas mehr Verve bei der Schwimmerziehung. „Weißt du, wie viele Kinder pro Jahr ertrinken?“ Matthias weiß es nicht – und macht auch nicht den Anschein, als würde es ihn wirklich interessieren.

Worauf es ihm ankommt? Entspannt bleiben, das Leben genießen. Fügt sich schon alles.

Im Sommer wohnt er untenDie drei haben es sich gemütlich gemacht im Ferienhaus von Matthias Eltern, in Atlantiknähe und auf naturbelassenem Grundstück. Mähen? Wird überbewertet. Das Ferienhaus ist idyllisch gelegen, Regisseur Tom Sommerlatte hat dem Film mit seinem Team den passenden, ruhigen Soundtrack und viele lange Kameraeinstellungen verpasst – ein Urlaubsparadies, dem nichts etwas anhaben kann. Kleine Nörgeleien von Camille prallen ohne Folgen an Matthias ab. Wozu sich aufregen? Kostet nur unnütze Kraft.

Ordnung muss sein: Der Bruder hält Einzug

Leben in die Bude kommt dann aber doch. Eine Woche früher als verabredet rücken David (Godehard Giese) und seine Gattin Lena (Karin Hanczewski) an. David personifiziert das genaue Gegenteil seines oft geradezu lethargischen Bruders Matthias, setzt die Familientradition in Sachen Banker-Karriere fort und pocht auf klare Regeln. Hatte man zunächst geglaubt, die harschen Ansagen am Pool in den Auftaktminuten könnten Camille die Rolle des Unsympathischen zuweisen, sieht man nun den wahren Kotzbrocken des Films Einzug halten ins gestörte Urlaubsidyll.

Fein und intelligent erzählte 100 Minuten

David macht klar: Das Kind muss weg, der Rasen gemäht und das Zimmer getauscht werden. Im Sommer wohnt er unten – das war so und soll so bleiben. Matthias räumt, natürlich, ohne große Widerstände das Zimmer, Camille stockt der Atem angesichts solcher Unterwürfigkeit. Der Film, der schon auf der Berlinale lief und dort ebenso großen Applaus erntete wie beim Gewinn des Filmpreises Ludwigshafen, nimmt nun richtig Fahrt auf. Glänzende Dialoge, raffinierte Wechsel der Rollen, subtiler Humor: Die knapp 100 Minuten sind reich gefüllt mit fein erzählten Momenten und vermögen höchst intelligent zu unterhalten. Die Schauspieler verdienen großes Lob; es bleibt während des Films übrigens bei den fünf Beteiligten.

Vier von ihnen, die Erwachsenen, werden dabei gehörig durchgeschüttelt – und gehen aus dem Sommer in anderer Verfassung heraus, als sie ihn begonnen hatten.

Tom Sommerlatte übrigens darf als Experte in Sachen Geschwisterliebe gelten: Seine Schwester Iris stand ihm als Produzentin zur Seite, im Abspann tauchen zudem noch viel mehr Beteiligte aus seiner Großfamilie auf.

Text: Torben Rosenbohm
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screenings von „Im Sommer wohnt er unten“:
Fr., 18.9., 19.00 Uhr, EWE Forum Alte Fleiwa

Sa., 19.9., 14.30 Uhr, Exerzierhalle

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