„I am the captain of my soul“

– Filmkritik zu „Twisting Fate“ von Christophe Lioud –

Der Verlust geliebter Menschen kann dazu führen, dass das eigene Leben komplett aus den Fugen gerät. Auch Claire muss das erleben. Doch nicht nur der Schmerz bringt sie fast um den Verstand, sondern auch das Gefühl, nicht ganz unverantwortlich dafür zu sein, was geschehen ist.

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Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Wenn es nicht schon ein Buch und den dazugehörigen Film unter diesem Namen geben würde, könnte er ebenso gut zu „Twisting Fate“ passen. In diesem Drama geht es um den Zufall, der das Leben verändert und den langen Weg zurück zur eigenen Stärke. Christophe Lioud hat einen wunderbaren Film geschaffen, der aufzeigt, dass es möglich, ist eine Kraft in sich zu tragen, die die eigene Seele nach einem schweren Schicksalsschlag heilen kann.

Claire (Noémie Merlant), ist 17 Jahre alt und verbringt mit ihrer Familie die Ferien in Südafrika. Während eines Ausfluges sterben die Eltern und der kleine Bruder durch einen tragischen Unfall. Nur aufgrund eines schicksalshaften Spiels begleitete Claire ihre Familie nicht mit auf diese Unternehmung und bleibt so als einzige Überlebende zurück. Sie ist überzeugt davon, dafür schuldig zu sein, dass ihrer Familie dieses Unglück wiederfahren ist und flieht aus der staatlichen Obhut, die dafür sorgen sollte, dass sie zu ihrer Großmutter nach Frankreich verbracht wird. Sie begibt sich auf eine wilde Reise durch das Land, um vor ihren Gefühlen davon zu rennen.

„One should always say nice things when you part. Especially to the people you love most in the world“ (Claire).

Christophe Lioud

Christophe Lioud inszeniert mit Empathie.

Der Tod eines geliebten Menschen: Ein Augenblick, der das Leben für viele Hinterbliebene in ein Davor und ein Danach teilt. In dem plötzlich nichts mehr so ist, wie es war. Alles scheint aus den Fugen zu geraten, der Glaube an eine Zukunft schwindet. Und dann beginnen die Fragen, die wohl auch der Protagonistin Claire unaufhaltsam durch den Kopf schwirren: Wie soll ich weiter leben? Was hätte ich tun können, damit das nicht passiert? Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich gewusst hätte, dass ich meine Familie das letzte Mal sehe? Mit welchen Worten hätte ich mich verabschiedet? Christophe Lioud hat es geschafft, diesen tiefen Einschnitt in das Leben Claires glaubwürdig zu inszenieren – mit viel Einfühlsamkeit, Empathie und Respekt. Und dabei ist „Twisting Fate“ einer der wenigen Filme, bei denen er Regie führte. Normalerweise ist er als Produzent bei Dokumentationen wie „Die Reise der Pinguine“ oder „Das Geheimnis der Bäume“ tätig. Doch auch das Genre Drama scheint ihm zu liegen. Claires Reise zu sich selbst und ihre Erlebnisse – alles nachvollziehbar, verständlich und vor allem: tief berührend!

Claire (Noémie Merlant)

Claire (Noémie Merlant) hat den Kopf voll Fragen.

Die Schauspielerin und Chanteuse Noémie Merlant – bereits bekannt aus Filmen wie „Die Kinder der Madame Anne“, „Newcomer“ oder  „Der Vater meiner besten Freundin“ – schafft es in beeindruckender Manier, Claires Phasen der Trauer in allen Facetten zu zeigen: Schock, Aggression, Verleugnung, tiefe Melancholie und die Rückkehr zu sich selbst. Alle diese Zustände ergreifen sie immer wieder auf ihrem irren Road-Trip durch Südafrika. Noémie Merlant beherrscht sie auf eine verzückende und herzzereißende Art und Weise, die manchmal dazu führt, dass man Claire in den Arm nehmen möchte, um ihr ein wenig Sicherheit zu schenken.

I am the master of my fate. I am the captain of my soul (Ernest Henley).

Bedingt durch den Schock ist Claire zunächst kurz davor, auch ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Doch die Begegnung mit einer mysteriösen Frau bestärkt sie darin, einen Weg zu finden, mit Alledem umzugehen. Diese Reise ohne Ziel, die sie mit Menschen zusammenbringt, die ihr auf positive und negative Art und Weise bewusst machen, wie sie mit ihrem neuen Leben ohne ihre Familie zurecht kommt, wirkt wie eine Reise zu sich selbst. Immer wieder spielt dabei die liebevolle Beziehung zu ihrer Großmutter eine Rolle, mit der sie Gedichte von Henley oder Verlaine rezitiert. Das Heimkehren zu ihrer geliebten Oma gleicht einer Insel, auf die sich Claire nicht zu retten wagt. Zu stark wabern die Schuldgefühle in ihr. Beflügelt durch eine Liebesbeziehung zu Sebastian (Daniel Lobé), der ihre Geschichte nicht kennt, begreift sie nach und nach, dass sie selbst die „Kapitänin ihrer Seele“ ist und dass ihr Inneres nur heilen kann, wenn sie die Trauer zulässt und ihre Schuldgefühle vergisst. Sie selbst ist der sichere Hafen, den sie so lange unbewusst gesucht hat.

„I think you can’t break free from the ones you love. And maybe you don’t have to“ (Claire).

Das französische Magazin „La Croix“ bezeichnete diesen Film als „optimistische Tragödie“, eine Bezeichnung die passt wie ein guter Schuh: „Twisting Fate“ ist ein wunderschöner Film über die Phasen der Trauer, die Kraft des freien Willens und schließlich der Kunst des (Weiter-)Lebens – tief berührend und kraftvoll inszeniert.

Text: Ramona Walter
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Twisting Fate“:
Do., 15.09., 19.00, Casablanca
Sa., 17.09., 21.30,  Casablanca

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