Ich mag gar nicht hinschauen!

– Tue es aber zumindest halb für die Rezension zu „The Endless“ –

OffBloggerin Mareike Schulz hat sich „The Endless“ angeschaut, indem sie zeitweise eben nicht hingeschaut hat. Warum sie sich nach dem Screening des Horrorfilms kaum allein in die Oldenburger Nacht getraut hat, erzählt sie in diesem Beitrag.

„The Endless“ erzählt die Geschichte von zwei Brüdern (gespielt von den beiden Regisseuren Justin Benson und Aaron Moorhead), die vor zehn Jahren dem Massenmord ihrer Sekte entfliehen konnten. In der realen Welt kommen sie allerdings nur schwer zurecht, es fällt ihnen alles andere als leicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und eigenverantwortlich Entscheidungen zu fällen. Plötzlich wird ihnen ein Video zugespielt, das Aufnahmen ihrer alten und scheinbar immer noch lebendigen Familie enthält. Insbesondere Aaron, der jüngere der beiden Brüder, beginnt zu hinterfragen, warum die zwei damals geflohen sind. Und so entschließen sie sich zurückzukehren, um zu verstehen, wie die Sekte lebt und ob die jungen Männer hier wieder den Zusammenhalt finden können, den sie in Freiheit so sehr vermissen.

Sehenswert macht den Film die Darstellung des alltäglichen Lebens in der Sekte, die einem zunächst wie eine harmonische Gemeinschaft vorkommt, in der jeder Tätigkeiten entsprechend seiner Fähigkeiten ausüben kann und alle füreinander sorgen. Der Zuschauer fragt sich:

Sind die überaus kritischen Darstellungen solcher Sekten auch in unserer Gesellschaft etwa doch übertriebene Meinungsmache gegenüber alternativen Lebensformen?

Dann jedoch nimmt der Film unerwartete Wendungen und ein so hohes Tempo auf, dass zumindest ich am liebsten nur durch einen kleinen Spalt zwischen meinen Fingern auf die Leinwand geschaut hätte. Die Bewohner scheinen mehr als nur ein dunkles Geheimnis zu hüten, die Handlung wird zunehmend durch mystische Elemente bestimmt. Die beiden Brüder geraten in einen Konflikt: Aaron möchte sein Leben in der Sekte wieder aufnehmen, Justin, der ältere von beiden, möchte so schnell wie möglich wieder abreisen. Es beginnt ein Kampf gegen die Zeit (das „warum“ ist ein zentraler Teil des Streifens und soll deswegen hier nicht weiter beschrieben werden), in dem die Brüder Dämonen begegnen, um ihr Leben fürchten müssen und die Kontrolle darüber verlieren, was Einbildung und was grauenvolle Realität ist.

Die Regisseure spielen auch die beiden Hauptrollen.

Dabei kommt der Film aber ohne plattes Schocken des Publikums in Form von Blut oder körperlicher Gewalt aus. Die Regisseure Benson und Moorhead komplettieren die dunklen, mystischen und unheimlichen visuellen Eindrücke mit einer Filmmusik, die so durchdringend und soundgewaltig ist, dass selbst die Mädels an der Kasse im Vorraum des Theaterhof/19 ein mulmiges Gefühl bekamen, ohne den Film selbst gesehen zu haben. Augen zuhalten bringt also nur bedingt etwas: Der Soundtrack fährt durch Mark und Bein und hat mich mehr als einmal ordentlich zusammenschrecken lassen.

Deswegen wäre es zumindest im wörtlichen Sinn paradox, „The Endless“ als sehenswert zu bezeichnen. Menschen mit schwachen Nerven (so wie ich) sollten sich den Film zumindest mit beschützender Begleitung anschauen oder bereits im Bett liegen, um nicht den gefährlichen Weg vom Sofa ins Schlafzimmer (merke: Monster greifen nur den an, der sich durch ein Zimmer bewegt, nicht den, der es sicher ins Bett geschafft hat) bezwingen zu müssen.

TextMareike Schulz 
Fotos: Filmfest Oldenburg

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