„Im Kino gewesen. Geweint.“

– Was Independent-Kino bewirken kann  –

Lakonischer als Kafka in seinem Tagebucheintrag kann man die Wucht und Wirkung starker Filme nicht beschreiben. Dass die Länge dabei keine Rolle spielen muss, spürte OffBlogger Thorsten Bruns beim diesjährigen Kurzfilm-Gewinner „Free“ am eigenen Leib – und nahm das zum Anlass, einen persönlichen Blick auf die Kraft des Kinos zu werfen.

Die Filme haben eine große Bandbreite. Von emotional berührend bis emotional berührend. Nur ganz unterschiedlich“. Mit diesen Worten kündigte Festivalchef Torsten Neumann am Sonntagmittag die vier Kurzfilme der traditionellen „Sunday Shorts“ an. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie Recht er hatte – und dass ich mich fünfzig Minuten später wie einst Kafka fühlen sollte. Und das nicht – was vielleicht zu erwarten gewesen wäre – bei Sarah Silvermans bewegender Performance in „I Smile Back“, sondern beim Kurzfilm „Free“ des Niederländers Martijn de Jong.

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„Free“ erzählt von der Freundschaft zwischen dem lebenslänglich inhaftierten Kevin und der anfänglich zehnjährigen Mariska, die ihm im Rahmen eines Schulprojekts einen Brief schreibt. Diese ungewöhnliche Kombination überwindet viele Hindernisse: zunächst den Unwillen Kevins, später die fehlenden Begegnungen, schließlich den Altersunterschied. Diese Entwicklung steht für die Zuversicht, die sich aus Begegnungen und Beziehungen entwickeln kann. Der Kontakt zu Mariska hat für Kevin aber auch eine negative Seite: Die Freundschaft bricht seine emotionale Isolation. Seine Gefühle machen ihn verwundbar.

Die Rückkehr von Träumen und Wünschen, von Verlangen und Begehren, ist eine schmerzhafte Erinnerung an eine Freiheit, die niemals erreichbar sein wird.

Und dieser Schmerz ist für ihn zu groß, um ihn dauerhaft zu ertragen.

Während de Jong diese Geschichte erzählt, habe ich Tränen in den Augen. Nicht einmal, bei einer bestimmten Szene, sondern immer wieder. Ich bin regelrecht gefangengenommen (sic!) von den Bildern. Ich kann und ich will mich nicht wehren. Aber ich frage mich: Warum bewegt mich dieser Film so sehr? War es diese gleichzeitig wunderschöne und tragische Geschichte? Ist es die vorsichtige, sensible Inszenierung? Sind es die großartigen Leistungen von Mads Wittermans, Ysa Dekker, und Laurien Riha, die in manchen Blicken mehr Emotionen darstellen als manche andere in ihrer gesamten Karriere?

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Es fällt mir schwer, eine Antwort zu finden – da alles eine Rolle zu spielen scheint. Und vielleicht kommt noch etwas hinzu. Nämlich das Erzähl-Talent Martijn de Jongs. Er nimmt uns mit in dieses namenlose Gefängnis und lässt uns dabei sein, wenn Kevin hofft, zweifelt und leidet, wenn er sich öffnet und wieder verschließt – und er lässt uns nicht wieder los. Ich habe nicht nur beobachtet, was auf der Leinwand passierte. Ich habe emotional darauf reagiert. Und zwar nicht nur auf die Handlung bezogen, sondern darüber hinaus:

Ich war glücklich, frei zu sein!

Ich war froh, das tun zu können, was ich tun möchte – und dass ich Momente mit anderen Menschen teilen kann. Ich war überrascht, wie sehr mich dieses Gefühl packte. Aber ich musste feststellen: Einige Tränen flossen nicht wegen der Tragik. Es waren Freudentränen.

Dieser Film hat nicht weniger getan, als mich daran zu erinnern, welches Glück es ist, vrij/free/frei zu sein. Er hat aus dem Normalen und Alltäglichen etwas Wunderbares kreiert. Und er hat mich dadurch zu Tränen gerührt. Welches andere Medium – neben der Literatur – ist dazu in der Lage?

Ist das vielleicht die Aufgabe von Independent-Filmen? Unsere Wahrnehmung zu verändern, neu zu justieren, anders auszurichten? Uns neue Perspektiven und andere Ansichten zu bieten? Um im Ergebnis etwas vermeintlich Bekanntes oder bisher Übersehenes ganz neu oder überhaupt erst wahrzunehmen?

Pauschal kann man das nicht beantworten. Es gibt „große“ Filme, denen das ebenfalls gelingt – es gibt „kleine“, die daran scheitern (oder es gar nicht erst versuchen). Aber: Die Indies haben weit weniger Konventionen, Kompromisse und Kalkulationen – stattdessen spürbar mehr künstlerische Freiheit. Außerdem wird aus einer Not eine Tugend: Die begrenzten Budgets erfordern Kreativität, Energie und Emotionen. Dadurch entstehen Filme, die direkt sind, die uns nahe kommen, die uns durchrütteln und die uns bewegen.

Ist das immer schön? Macht das immer Spaß? Nein. Aber fordert es mich? Weckt es neue Gedanken? Bringt es mich weiter? Ja!

Das Internationale Filmfest tut das Gleiche mit Oldenburg. Es mag nicht immer für alle Spaß machen. Schließlich ist es kritisch, provokant und subversiv. Aber es fordert uns. Es weckt neue Gedanken. Und vor allem bringt es uns weiter. Denn dank des Filmfestes haben wir die Möglichkeit, intensive und inspirierende Filmperlen wie Martijn de Jongs „Free“ zu entdecken. Ein kleiner Film, der mich aus dem Nichts getroffen und mir die Kraft des Kinos vor Augen geführt hat. 50 Minutes that blew my mind. Thanks for that, Martijn de Jong!

Text: Thorsten Bruns
Foto: Oak Motion Pictures

2 Kommentare

  1. Schön geschrieben Herr Bruns! Ich hatte leider nicht die Chance, diesen Film zu sehen, doch das will ich. Jetzt und sofort!

    Danke für das schöne Wochenende

    • Hallo Achim, vielen Dank! Ich war mir nicht sicher, ob diese persönliche Ebene hier überhaupt hingehört. Umso mehr freue ich mich, wenn es jemandem gefällt! Ich hoffe, die Gelegenheit, „Vrij“ zu schauen, kommt noch! Es lohnt sich! : )

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