Kein Platz für Gedichte

– Ein hypnotischer Trip durch urbanes Ödland und mentale Konflikte im Stil des Film Noir –

Schon nach wenigen Sekunden ist klar: „Waste Land“ will mehr als munter unterhalten. Zu diesem Zeitpunkt stehen einige weiße Worte auf schwarzem Grund: „Anatomy of Love and Pain 3: Soul“. Nach „Left Bank“ (2008) und „Dirty Mind“ (2009) ist „Waste Land“ der dritte Teil einer Trilogie des belgischen Regisseurs Pieter Van Hees. Und wer Liebe, Schmerz und Seele in knappen 97 Minuten auch nur ansatzweise thematisieren will, hat sicher nicht vor, charmante Anekdötchen zu erzählen.

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Stichwort Waste Land: Irgendwelche Assoziationen? Ödnis und Tristesse vielleicht? Gefühlskälte, Vereinsamung, Monotonie? Gibt es reichlich. Optisch und akustisch, atmosphärisch und emotional. Ein „Waste Land“ ist offensichtlich keine reine Ortsangabe. Es ist eine Zustandsbeschreibung, universell anwendbar, auf Milieus und auf Menschen.

Einer dieser Menschen ist Leo Woeste (Jérémie Renier), ein Ermittler im Brüsseler Morddezernat. Jung, talentiert, traurig, desillusioniert. Kein akribischer Profiler, kein genialer Kombinierer, kein harter Cop. Eher jemand, der an seinem Alltag zu scheitern scheint.

Leos Job ist allgegenwärtig, selbst in intimen Familienszenen. Wie ein Virus infiziert er alle Bereiche des Lebens, ist immer da, geht niemals weg. Unausgesprochen bleibt zu diesem Zeitpunkt die Frage: Warum? Will er das so? Wenn ja, wieso? Wenn nein, warum lässt er es zu? Weder findet er Erfüllung, noch stemmt er sich dagegen. Leo selbst wählt simple Worte für seinen Beruf:

„We can’t all write poems.“

Doch auch das scheint nicht die ganze Wahrheit zu sein. Es geht hier nicht einfach nur um einen Mann, der seinen Job macht. Er ist nicht überzeugt, er ist getrieben. In seinen Augen ist ein allgegenwärtiger Zweifel. Oder ist es Unsicherheit? Skepsis?

Vielleicht ist es auch Schmerz. Dafür spricht ein zwanghaftes Ritual: Leo verletzt sich vorsätzlich mit einer Rasierklinge. Er bestraft sich. Für was? Erst nach und nach bekommt der Zuschauer eine Ahnung. Ein Hinweis findet sich bei seinem Vater, der – obwohl mittlerweile dement – die lebenslange Doktrin für seinen Sohn wiederholt:

„Don’t let yourself be pushed around.“

Dieses Mantra hat Leo verinnerlicht, doch es führt immer wieder zu Fehlentscheidungen. Die Wurzel zum Leo der Gegenwart ist der Leo der Vergangenheit. Dort liegt die Antwort auf alle Fragen, die seine Handlungen aufwerfen.

Waste Land 6Destabilisiert wird die fragile Balance durch die erneute Schwangerschaft seiner Frau Kathleen (Natali Broods). Als Leo darauf anstoßen will, offenbart sie ihm, dass sie das Kind nicht möchte. Mit dem Hinweis:

„You know how you can be, Leo.“

Wie genau? Auch das wissen wir noch nicht, doch wir ahnen es. Er willigt jedoch ein, den Job im Morddezernat aufzugeben, um endlich Ruhe zu finden. Nur einen Fall will er noch lösen.

Dieser Fall dreht sich um einen jungen Mann kongolesischer Abstammung, der ermordet im Hafenbecken gefunden wird. Recht schnell und simpel (Schritt 1: Schwester des Opfers befragen. Schritt 2: Letzte Anrufe checken) führt die Spur zum zwielichtigen Unternehmer Henri Géant (Jacques Delcuvellerie) – ein später Profiteur des belgischen Kolonialismus im Kongo und ein Anhänger okkulter Voodoo-Rituale. Leo ist fasziniert davon, taucht tief und immer tiefer darin ein. Das bereits strapazierte Band zu Kathleen reißt endgültig.

Nichts hält Leo mehr fest, er driftet immer weiter ab, verliert jeden Halt, wird zum „Lone Wolf“ in „Waste Land“. Das wahre Drama findet nicht in Brüssels Straßen statt – sondern in der Seele von Leo Woeste.

Pieter Van Hees inszeniert die Neo-Noir-Tristesse des Brüsseler „Waste Land“ ästhetisch und elegant, aber schnörkellos und unprätentiös. Das erzeugt eine Art roher Direktheit und eine atmosphärische Nähe zum Geschehen. Diese Form der Darstellung ist nicht zwangsläufig bequem und kommod, aber genau das ist gewollt und gekonnt. Auf dem „Festival de cinéma européen des Arcs“ wurde sie mit dem „Prix Cineuropa“ ausgezeichnet.

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Die langsame Dekonstruktion der seelischen Stabilität von Leo Woeste fesselt durchaus. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet das Spiel von Jérémie Renier, das zwar nicht facettenreich ist, dafür aber glaubhaft zerrissen wirkt. Der Wandlungsprozess des Protagonisten ist nicht immer auserzählt, der Zuschauer sieht nur Schlaglichter, Szenen, Momente. Dieses Stakkato wirkt mitunter sprunghaft, steht aber im Kontext zur charakterlichen Entwicklung, die sich ebenfalls nicht in eleganten Kurven vollzieht. Wenig berührend ist allerdings der Mordfall selbst. Er erzeugt kaum eigene Spannung, trotz Kolonialismus und Voodoo. So wird auch nicht ganz klar, wieso der Fall Leo so sehr fesselt – und wieso er dessen dramatischen Absturz einleitet.

Was das alles mit der Anatomie von Liebe und Schmerz zu tun hat?

So einiges. Schließlich bestimmen diese beiden Faktoren das Leben von Leo Woeste – in Form von Familie und Beruf. Letztlich gewinnt der Schmerz die Überhand – und kostet Leo die Seele. Was das bedeutet? Das sollte man sich besser selbst anschauen. Man wird danach nicht beglückt aus dem Kinosaal tänzeln. Aber es geht ja auch nicht um muntere Unterhaltung, nicht um charmante Anekdötchen – sondern um packendes Indie-Kino.

Text: Thorsten Bruns
Fotos: Epidemic-Division of CCCP


Screenings von „Waste Land“:
Fr., 18.9., 19.00 Uhr, cine k
Sa., 19.9., 23.45 Uhr, theater hof/19

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