Keine zweiten Chancen

– Filmkritik zu „Dixieland“ von Hank Bedford –

Hank Bedford erzählt in seinem Erstlingswerk „Dixieland“ (USA, 2015) die Geschichte von einer großen Liebe, dem Schicksal und schlechten Entscheidungen. Der gut gemeinte Versuch, Dokumentation und Fiktion zu vermischen, wirkt leider zu sehr gewollt und zu wenig gekonnt.

Eine schon oft verfilmte Story: Junges Paar mit großen Träumen scheitert an der Realität. In „Dixieland“ nimmt sich der Regisseur und Drehbuchautor Hank Bedford dieses Leitmotiv zum Vorbild und lokalisiert es in einem Trailerpark im ärmsten Staat der USA: Mississippi. Kermit (Chris Zylka) ist Mitte zwanzig, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Er ist ganz der Typ „harte Schale, weicher Kern“: nach außen groß, kräftig, tätowiert, im Herzen aber noch der kleine Junge, der sich von seiner Mutter (Faith Hill) abholen lässt und ihr aufrichtig sagt, wie sehr er sie liebt. Auf der Fahrt nach Hause freut er sich unbändig über all die Möglichkeiten, die ihm nun offen stehen. Seine Mutter ist bereit ihm zu verzeihen – unter einer Bedingung: Kermit darf nie wieder straffällig werden.

Wir zwei gegen den Rest der Welt

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Glücklicherweise findet Kermit schnell einen Grund dafür, nun ein ehrenhaftes Leben zu führen: Rachel (Riley Keough). Diese lebt mit ihrer krebskranken Mutter im benachbarten Trailer. Mit ihrem trockenen Humor und ihrer durchdringenden Schönheit schafft sie es innerhalb von Sekunden, Kermit zu verzaubern, und es ist schnell klar, dass diese beiden füreinander bestimmt sind.

Chris Zylka und Riley Keough, beide schon aus Filmen wie „The Amazing Spiderman“ und „The Runaways“ bekannt, verleihen dem Paar eine herzzerbrechende Unschuld und Verletzlichkeit.

Die Protagonisten verbinden mit ihrer Liebe Hoffnung und Träume und ihre gemeinsame Zeit scheint auf sie wie eine Ruhepause von der echten Welt zu wirken. Beide möchten zusammen der Endlosspirale, die sie gerade ihr Leben nennen, entfliehen.

Um die anfallenden Rechnungen für die Behandlung der Mutter bezahlen zu können, entscheidet sich Rachel dafür in einer Spelunke zu strippen. Kermit, der aus offensichtlichen Gründen nicht möchte, dass sie dort arbeitet, versucht ihr mit den Mitteln, die er kennt, aus der Patsche zu helfen und entscheidet sich ein letztes krummes Ding zu drehen.

Einschnitte

Leider ist nur die grandiose Schauspielleistung von Zylka und Keough das, was diesen Film wirklich sehenswert macht. Das Konstrukt hakt hinten und vorne, denn das Experiment der „Dokufiction“ misslingt Hank Bedford. Er versucht Interviews mit echten Drogendealern, Stripperinnen und am Leben gescheiterten Personen aus Mississippi in die fiktive Geschichte über Kermit und Rachel zu streuen. Jedoch wird somit nur das sich langsam aufbauende Mitgefühl für die Protagonisten und ihre bewegende Liebesgeschichte unterbrochen. Hank Bedford scheint versucht zu haben, mit den Doku-Elementen die Situation in den Armenvierteln der Südstaaten der USA klarer und verständlicher zu machen. „Mississippi is where I’m born and raised”, sagt ein stolz wirkender Mann ganz zu Beginn des Films. Jedoch wird in den weiteren Interview-Sequenzen deutlich, wohin ihn seine Erziehung gebracht hat: ins Gefängnis. Diese Geschichte ist aber genau das, was das Leben Kermits widerspiegelt. Einen realen Beweis dafür, dass diese Geschichte genauso gut im echten Leben stattfinden kann, braucht der Zuschauer nicht. Und wenn, dann nicht durch schlecht eingestreute Interviews, die so nur in einer klar als solche definierten Dokumentation über das Leben in den armen Gegenden des Südens sinnvoll wären.

Bunte Bilder, düsteres Leben

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Erschwerend hinzu kommt die verwirrende Montage und außerdem die Überdosis von Linsenreflektion bei der Kameraarbeit. Wenn diese vereinzelt auftauchen würde, könnte sie eine gewisse Leichtigkeit und Hoffnung beim Zuschauer erzeugen. Da Kameramann Tobias Datum oder der Regisseur aber anscheinend ein starkes Faible für solche Reflektionen haben, wird der Zuschauer ständig überflutet von blinkenden und funkelnden Bildpunkten, bei denen man sich als Zuschauer ständig die Frage danach stellt, was sie bezwecken sollen. Die vielen Einblendungen von eventuellen Erinnerungen Kermits und die Kameraperspektiven, die zu Halsverrenkungen verleiten, erzeugen da ebenfalls den gleichen Effekt.

Vorahnungen

Lässt man all diese groben Fehler beiseite und konzentriert sich allein auf die tragisch-schöne Geschichte von Kermit und Rachel, kann man als Zuschauer durchaus Filmgenuss erleben. Hier macht Bedford vieles wett und lässt die Geschichte in einem rasanten, fesselnden Tempo voranschreiten. Das Gefühl einer bösen Vorahnung baut sich immer mehr auf. Natürlich wird dieser letzte Coup Kermits fehlschlagen und die Geschichte wird für einen der beiden Liebenden nicht gut ausgehen. Doch was genau wird passieren? Wie gehen die beiden damit um? Wie sieht ihre Zukunft aus? All diese Fragen werden plötzlich aufgeworfen und ganz anders beantwortet als erwartet – denn nur eins ist ganz klar: In Dixieland gibt es keine zweiten Chancen.

Text: Ramona Walter
Bilder: Filmfest Oldenburg, indiewire.de


Screenings von „Dixieland“:
Fr., 18.9., 19 Uhr, Exerzierhalle
Sa., 19.9., 14.30 Uhr, JVA

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