„Man kann nicht nicht konstruieren“

 –  Regisseur Pasha Rafiy über „Foreign Affairs“ –

Einen Einblick in die Welt der Diplomaten gewährt Pasha Rafiy, ohne dabei in Michael-Moore-Manier mit dem Finger auf Politiker zu zeigen. Offbloggerin Phyllis Frieling erklärt er, warum er für „Foreign Affairs“ ausgerechnet Jean Asselborn begleiten wollte, wieso er auf Interviews und Musik verzichtet hat und was seine persönliche Philosophie beim Filmen wie beim Fotografieren ist.

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Pasha Rafiy, Regisseur von „Foreign Affairs“

Frage: Zu Beginn gleich eine sehr simple, aber wichtige Frage: Warum Asselborn?

Pasha Rafiy: Ich bin in Luxemburg aufgewachsen, im Iran geboren, und lebe in Wien. Obwohl ich schon lange nicht mehr in Luxemburg lebe, fand ich die Rolle in der Weltpolitik und diesen Gegensatz so spannend: Wahnsinnig klein zu sein und dann die große, weite Welt und die großen Probleme –

da hatte ich so einen Verdacht, dass es interessant sein könnte, aus dieser Perspektive die Welt-Diplomatie zu erzählen.

Wie bist du da drangekommen? Asselborn zu begleiten stell ich mir schwierig vor.

Pasha Rafiy: Ich bin in Luxemburg als Fotograf bekannt, das hier ist mein erster Film. Dort porträtiere ich Leute oft – ich wunder mich dann selber, aber die Leute machen mit. Mein Produzent hat den Kontakt hergestellt, dann haben wir das erste Mal geredet, ihm das Konzept erklärt, und dann ging’s eigentlich relativ schnell und glatt. Die Wege sind teilweise kurz. 

Was hast du ihm bei eurem ersten Treffen erzählt?

Pasha Rafiy: Ich hab ihm gesagt, dass es ein Film über seine Arbeit sein wird, also weniger Privatleben. Dass es ein Film ist ohne Interviews. Wir sind in der Beobachter-Rolle. Und dass es kein Film sein sollte, der mit dem Finger auf etwas zeigt.

Man kennt diese Art des Dokumentar-Films von Michael Moore. Ich habe ihm erklärt, dass unser Film eine andere Art Doku wird. Es liegt dann eher beim Zuschauer.

Ich wollte mich als Filmemacher da nicht reinknien und sagen „Das ist schlecht“ oder „Das ist ganz toll“, sondern diese Bewertung hauptsächlich beim Publikum lassen.

Wie hast du es geschafft, dass sie sich bei eingeschalteter Kamera nicht plötzlich anders verhalten?

Filmfest Oldenburg 2016

Am roten Teppich des Oldenburger Filmfest

Pasha Rafiy: Man darf nicht vergessen: Wo diese Leute sind, sind überall Kameras, immer. Die kennen das schon ziemlich gut. Und die Tatsache, dass unser Material nicht sofort, sondern ein, zwei Jahre später gesendet wird, hat sicher auch geholfen.

Also gab es keine Situation, in der du nicht filmen durftest?

Pasha Rafiy: Doch, gab es, aber nicht sehr oft. Tony Blair war jemand, der wurde ein bisschen böse, vor allem wegen dem Tongerät. Ton ist das Schlimmste! Wenn jemand einen O-Ton hat, kannst du das nicht mehr reparieren. Davor hatten die am meisten Angst. Aber grundsätzlich haben die uns echt ziemlich weit reingelassen. Die Tatsache, dass Jean Asselborn für uns gebürgt hat, hat die anderen sehr entspannt.

Wenn Asselborn für euch gebürgt hat, hat er dann auch zensiert?

Pasha Rafiy: Er hat dafür gebürgt, dass wir keinen Quatsch machen, aber er war null beteiligt. Das war auch eine Bedingung von mir gleich am Anfang des Films, im Bewusstsein, dass ich viel von ihm verlange. Es war aber total wichtig, dass er im Idealfall den Film erst sieht, wenn er fertig ist. Ich hab ihm gesagt „Wenn du drauf bestehst, dann kannst du ihn schon sehen, aber besser wäre es, wenn du das nicht machst.

Wenn du den Film siehst, willst du irgendwas umändern. Zu 100 Prozent. Und wenn du was änderst, haben wir ein Problem, dann kriegen wir eine Schieflage.“

Im eigenen Porträt darf man die Finger nicht mit im Spiel haben, finde ich. Und das habe ich ihm erklärt, da musste ich Vertrauen etablieren. Entweder ganz oder gar nicht. Und ich weiß, das ist hart, es ist viel verlangt. Der Minister hat’s gesehen, als es das Publikum gesehen hat, im Kino.

Gab’s von ihm schon eine Reaktion?

Pasha Rafiy: Ja, wir haben uns seitdem öfter gesehen. Wir haben am Tag nach der Premiere in Wien gesprochen. Und er hat gesagt, dass es für ihn ziemlich hart war, sich so zu sehen. Dass er sich nicht so kennt.

Was meint er damit?

Pasha Rafiy: Man muss ich das mal vorstellen:

Da begleitet einen jemand eineinhalb Jahre und schneidet daraus dann ein paar Minuten Film. Natürlich hat man ein anderes Selbstbild, das ist ja klar.

Er kennt nur die TV-Beiträgeüber sich, oder die Print-Beiträge. Er meinte, er konnte nicht schlafen in der Nacht. Seitdem hat er den Film oft gesehen, auch vor Publikum, und mag ihn sehr. Er steht auch dazu, auch wie wir ihn gemacht haben. Aber am Anfang hat’s ein bisschen an ihm geknabbert. Dass er teilweise so müde aussieht, solche Sachen. Und er wusste wohl nicht, dass er so hektisch ist.  

Du hast eben gesagt, du willst nicht das Gute oder Schlechte aufzeigen. Wofür hast du den Film dann gemacht?

Filmfest Oldenburg 2016

Jean Asselborn, Pasha Rafiy und Torsten Neumann

Pasha Rafiy: Ich will schon zeigen, was er macht, seine Arbeitsabläufe. Aber ich will die Bewertung nicht mitgeben.

Drum verzichte ich auf Interviews oder Musik, also quasi die Bewertung der Sache. Die überlasse ich lieber dem Publikum.

Ich fände es ein bisschen lächerlich, wenn ich jetzt in die große Diplomatie-Welt miteinsteige und dann sag „Das ist ganz doof, das geht gar nicht.“ Das ist nicht mein Stil. Ich wollt mich eher zurücknehmen und das formal erzählen. Die Reaktionen interessieren mich viel eher.

Schnitt und Szenenauswahl bestimmen die Aussage eines Films enorm. Wie bringst du das zusammen mit der Idee, nicht zu bewerten?

Pasha Rafiy: Natürlich, die Konstruktion liegt bei mir. Man kann nicht nicht konstruieren beim Filmemachen. Da gibt es Grauzonen. Natürlich habe ich Szenen, die meiner Meinung nach im Kino besser funktionieren, eher ausgewählt. Im Film ist zum Beispiel relativ wenig aus Brüssel zu sehen, wo er aber sehr viel ist. Nur fand ich die Bilder nicht so interessant.

Ich bin da eher nach ästhetischen Punkten gegangen, oder was interessant sein könnte, und hab den Film dann auch so geschnitten, dass er für das Publikum zu ertragen ist. Die Diplomaten-Welt ist keine sehr ästhetische Welt.

Es gibt Szenen, zum Beispiel die, in der Asselborn den Rasen mäht und plötzlich angerufen wird, da fragt man sich: Habt ihr Szenen gestellt oder nachgespielt?

Pasha Rafiy: Nachgestellt haben wir nichts. Aber wir wussten an dem Tag, dass der damalige österreichische Präsident Heinz Fischer anrufen wird. Wir wussten nicht, wann, aber wir wussten: Das wird passieren. Die Info hat er uns gegeben. Und dann hatten wir das Glück, dass es so schön ins Bild reingepasst hat.

Grundsätzlich ist beim Dokumentarfilm schon viel Glück dabei. Du musst die Kamera draufhalten und hoffen, dass es funktioniert.

Du kannst das meiste nicht kontrollieren. Hin und wieder hab ich ihm gesagt „Geh vielleicht jetzt lieber noch ein Stück nach links“, aber minimal. Inszeniert ist so gut wie nichts.

Gibt es eine Szene, die dir besonders gut gefällt?

Pasha Rafiy: Es gibt eine Szene, die streich ich oft raus, weil ich ja vorher meinte, ich habe in dem Film so gut wie nichts reininszeniert. Es gibt eine Ausnahme: Das sitzt er auf einem Hotelbett in Jerusalem. Die Szene ist auch nicht zur Gänze inszeniert, aber da hatte ich eine Vorlage im Kopf, eine Fotografie von William Eggleston. Und ich habe mir gewünscht, dass wir mal so ein Bild schießen können. Dieser Drehtag war einer der allerletzten, und da ist es mir gelungen. Es sieht total anders aus, aber da hatte ich quasi eine Schablone. Ich mag diese Szene sehr gerne, wo er einfach nur auf dem Bett sitzt, und atmet. Und nichts passiert.

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Eine von Rafiys Lieblingsszenen aus „Foreign Affairs“: Jean Asselborn sitzt einfach auf seinem Bett, atmet, und tut – nichts.

Das ist wie das bewegte Bild, das wieder zum Stillstand kommt.

Wie war es für dich mit bewegten Bildern zu arbeiten?

Pasha Rafiy: Das ist ein Riesenunterschied. Was mir am Anfang ein bisschen zu schaffen gemacht hat: Als Fotograf arbeite ich ganz alleine. Ich und eine alte Kamera, und das war’s. Und dadurch entsteht eine Intimität, die wichtig ist. Beim Film waren es ein Kameramann, ein Tonmann und ich – da sind wir schon zu dritt. Dann ist die Kamera so viel größer, und das Tongerät ist auch sehr auffällig. Und da hab ich mich gefragt „Wie soll das jetzt eigentlich klappen?

Ob die Intimität, die ich so gern schaffen will, nicht durch diese Produktionsbedingungen verloren geht.

Aber dann hab ich gemerkt, dass auch das nach einer Zeit in den Hintergrund rückt. Es dauert ein bisschen länger, aber auch da wird die Kamera irgendwie vergessen, mit der Zeit.

War es für dich schwierig, die Kontrolle über die Bildauswahl abzugeben? Beim Film hast du ja nicht selber durch den Sucher gesehen, wie vorher bei deiner Kamera.

Pasha Rafiy: Ich hab mit meinem Kameramann großes Glück gehabt. Wir haben über die Bildsprache natürlich viel diskutiert, bevor wir angefangen haben zu drehen, und auch viele Beispiele aus der Filmgeschichte angeschaut. Wie ich es am liebsten hätte, im Idealfall. Und natürlich habe ich in vielen Situationen so wenig Kontrolle, dass ich dem Kameramann vertrauen muss, dass er jetzt diese eine Minute einfängt, so wie ich es haben will. Aber das haben wir im Vorfeld besprochen, und ich hab ihm dann vertraut.

Du hast über eineinhalb Jahre gefilmt – wie sortiert man das ganze Material aus?

Pasha Rafiy: Es war gar nicht so viel Material. Eben weil ich aus der Fotografie komme und analog fotografiere, bin ich es gewohnt, sehr wenig Material zu schießen. Ich mag es nicht, erst alles abzulichten und dann die Arbeit nach hinten zu verlagern. Viele machen tausende Fotos und dann sitzen sie fünf Tage vorm Computer und sortieren aus. Ich weiß das gehört dazu, und es ist auch wichtig, aber ich verlagere die Arbeit lieber in den Moment, in dem man schießt. Es waren insgesamt 33 Drehtage und ich glaube nur 60 Stunden Material. Aber ich war relativ selbstbewusst und wollt nicht unendlich Material anhäufen. Das ist so eine philosophische Frage.

Ich hab irgendwie die Angst, wenn ich unendlich Material hab, dann finde ich die Szenen nicht mehr, die guten, die eine Szene. Die geht verloren.

Die Angst habe ich bei der Fotografie ganz stark, drum fotografier ich auch immer noch analog. Ich befürchte, wenn ich anfange, tausendmal zu knipsen, dass ich das Bild niemals finden werde, das ich haben möchte. Aus dieser Angst heraus war ich auch beim Film super sparsam und hab dem Kameramann oft Zeichen gegeben: „Brauchst jetzt nicht filmen.“ Einfach mal schauen, ob was kommt.

Wie machst du es dann, dass ihr den Anfang nicht verpasst?

Pasha Rafiy: Timing. Es sind ja immer wahnsinnig viele Leute um diese Politiker herum. Oft spürt man, wenn’s gleich los geht. Dann hält einer von der Security den Finger ans Ohr und sagt was, manchmal hörst du auch eine Zeitangabe „Two minutes!“, oder der Fahrer kriegt eine Nachricht – mit der Zeit spürt man das. Und dann fängst du an zu drehen. Das sind Sachen, die wussten wir vorher auch nicht, die kommen dann mit der Zeit. Man findet sich irgendwann ganz gut zurecht und man weiß „Okay, jetzt geht’s los.“

Wie waren die Reaktionen der Zuschauer, auch im internationalen Vergleich?

Pasha Rafiy: Die ersten Reaktionen in Luxemburg waren sehr positiv, da war ich echt erleichtert. Meine Ängste waren, dass viele meine Film langweilig finden, weil meine Bildsprache so streng ist und weil ich auf Musik verzichte. Die Leute haben aber ganz anders drauf reagiert.

Sie haben wahnsinnig laut gelacht und diese Komik war mir nicht so bewusst. Ich wusste, dass ich lustige Momente drin hab, aber das hat teilweise gewirkt wie eine Komödie.

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Jean Asselborn wird in „Foreign Affairs“ porträtiert.

Und da dachte ich „Ok, das muss was luxemburgisches sein.“ Jetzt war ich auf ein paar Festivals und das scheint dann doch universeller zu sein. Die Leute reagieren auf ihn eigentlich überall gleich: Sie finden ihn irgendwie lustig mit seinem Schnurrbart und seiner Frisur und wie er redet. Dass er mit Menschen ganz gut kann, das spürt man auch, und das mögen Leute, auch international.

 Wie findest du es in Oldenburg?

Pasha Rafiy: Ich find’s sehr angenehm und cool, dass alle Fahrrad fahren. Das ist super sympathisch! Wir wurden hier ganz toll empfangen, vom Festivaldirektor und auch von den Mitarbeitern. Mein Produzent konnte leider nicht hier sein, aber ich hab ihm ständig geschrieben, wie cool es hier ist und dass wir unbedingt wieder herkommen, wenn wieder was am Start ist. Ich bin ein bisschen durch die Stadt spaziert, und man spürt das Festival in der Stadt, man spürt, dass es für die Leute ist, das Publikum. Auch wenn jetzt dieser Nic Cage Wahnsinn war.

Davon abgesehen habe ich das Gefühl, dass die Stadt stolz ist auf dieses Festival. Und wenn man so was spürt, ist das schon viel wert.

Andere Festivals wie die Berlinale funktionieren auf einem anderen Level: Da geht es mehr um Stars. Und das hat auch eine Legitimation. Aber ich mag diese Publikum-Festivals mehr.

 

Das Interview führte Phyllis Frieling.

Fotos: Filmfest Oldenburg

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