Nicht zu fassen

– Für den „Spiegel“ ist Nicolas Cage der „beste schlechte Schauspieler der Welt“. Wie schätzt Offblogger ihn ein? Der Versuch einer Antwort –

Wirklich? Noch ein Text über Nicolas Cage? Ein Mann, der in Oldenburg seit Tagen in aller Munde ist. Ein Mann, den sowieso jeder kennt, der in den letzten dreißig Jahren irgendwann mal im Kino war.

Ja. Noch ein Text über Nicolas Cage. Denn erstens ist es tatsächlich spektakulär, dass jemand wie er das 23. Internationale Filmfest Oldenburg besucht; unabhängig davon, an welchem Punkt seiner Karriere er sich befindet. Und zweitens ist Cage ein hoch interessanter Charakter, der letztlich nicht zu fassen ist, egal wie viel man über ihn schreibt.

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Blick in eine wechselhafte Zukunft: Nicolas Cage in „Face/Off“, 1997.

Damit ist übrigens ausdrücklich nicht der Privatmensch gemeint. Hier soll nicht die Rede sein von Immobilienspekulationen mit Schlössern und Inseln, von Dinosaurier-Schädeln für 300.000 Dollar, von drei gescheiterten Ehen, vom Titel „Weltbürger des Jahres 2009“ der Vereinten Nationen oder von den vielen Memes und Hoaxes, die vor allem die letzten Jahre seiner Karriere begleiteten. Hier geht es nur um den Schauspieler – und die Phasen seiner Karriere.

Phase I: Fuß fassen

Dass aus Nicolas Kim Coppola Anfang der Achtziger ausgerechnet ein Schauspieler geworden ist, ist keine große Überraschung. Was wird man sonst, wenn man der Neffe von Francis Ford Coppola ist, der in den Jahren zuvor für „Der Pate“ den Oscar bekommen hatte und für „Apocalpyse Now“ nominiert war?

Cage in "Wild at Heart"

Klassisches Roadmovie und Kultfilm: Cage in David Lynchs „Wild at Heart“, 1990.

Kritiker behaupten, diese persönliche Beziehung sei der wichtigste Grund gewesen, warum Cage überhaupt den Schritt ins Business geschafft hat. Talent sei weniger ausschlaggebend gewesen. Der Vorwurf ist allerdings gewagt. Denn erstens legte er seinen berühmten Geburtsnamen früh ab, um eben nicht begünstigt zu werden. Und zweitens sollten zahlreiche Kollaborationen folgen, die ohne ein gewisses Talent unrealistisch wären: Cage arbeitete u.a. mit den Coen Brothers („Arizona Junior“), David Lynch („Wild at Heart“), Ridley Scott („Tricks“), Martin Scorcese („Bringing out the Dead“) und Oliver Stone („World Trade Center“). Es gibt Filmographien mit weniger bekannten Namen.

Die ersten Jahre seiner Karriere waren geprägt von einem starken Kontrast. Einerseits verstand sich Cage als Punk Rocker, als Rebell, und wollte diesen Spirit mit ins Film Business nehmen.

Deshalb liebte er Extremcharaktere, darstellerische Gewaltakte und das Exzessiv-Selbstzerstörerische, deshalb liebte er auch die Freiheiten in unabhängigen Produktionen.

Andererseits nutzte Cage als junger Schauspieler seine Chancen, auch wenn sie im Widerspruch zum eigenen Credo standen. Über den erfolgreichen – aber seichten – Streifen „Mondsüchtig“ aus dem Jahr 1987 sagte er rückblickend: „I wanted to make Vampire’s Kiss, because I was still trying to live my punk rock dreams. I did not want to be in a big splashy romantic comedy with Cher.“

Künstlerisch waren solche Filme also inkonsequent. Zumal Cage eine klare Vorstellungen von der Schauspielerei hatte:

„I think what makes people fascinating is conflict, it’s drama, it’s the human condition. Nobody wants to watch perfection.

Trotzdem nutze er die kommerziellen Sprungbretter, um sich einen Namen zu machen. Was letztlich hervorragend funktionierte.

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Extrem kann er: Für „Leaving Las Vegas“ erhielt Cage 1996 den Oscar.

Einige Jahre oszillierte Cage zwischen Independent-Kino und großen Produktionen. Dann kam der Film der alles änderte: „Leaving Las Vegas“. Für die Darstellung des alkoholabhängigen Drehbuchautors Ben Sanderson erhielt er sowohl den Golden Globe als auch den Oscar. Kritiker-Ikone Roger Ebert nannte „Leaving Las Vegas“ nicht nur den besten Film des Jahres 1995, sondern zählte ihn zudem zu den besten zehn des gesamten Jahrzehnts. Für Nicolas Cage war er vor allem eins: die Eintrittskarte in den den VIP-Bereich Hollywoods.

Phase II: Kasse machen

Den Popularitäts-Schub durch den Oscar nutze Cage, um Kasse zu machen. Dieses Ziel führt in Hollywood direkt zu Produzenten wie Jerry Bruckheimer. Seine Filme folgen einem simplen Prinzip: Von allem zu viel. Zu viel Bombast, zu viel Kitsch, zu viel Pathos, zu viele Effekte. Erfolgreich sind sie trotzdem – oder gerade deswegen.

Nicolas Cage fand sich schnell zurecht. Zusammen mit Bruckheimer und weiteren Partnern entstand ein Blockbuster nach dem anderen: „The Rock“, „Con Air“, „Face/Off“, „Spiel auf Zeit“, „8mm“, „Nur noch 60 Sekunden“ – jeder Film eine Mischung aus Tempo, Krach, Stunts und Explosionen, jeder Film ein Hit. Der Name Cage war eine Garantie für fette Profite.

Zusammen mit John Travolta in "Face/Off"

Noch ein „guter schlechter Schauspieler“: Cage mit John Travolta in „Face/Off“, 1997

Für ihn selbst zahlte sich das ebenfalls aus. Laut Forbes Magazine zählte er zu dieser Zeit zu den bestverdienenden Schauspielern Hollywoods – mit etwa 38 Millionen Dollar pro Jahr.

Er war auf Augenhöhe mit Brad Pitt, Richard Gere und George Clooney. Hollywoods Champions League. Und das – bei allem Respekt – ohne Aussicht darauf, irgendwann einmal der „Sexiest Man Alive“ zu sein.

Dieser „Bruckheimer-Cage“ ist großen Teilen des Publikums besonders in Erinnerung geblieben. Weil er in diesen Jahren eine dominante Figur in den Kinos war. Die ambitionierte Frühphase geriet darüber bei vielen in Vergessenheit.

Phase III:  Irrlichtern

Irgendwann schien Cage aber genug zu haben von Spezialeffekten und Explosionen. Er gönnte sich wieder größere Vielfalt bei seiner Rollenauswahl. In den „Nuller-Jahren“ bietet seine Filmographie eine bunte Mischung aus Flops, Durchschnitt und Erfolgen. Zu letzteren zählen zum Beispiel „Adaptation“, „Tricks“, „Lord of War“, und „Bad Lieutenant“. Auch hier war Cage Gallionsfigur und Erfolgsgarant. Dabei ragt vor allem „Adaptation“ heraus, in dem Cage in einer Doppelrolle brilliert, die ihm eine weitere Oscar-Nominierung einbrachte.

No Merchandising. Editorial Use Only. No Book Cover Usage Mandatory Credit: Photo by c.Columbia/Everett / Rex Features (407919b) 'Adaptation', Nicolas Cage, Meryl Streep - 2002 'Adaptation' Film - 2002

Ansprechen: ja oder nein? Nicolas Cage mit Meryl Streep in „Adaptation“, 2002.

Allerdings setzte in dieser Phase ein Trend ein, der sich in den folgenden Jahren fortsetzen und verstärken sollte: Die Erfolge wurden kleiner – und seltener. Die Budgets und Box Office Ergebnisse bewegten sich stetig abwärts. Schließlich hieß es: Direct-to-DVD statt Blockbuster,  Goldene Himbeeren statt Oscars.

Man muss es so deutlich sagen; Cage drehte einige richtig schlechte Filme. Handlung, Charaktere, Schauspiel, Handwerk – irgendwo hakte es immer, manchmal überall.

Als neutraler Beobachter kann man bei manchen Rollen kaum fassen, dass sich Cage bewusst dafür entschied. Eines aber kann man ihm nicht vorwerfen: Fehlendes Engagement. So übel ein Streifen auch ist – Cage liefert ab. Lieber zu viel als zu wenig, lieber over-the-top als fein und dezent. „I invite the entire spectrum, shall we call it, of feeling. Because that is my greatest resource as a film actor. I need to be able to feel everything, which is why I refuse to go on any kind of medication.“

Seine Arbeit hat etwas Manisches. Cage wirkt wie ein Getriebener. Wie jemand, der immer etwas tun muss, weil er das Nichtstun nicht aushält. Und wenn gerade nur schlechte Drehbücher vorliegen, dann nimmt er zu Not auch die – vielleicht in der Hoffnung, durch sein Spiel alles retten zu können. Was erklären würde, dass er so oft überzeichnet, überakzentuiert, überdramatisiert.

Mandatory credit: TM & copyright 20th Century Fox. No Merchandising. Editorial Use Only. No Book Cover Usage. No Book or TV usage without prior permission from Rex Mandatory Credit: Photo by c.20thC.Fox/Everett / Rex Features (403520b) NICOLAS CAGE IN 'RAISING ARIZONA' - 1987 NICOLAS CAGE

Lieblingsfilm von Steven Spielberg: „Raising Arizona“, 1987.

Cage selbst kann die Kritik nicht nachvollziehen: “Film acting is one of the only industries where you’re criticized for working hard. In any other industry, it’s considered a quality and something to behold.

Was sich aus seiner Bilanz aber ebenfalls herauslesen lässt: Cage traut sich was. Er ist mutig was die Wahl der Rollen angeht. Außerdem bleibt er erfrischend unvorhersehbar. Viele Schauspieler haben im Laufe Ihrer Karriere Marken kreiert. Man weiß, was man bekommt. Cage hat das nicht getan. Er hat immer wieder überrascht, positiv wie negativ.

Kritiker-Legende Ebert war deswegen voll des Lobes über Cage und hielt ihn für einen herausragenden Schauspieler. Nicht nur im Vergleich zu seinen Zeitgenossen, wohlgemerkt, sondern über die ganze Filmgeschichte hinweg,

An den Kinokassen spiegelte sich das aber irgendwann nicht mehr wider – sofern die Filme überhaupt in die Nähe von Kinokassen kamen. Vielleicht war Nicolas Cage einfach zu sehr Nicolas Cage, gefangen im eigenen Stereotyp. Das Publikum war seiner Erscheinung, seiner Art des Spielens irgendwann überdrüssig. Beinahe zwangsläufig.

Phase IV: Zurückkehren

Was also tun mit Nicolas Cage? Abhaken, weil seine großen Zeiten hinter ihm liegen? Das wäre voreilig. Cage ist und bleibt ein Schauspieler, der seinen eigenen Weg geht. Der gelegentlich absoluten Trash dreht, um seine Hyperaktivität in irgendwelche Bahnen zu lenken. Der immer wieder aber auch starke Filme produziert, in denen er seine Qualitäten als Schauspieler unter Beweis stellt.

Verschiedene Kritiker haben inzwischen das Ende des zeitweise obligatorischen Cage-Bashing ausgerufen. Die LA Times forderte kürzlich sogar eine „Nicolas Cage Renaissance“.

Nicht aus Mitleid, sondern aus guten Gründen: In den letzten Monaten erschienen Filme mit seiner Beteiligung, die zumindest ein wenig an die alten Zeiten erinnern: höhere Budgets, berühmtere Co-Stars, größere Leinwände. Zum Beispiel: „The Frozen Game“ mit John Cusack, „The Trust“ mit Elijah Wood. Demnächst folgen „Snowden“ von Oliver Stone und „Dog Eat Dog“ von Paul Schrader. Nichts Revolutionäres, keine Rückkehr zum Superstardom. Aber: Auch kein Trash.

Nicolas Cage ist also nicht auf Abschiedstournee über die Filmfestivals der Welt. Er steht vielleicht gerade vor einer weiteren Wende seine Karriere. Und die vierte Phase könnte durchaus interessant werden – weil unabhängige Produktionen dabei eine wichtige Rolle spielen dürften. In denen war Cage immer am besten – und am schlechtesten.

Vampire's Kiss

Punk Rock Dreams: Cage in „Vampire’s Kiss“, 1988.

Zugegeben: Cage’s Indie-DNA war am stärksten in den Achtzigern und frühen Neunzigern erkennbar. Für seine Rollen in „Vampire’s Kiss“ und „Leaving Las Vegas“ erhielt er 1990 bzw. 1996 den Independent Spirit Award. Das ist lange her. Die entsprechende Attitüde ist aber der rote Faden in seiner Karriere. Auch später flackerte sie immer wieder auf – zum Beispiel in der Wahl seiner Rollen und Filme. Und es spricht einiges dafür, dass mancher dieser Filme Cage’s Art war, allen Kritikern ganz herzlich „F**k you!“ zu sagen. Mehr Indie- und Punk Rock-Spirit geht fast nicht.

Deswegen ist Nicolas Cage beim Internationalen Filmfest kein Gimmick und kein Marketing Gag. Und deswegen darf es noch ein Text über ihn sein. Über einen Mann, von dem man zwar alles zu wissen glaubt – der aber immer wieder überrascht, weil er einfach nicht zu fassen ist. Eben: der „beste schlechte Schauspieler der Welt“.

Autor: Thorsten Bruns

Fotos: (1) – (4): Filmfest Oldenburg; (5) Columbia; (6) Circle Film; (7) Magellan

 

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