Nur ein toter Mann ist ein guter Mann

Zwischen Geschlechterklischees und Rache bleibt nicht viel

Von den Kritikern gefeiert als feministischer Rache-Western war die Vorfreude bei unseren OffBloggern Simon Junklewitz und Phyllis Frieling entsprechend gr0ß: „Marlina – The Murderer in Four Acts“ hatte hohe Erwartungen zu erfüllen. Zurück blieb aber vor allem Verständnislosigkeit angesichts flach bleibender Charaktere.

Die indonesische Witwe Marlina (Marsha Timothy) wird in ihrem abgelegenen Haus von einer Bande überfallen. Neben einem Raub kündigt sie ihre Vergewaltigungen an – was Marlina mit resignierter Erkenntnis anhört. Als Opfer stilisiert tötet sie dennoch fünf der sieben Mitglieder, inklusive Anführer Markus. Und begibt sich mit dem abgetrennten Kopf unterm Arm auf den Weg in die Stadt.

Erster Eindruck?

„Nur ein toter Mann ist ein guter Mann.“ vs. „Western ist keine Kunstform.“

Zugegeben, „Marlina“ hat uns erst einmal verwirrt zurückgelassen. Westernmusik mitten in Indonesien, eine klischeehaft sexistische Opfer-Täter-Zuteilung gepaart mit surrealem Witz. Allein die Szene, in der Marlina mit Markus’ deutlich sichtbarem Kopf am Straßenrand nonchalant auf eine Mitfahrgelegenheit wartet, während eine hochschwangere Bekannte ihr – und dem Kopf – immer wieder verwirrte Blicke zuwirft, sorgte für Irritationen. Aber eben auch für einen gewissen Witz.

Mein erster Gedanke war: Western ist keine Kunstform. Ich war zum einen verblüfft, wie einfach die Geschichte erzählt worden ist, und zum anderen sehr gelangweilt von ewiglangen nichtssagenden Einstellungen.
Die Dialoge waren an Schlichtheit und Entfremdung zur eigentlichen Handlung so weit fortgeschritten, dass ich stellenweise nur noch verwirrt lachen konnte. Das indonesisch-spanische Kauderwelsch tat sein Übriges. Dabei verstörte ich mich mehr selbst, als dass es der Film vermochte: Zur Euphorie kam die Angst, von einer plötzlichen Gewaltszene wieder auf den harten Boden der Ernüchterung geschmettert zu werden, ein echtes Chaos. 

Trotz allem schafft es „Marlina“ aber gerade mit diesen ewiglangen Einstellungen, eine Atmosphäre der Isolation zu schaffen. Während die Witwe die angedrohte Vergewaltigung scheinbar aushält und sogar akzeptiert, da sie ohnehin allein ist, plant sie ihre Rache – ein dichotomes Wechselspiel aus der stereotypisch als weiblich angesehen Methode, ihre Opfer zu vergiften, und der aggressiven, also klischeehaft eher männlichen Methode der Enthauptung. Die filmisch erstklassige Umsetzung ihrer ersten Morde lässt auf eine berechnende Protagonistin hoffen – bei der Hoffnung bleibt es allerdings. Marlina wirkt immer abgestumpfter. Durchaus passend, aber auch anstrengend.

Fazit
Feminismus – welcher Feminismus? Wenn eindimensionale, stereotype und verteufelnde Männerbilder Teil des Feminismus sein sollen, dann wollen wir seit „Marlina“ keine Feminist*innen (mehr) sein. Es gibt keinen einzigen Mann in diesem Film, der nicht das Böse verkörpert, während es Marlina und ihre Bekannte nicht aus der Opferrolle heraus schaffen. Denn obwohl Marlina ihre Peiniger tötet, haben sie und andere Männer doch so viel Kontrolle über sie, dass man sich ernsthaft fragt, was dieser Film eigentlich aussagen möchte. Hängengeblieben ist bei uns vor allem eines: Hilfe braucht man von Männern nicht zu erwarten, auch wenn man aktiv nach ihr fragt. Was eine herbe Kritik am Umgang mit (sexueller) Gewalt gegen Frauen hätte werden können, entwickelte sich zu einem pseudo-feministischen Rundumschlag gegen die Männer dieser Welt. Und offenbar gilt: Nur ein toter Mann ist ein guter Mann.

Text: Simon Junklewitz und Phyllis Frieling
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Marlina – The Murderer in Four Acts“:
Do., 14.9., 16.30 Uhr, theater hof/19
So., 17.9., 19 Uhr, theater hof/19

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