Ready, Set … Go!

– Ein launiger Blick auf die Aufwärmphase des Filmfests – 

Einfache Frage: Wann startet das Filmfest? Klare Antwort: Am 16. September! Oder doch nicht? Was den offiziellen Beginn angeht, ist das Datum zwar korrekt. Allerdings gibt es in den Wochen zuvor ein feines Aufwärmprogramm.

IMAG2149Die Plakate zum Vorprogramm müssen eigentlich jedem halbwegs Filminteressierten aufgefallen sein. Sie zeigen zwei ikonische Szenen der Filmgeschichte: Cary Grant alias Roger O. Thornhill alias George Kaplan auf einer Landstraße auf der Flucht vor einem Sprühflugzeug – in Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“. Und Jack Nicholson alias Jack Torrance mit irrem Grinsen, der just mit der Axt die Tür zum Bad zertrümmert hat und Ähnliches seiner Frau und seinem Sohn angedeihen lassen möchte – in Kubricks „The Shining“.

Der Bekanntheitsgrad dieser Szenen dürfte irgendwo zwischen Volkswagen und Coca Cola liegen. Aber gilt das eigentlich auch für die dazugehörigen Filme? Und reicht das aus, um den Laden voll zu machen? Immerhin haben die Streifen 56 bzw. 35 Jahre auf dem Buckel. Wir haben uns das mal angeschaut.

Kalender1Mittwoch, 26. August: Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“

Morgens um halb elf hat der Termin bei Facebook 24 definitive Zusagen und neun „Vielleicht“-Angaben. So sieht Euphorie in Oldenburg aus: dezent. Muss aber nichts heißen, wie wir alle wissen. Zusagen bei Facebook sind der größtmögliche Indikator für den tatsächlichen Besuch eines Events. Und wer weiß, vielleicht spricht sich der Clou noch rum: Wer sich – angelehnt an den Film – als seine zweite Persönlichkeit verkleidet, bekommt einen Cocktail gratis.

Und? Wie sieht es aus, um 21.30 Uhr im Seelig?

Kleines Ratespiel:

(A)  brechend voll und alle sind als Hitchcock verkleidet

(B)  gut gefüllt, aber alle sind nur auf einen After-Work-Gin-Tonic da und fragen sich, was die Leinwand da soll

(C)  gähnend leer, Filmfest geht ja erst im September los, außerdem kommt heute irgendwas im Fernsehen

Die Antwort ist … eine Mischung aus allem. Es gibt keine Hitchcock-Verkleidung, die Alter Egos der Gäste stammen aus der lokalen Fauna: Katzen und Frösche. Dafür zählen wir ziemlich genau 24 plus neun Leute und sind einigermaßen erstaunt ob dieser Prädiktions-Präzision. Unter den Gästen befindet sich Thomas, einer der immerwachen Filmfest-Teamster. Zufrieden mit der Resonanz?

„Das ist schon in Ordnung für einen ersten Aufschlag. Es kann nicht immer so voll sein wie bei Fight Club letztes Jahr. Der hat ja auch einen ganz anderen Kult. Wenn wir was aus den 1950er Jahren zeigen, rechnen wir automatisch mit etwas weniger Resonanz.“

Den Laden möglichst voll zu kriegen, ist also nicht das Ziel. Dann würde man eventuell eine andere Filmauswahl treffen – enger an der Erinnerung und am Geschmack der Masse ausgerichtet. Vielmehr geht es darum, im Kontext zu bleiben. Etwas, das nicht einfach nur „zieht“ – sondern etwas, das einen tieferen Sinn ergibt. Welchen genau? Das wird am Ende verraten. #cliffhanger

DSC_0226Trotzdem: der Film hätte (noch) mehr Publikum verdient. Nicht weil er uneingeschränkt grandios wäre. Aus heutiger Sicht wirkt vieles anachronistisch, plump, holzschnittartig (Sorry, Alfred!). Die Geschichte aber und die langsame Vermischung von Thornhills und Kaplans Identitäten sind auch heute noch sehenswert. Und selbst wenn man das anders empfindet und sich auch nicht verkleiden mag: Es gibt zwei Cocktails zum Preis von einem. Und Stubenhocken geht auch donnerstags.

Kalender2Mittwoch, 2. September: Stephen Kings „The Shining“

Eine Woche später, gefühlte 70 Grad kälter. Angedrohte Zusagen dieses Mal: 35. Klingt wenig, wären aber ca. 50 Prozent mehr als beim letzten Mal. Tatsächlich ist es deutlich voller: Um die 60 Leute sind da. Ein irrer Jack Nicholson beeindruckt offenbar mehr als ein verwirrter Cary Grant. Mehr „Heeeeeere’s Johnny“ als „Who is George Kaplan?“.

IMAG2159Der Film wirkt auch ganz anders als der unsichtbare Dritte. Schon deutlich moderner, was Szenen, Perspektiven und Akustik angeht. Das Gleiche gilt für die Schauspieler, die weit weniger „theatralisch“ agieren und dadurch wesentlich authentischer sind. Interessant: Nicholsons legendäre Performance kreiert im Jahr 2015 zahlreiche spontane Lacher. Das war höchstwahrscheinlich weder von ihm, noch von Kubrick beabsichtigt – es schadet dem Seherlebnis aber nicht. Es verleiht ihm eine weitere Dimension. Im Zeitalter der allgegenwärtigen Ironie und der popkulturellen Referenzen betrachtet man ja eigentlich alles auf verschiedenen Ebenen. Im heimischen Wohnzimmer verarbeitet man seine genialistischen Gedanken auf dem Second Screen. Hier im Seelig lässt man einfach seine Gefühle raus. Dafür gibt’s keine Likes und keine Retweets – Spaß macht es trotzdem (oder gerade deswegen).

Angenehmerweise läuft „The Shining“ – anders als „Der unsichtbare Dritte“ – als OmU. Ein herzlicher Dank für die Bonus-Unterhaltung geht dabei an die Verfasser der Untertitel. So tappte das verantwortliche Studio tatsächlich in die „Murder“-Falle und übersetzte den Begriff mit Mörder anstatt mit Mord. Die Krönung sollte aber noch folgen: In einer Szene übersetzte man Nicholsons dahingeflegeltes “Son of a Bitch“ mit dem possierlichen „Dreckspatz“. Charmant!

Halten wir uns lieber an das Original und genießen Dialog-Perlen wie das fiktive Gespräch zwischen Jack und seinem Hausmeister-Vorgänger: „I know you! You are Charles Grady. You have chopped your wife and kids in tiny little pieces. And then you shot yourself in the head.“ – „Strange. I have no recollection of that.”

Und was war nun dieser „tiefere Sinn“? Das verbindende Element der beiden Filme war die zweite Persönlichkeit, die wir – bewusst oder unbewusst – in uns tragen. Die so völlig anders ist als dasjenige Ich, das wir uns zu sein angewöhnt haben. Und zu dem wir vielleicht noch öfter stehen sollten? Festivalleiter Torsten Neumann plädiert jedenfalls für Vielfalt:

„Wer will denn schon mit einer einzigen Persönlichkeit durchs Leben gehen?“

Da ist was dran. Wobei das Alter Ego besser kein George Kaplan und schon gar kein Jack Torrance sein sollte…

Kalender3Montag, 7. September: Die OLB-Preview

Die Preview in der OLB ist der gute alte Bekannte unter den Vorprogrammpunkten – mit dem druckfrischen Programmheft, mit ausgewählten Trailern und mit einer Atmosphäre zwischen Entspannung und Vorfreude. Und nicht zu vergessen: mit einem Torsten Neumann, der „eigentlich nicht viel sagen will“ und  nach dem zweiten Satz „bestimmt gleich aufhören“ will – der dann aber doch noch jede Menge „unbedingt erzählen muss“. Für Rhetorik-Fans immer wieder ein Schmankerl.

Montags um 18.00 Uhr – das ist kein allzu schräger Termin, aber letztlich doch ambitioniert für alle Menschen, die entweder viel arbeiten oder viel feiern. Für beide Gattungen ist der Montagabend aus unterschiedlichen Gründen ein heiliges Reservat der Ruhe und Erholung. Trotzdem ist es immer voll: Kein Stuhl bleibt unbesetzt, einige stehen. Wer hier ist, schert sich nicht darum, ob das Wochenende oder der Arbeitstag hart waren. Wer hier ist, trägt den Filmfest-Virus längst in sich. Ginge es nur darum, die Trailer zu sehen – dann wäre Youtube einfacher. Ginge es nur darum Schnittchen abzugreifen – gäbe es zackigere Möglichkeiten, ohne Trailer und Torsten vorweg. Nein, die Leute sind wegen der Filme hier. Erkennbar ist das nicht zuletzt daran, dass die meistgelesene Seite des Programms der Timetable ist. „Wie kann ich alle Filme sehen, die ich sehen will?“ ist die Frage, um die sich alles dreht. Termin-Tetris für Fortgeschrittene. Letztlich aussichtslos, aber trotzdem vergnüglich – denn dieses Puzzeln auf der Doppelseite in der Heftmitte macht das Filmfest (endlich) spürbar.

Wäre die OLB-Preview ein Satz, dann würde er aussagen, dass das Filmfest wirklich!! bald!! losgeht. Und dass wir uns ab!! jetzt!! vorfreuen können. Und nun, da er ausgesprochen ist, kann es wirklich losgehen. Schluss mit Training – die Wahrheit liegt im Kino, ein Film dauert 90 Minuten und der nächste Film ist immer der spannendste.

Und was soll das alles?

Jeder vernünftige Sportler wärmt sich auf, wenn er einen wichtigen Wettkampf vor sich hat.

Was soll das denn heißen?

Dass das Vorprogramm ein perfekter Einstieg ist. Nicht nur als Prophylaxe gegen Sehnerv-Zerrung. Sondern auch, um das Filmfest langsam wieder das Kommando übernehmen zu lassen – und diese freundliche Übernahme des Alltags herzlich willkommen zu heißen.

Schließlich gilt auch 2015:

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All work and no movies make Jack a dull boy

All work and no movies make Jack a dull boy

All work and no movies make Jack a dull boy

All work and no movies make Jack a dull boy

All work and no movies make Jack a dull

Text: Thorsten Bruns
Fotos: offblogger.de

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