Rot vor Scham und Zorn

– Eine Stippvisite beim heimlichen Star des Festivals.
Aller Festivals. –

UnbenanntFür OffBlogger Claus Spitzer war es kein leichter Gang. Ganz Profi stellte er sich dennoch der Herausforderung und traf einen erbosten Star des Festivals. Der hat sich bei dieser Gelegenheit so richtig ausgek… Aber lesen Sie selbst seine Abrechnung mit Gott, der Welt und besonders den Medien. Dieser Text ist schon jetzt ein Dokument der Zeitgeschichte. Und wird die Welt verändern. Welche auch immer …

Gestatten, mein Name ist Carpet. Red Carpet. In der Filmszene und bei Politikern bin ich bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Obwohl, bunt ist nicht so meine Sache. Aber dazu später mehr. Ich bin ein Star, so viel steht fest. Wo und wann immer eine Premiere, eine Gala oder ein Staatsbesuch ins Haus steht, bin ich dabei. Besser noch: will man mich unbedingt dabei haben! Hollywood, die Oscars, Cannes, Venedig oder Berlin – keine Feier ohne Red Carpet, den Partyboost.

Apropos Berlin, apropos Deutschland. Hier kennt man mich als den … hüstel … „Roten Teppich“. Klingt ein bisschen nach Gysi, finden Sie? Sehe ich genauso. Aber was will man machen? Wir haben alle unser Bündel zu tragen. Immerhin, in den Medien stehe ich hierzulande alle paar Tage. Öfter jedenfalls als so manches TV-Sternchen, das glaubt, eine große Nummer zu sein. Aber meine Agenten kriegen das mit den Journalisten trotzdem nicht so richtig hin. Quanti ist ja nicht Quali.

Wenn man der Presse glauben darf, dann friste ich ein durchweg abwechslungsarmes Leben. Wieso das? Na schauen Sie, was passiert denn mit mir: Ich werde ausgerollt, geklopft und gesaugt. Anschließend ausgerollt, geklopft und gesaugt. Und zur Abwechslung tatsächlich auch mal ausgerollt, geklopft und gesaugt. Dann wieder – na, Sie wissen schon. So steht’s jedenfalls in der Zeitung. Öde, oder? Wenn den Herrschaften an den Schreibautomaten nichts einfällt, dann komme ich auf den Tisch. Also, äh, bildlich gesprochen. Mit mir kann man’s ja machen. Ausgerollt, geklopft und gesaugt. Gähn …

Und so reihen sich die Plattitüden fröhlich aneinander. Besonders schlimm für mich: Niemand schaut genauer hin, was wirklich los ist. Wo sind die ganzen Investigativlinge, wenn man sie braucht? Der Wallraff und seine fleißigen Helferlein? Ich bin ja durchaus ein Geplagter und Geschundener. Wann merkt denn einer, dass ich ständig getreten werde, man auf mir achtlos herumlatscht und -stöckelt und meine besonders sensiblen Ecken furchtlos weggeknickt werden? Tschuldi, ich bin Carpet! Red Carpet. Etwas mehr Respekt, bitte!

Neulich habe ich mich gefragt, was wohl wäre, wenn ich als kleiner Junge in den gelben Farbtopf gefallen wäre. Oder schwarz-weiß gestreift wie ein Zebra, vielleicht auch lila mit grünen Punkten? Jemand eine Idee? Stünde dann auch in der Zeitung „Stars treffen sich am lila Teppich mit grünen Punkten“? Oder doch eher „Auftakt am stählernen Abstandsgitter“? Kaum. Da würde es selbst den trübsten Textern zu bunt. Mich hingegen macht die ewige Phrasendrescherei rot. Rot vor Scham und rot vor Zorn.

Text: Claus Spitzer-Ewersmann
Bild: Filmfest Oldenburg

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